Mittwoch, 27. August 2008

Ziel 200.000 Spam-Mails: Ist Spamoholismus eigentlich heilbar?

Auch eine Weise, sich zu beschäftigen: Während die meisten Internetnutzer nach zuverlässigen Methoden suchen, sie von sich fernzuhalten, versucht da einer seit Januar 2007, gerade möglichst viele Spam-Mails zu bekommen:
Ich bin schon lange fasziniert von gutem Spam oder gutem Phishing, und ich klicke auch häufig auf Spam. Ich glaube, es macht richtig Spaß, Spammer zu sein - wenn es nur nicht so destruktiv wäre. Darüber hinaus bin ich fasziniert von automatischen Übersetzungen und furchtbarer Rechtschreibung, wie sie in Spam-Mails gerne praktiziert wird. (Die Idee)
Sein Ziel für das Jahr 2008: 200.000 Spam-Mails zu erhalten, das sind 548 täglich. Zum Vergleich: In meinem Google-Mail-Spam-Ordner landen derzeit zwischen 800 und 900 Spam-Mails monatlich.

Erfreulicherweise belässt es der Spamschlucker nicht nur bei diesem Ziel, sondern liefert auf seiner Website auch Auswertungen und interessante Erkenntnisse betreffend Spamming und Phishing, wie z.B.,
dass sich der weltweite Spamversand in der Hand weniger kleiner Spammergruppen befindet, (...). Die Zusammenarbeit zwischen den Spammern funktioniert wesentlich besser, als von der Antispam-Szene angenommen wird. Dabei dürfte zunehmend arbeitsteilig (und damit: wesentlich effizienter) gearbeitet werden: Infrastruktur (= Administration der Botnetze), Programmierung der notwendigen Malware, entsprechender Kontakte zur Herstellerszene, technische Maßnahmen für möglichst hohe Öffnungsquoten (= Überwindung von Spamfiltern) - jedes einzelne Agitationssegment wird von Spezialisten betreut, und bei Gott, sie sind gut.

Schließlich ist der Spam-Freund auch manns und kreativ genug, auf die E-Mail einer frierenden Russin namens Elena einzugehen, die sich einen Ofen wünscht - die landete auch irgendwann in meiner Mailbox. Er bietet ihr einen Heizlüfter an, worauf sie nicht eingeht, sondern den "Price of this oven in our local market" nennt: "6840.- Russian roubles". Und sie rechnet auch gleich exakt um: "equivalent of 194 Euros". Nach einer erneuten - eigentlich sehr einfühlsamen - Reaktion mitsamt hübschem Foto brach der Kontakt leider relativ schnöde ab ...

Schließlich verweist der Autor - Ehre, wem Ehre gebührt - auch auf Phil Bradley, der ein ähnliches Experiment schon 2002 durchgeführt hat.

Finde ich amüsant und bezogen auf Spam- und Phishing-Aktionen durchaus erkenntnisreich (und auch lehrreich für Netz-Newbies, welche E-Mails besser nicht zu beantworten oder weiterzuleiten sind!). Der Bitte des Spamaholics ...
Bitte unterstützt mich dabei, indem ihr die Adressen stephan@spamschlucker.org und bm@schweinischer-bote.de auf euren Webseiten verbreitet.
... komme ich hiermit gerne nach.

Immer noch finsterstes Mittelalter? Oder: Löscht endlich das Fegefeuer!

Folgendes Standbild aus einer Sendung des österreichischen katholischen Kirchensenders K-TV, den ich selbst nicht empfange, erreichte mich heute per E-Mail:


Wenn das katholischerseits immer noch in dieser Weise verbreitet wird, dürfte sich die Sache mit der Ökumene noch ein gutes Weilchen hinziehen. Denn davon können wir protestantischerseits nie abgehen: dass es keine Eigenleistung gibt, mit der wir uns die Gnade Gottes "verdienen" könnten. Die Gnade bleibt stets Geschenk.

Überhaupt: Ein Fegefeuer gibt es nicht. Aber solche und ähnliche Erkenntnisse brauchen in vatikanischen Kreisen eben etwas länger. Mich erinnert das wieder einmal an den Witz, in dem einer in die Hölle kommt, sich zunächst darüber wundert, dass dort eine Riesenparty steigt und es sich alle richtig gut gehen lassen, dann noch viel mehr darüber erstaunt ist, dass hinter einer hohen Mauer eine Gruppe armer Seelen doch unter Feuer und Schwefel brennt und leidet - und auf Nachfrage vom Teufel die Antwort bekommt: "Ach, das ist für die Katholiken, die wollen das so."

Montag, 11. August 2008

Unterschwellige Botschaften bei RTL?

Der österreichische Kollege Hans Spiegl hat im RTL-Spielfilm "Wächter der Nacht" eine Entdeckung gemacht, die durchaus als Subliminal durchgehen könnte. Oder ist das nur ein neuer Kopierschutz? Eine Besitzmarkierung? Ein Grafikfehler?

Freitag, 8. August 2008

Ist der Hund wirklich verhungert? - Die Debatte bei WKW, die Forderung nach Vergeltung, der Mensch als Ebenbild Gottes, und ein vorläufiger Abschluss des Ganzen

Mein Blogeintrag vom vergangenen Montag "Ist der Hund wirklich verhungert?", auf den ich im Diskussionsforum der besagten WKW-Gruppe hinwies, hat dort einige Reaktionen hervorgerufen. Freilich konzentrierte sich diese Debatte - ausgelöst natürlich durch die zugespitzte Überschrift - auf die Frage bzw. Behauptung, es sei nicht entscheidend, ob der Hund wirklich verhungerte oder nicht. Verwerflich sei vielmehr grundsätzlich, dass ein Lebewesen zum Kunstobjekt gemacht worden sei, zudem ein offensichtlich leidendes, dass außerdem viele Menschen daneben standen und nichts unternahmen, um dem Tier zu helfen - und dass die Aktion auch noch wiederholt werden soll (wobei zumindest Letzteres wohl inzwischen vom Tisch ist, wenn es denn überhaupt jemals drauf war...). Viel Zustimmung erfuhr der Satz, der in diesem Zusammenhang auf mehreren Webseiten zu lesen ist: "Wenn der Tod Kunst ist, ist die Kunst tot."

Ich habe Advocatus diaboli gespielt und die folgenden Thesen und Fragen formuliert:
  1. "Übrigens war der Tod schon immer Thema der Kunst. Ihn davon ausschließen zu wollen, würde ihn noch stärker tabuisieren als er es heutzutage ohnehin schon ist."
  2. "Wie ist es denn mit Fotografien aus Kriegsgebieten, von Flüchtlingen, von Erdbebenopfern etc.? Die 'besten' Pressefotografien werden regelmäßig gekürt. Damit stellen sie aber ebenfalls eine Kunstform dar. Sind diese Fotografen auch 'Ärsche', weil sie 'nur fotografiert' und nicht geholfen haben?"
  3. "Mal angenommen, das einzige, was wir wirklich gesichert sagen können, ist, dass hier ein lebender Hund zum Kunstobjekt gemacht wurde (nicht sicher ist, unter welchen Umständen, und mit welchem Ende) - müssten dann nicht alle diejenigen, die den Künstler allein schon aufgrund dieser Tatsache verurteilen, auch fordern:
    • Kein Tier darf mehr in einem Film mitspielen?
    • Keines in einem Zoo zu sehen sein?
    • Keines im Zirkus Kunststücke zeigen?
    • Keines bei Sportarten zum Einsatz kommen?
    • Genau genommen auch keines im Aquarium oder Käfig bei irgendjemandem zu Hause herumstehen, nur zum Anschauen und Ergötzen, vielleicht noch zum Spielen?"
In einer recht emotionalen Reaktion wurde Kriegs- und Katastrophenfotografen immerhin zugestanden, dass sie mutig sind und wichtige Arbeit tun, um diese Notlagen bekannt zu machen. Der Beweggrund dahinter dürfe aber nicht Geldgeilheit sein. In Zoo und Zirkus dürften derselben Schreiberin zufolge Tiere in der Tat nicht gehalten werden - obwohl zumindest für den Zoo auch positive Aspekte geltend gemacht werden könnten, dass nämlich beispielsweise schwache Tiere dort wieder zu Kräften gebracht sowie Nachzüchtungen für vom Aussterben bedrohte finanziert werden könnten. In Bezug auf Haustiere kam der berechtigte Hinweis, dass viele schon so an den Menschen gewöhnt seien (zumal wenn sie von Geburt an in der Menschenfamilie sind), dass sie kaum ausgewildert werden könnten. Allerdings könnte man hier einwenden, dass dies ja ebenfalls eine von Menschen geschaffene, unnatürliche Situation ist. Auf das Filmverbot für Tiere kam bislang keine Reaktion, obwohl (oder gerade deswegen, weil) diese Forderung der Situation der Kunstausstellung noch am vergleichbarsten ist.

Mehrere Äußerungen gehen dahin, dass der Künstler sein im Nachhinein selbst formuliertes Ziel tatsächlich erreicht habe, nämlich auf die Gleichgültigkeit der Menschen hinzuweisen: "Wenn ich den Hund als Kunstobjekt vor eine Wand binde, wird er plötzlich zum Fokus. Wenn er in der Straße vor Hunger stirbt, kümmert das keinen." Seine Vorgehensweise wird indes nach wie vor scharf kritisiert.

Manche Mitglieder der WKW-Gruppe vergreifen sich hinsichtlich der Person des Künstlers Guillermo Vargas heftigst im Tonfall. Ich wies schon in meinem ersten Blog-Eintrag zu diesem Thema auf die Morddrohungen gegen ihn hin. Bei WKW fallen Formulierungen wie "Hurensohn", "Monster", "Drecksau", "der gehört zurückgefickt und abgetrieben". Leider blieb auch die durch meinen Eintrag angeregte Debatte von solchen Äußerungen nicht verschont:
"Herzloses Subjekt"

"alder der soll sich selbst an de strick binden und verhungern und verdursten... (...)
so behinderte leute...die einfach nur übelst krank im kopf sind (...)
Und leute die dahin gehen und nix dagegen machen sind genau so assi behindert"

"dann gehört es diesem etwas von Lebewesen (denn der ist kein Mensch, und
schon gar kein Tier, Tiere foltern sich nicht gegenseitig!) nicht anders als dem armen
Hund. Würde bestimmt toll aussehen, den Kerl an der Leine, kurz vorm verhungern anzugaffen...so
wie ich mich kenne würde ich ihm dennoch ein Teller mit Essen zuschieben, aber erst
nachdem ich ihn eine Weile in seiner Strafe begutachtet hätte!"
Abgesehen von dem menschenverachtenden Gebrauch des Begriffes "behindert" als Schimpfwort, der unter Jugendlichen schockierenderweise immer noch (oder wieder?) angesagt zu sein scheint, entsprechen diese Äußerungen klar dem Wunsch, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Mehr noch, man will sich, um dem eigenen Gerechtigkeitsempfinden Genüge zu tun, auch noch an dem Leiden des Künstlers ergötzen. Diesem werden Menschenrecht und Menschenwürde abgesprochen.

Selten ist mir so klar geworden, warum Jesu Forderung der Feindesliebe so bedeutsam ist: Weil keinem Menschen, auch nicht dem ärgsten Feind, dieses Recht und diese Würde abgesprochen werden dürfen. Tun wir dies und behandeln einen anderen Menschen nicht mehr als Menschen, dann verlieren wir selbst ebendiese Würde.

Und wenn ich jetzt auf die Gottebenbildlichkeit des Menschen hinweise, dann weiß ich schon, dass das vielen Mitgliedern der WKW-Gruppe nicht gefallen wird. Dass der Mensch Ebenbild Gottes sei (1. Mose 1,27), diese Lehre ist zu oft dazu missbraucht worden, sich über den Rest der Schöpfung zu erheben und Leid über sie zu bringen. Absurderweise, denn eigentlich sollte sie genau das Gegenteil bewirken: Der Mensch als Frau und Mann ist Ebenbild Gottes. D.h. er war es vor dem mythologischen Sündenfall. Heute, in der unerlösten Welt, hat er diese Ebenbildlichkeit verloren, sie ist zerbrochen, scheint nur in Fragmenten auf. Die Gottebenbildlichkeit ist seine Bestimmung, das, wie der Mensch von Gott her ursprünglich gedacht ist, wie er sein soll. Weil Gott der Schöpfer ist, der Grund allen Seins, die Liebe selbst, kann das Leiden von Schöpfung und Geschöpfen nicht in seinem Sinne sein. Je mehr der Mensch zum Leid anderer Teile der Schöpfung beiträgt, umso mehr zersplittert seine Gottebenbildlichkeit. Lebt er im Einklang mit der Schöpfung und lindert er Leid, so kommt er seiner Bestimmung, Gottes Ebenbild zu sein, näher. In diesem Sinne ist der Künstler genauso Gottes Ebenbild wie ich und jeder andere Mensch. Niemand hat das Recht, ihm dies abzusprechen. Der Mensch hat die Definitionsgewalt über die Natur: 1. Mose 2,19: "... denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen." Aber er hat nicht das Recht zu bestimmen, wer Mensch ist und wer nicht.

Dennoch bin ich insgesamt aufgrund dieser Debatte mittlerweile der WKW-Gruppe gegenüber versöhnlicher gestimmt. Es ist deutlich geworden, dass es doch Einzelpersonen gab - wenn auch angesichts von 44 000 Gruppenmitgliedern wohl nur eine kleine Minderheit -, die den Versuch unternommen haben, Details des Vorfalls zu recherchieren und zu rekonstruieren. Es sind Personen in der Debatte in Erscheinung getreten, die nicht nur Online-Petitionen unterschreiben, deren Nutzen zumindest zweifelhaft ist, sondern die im Fall der Fälle in ihren engen Möglichkeitsgrenzen tun, was sie können, um tierisches Leid (auch menschliches?) zu lindern: Beispielsweise eine Igelfamilie wieder aufpäppeln oder einen Streuner aus Italien mit nach Hause nehmen, entgegen tierärztlicher Prognose dessen Überleben sichern, um nun bereits vier Jahre den "dankbarsten und tollsten Hund der Welt" als Familienmitglied zu haben. Dass Letzteres sehr wahrscheinlich illegal und möglicherweise aufgrund von Krankheitsgefahr leichtsinnig gewesen ist, steht auf einem anderen Blatt - mir geht es in der positiven Würdigung hier um die Tatsache, dass ein Mensch sich durch den Anblick eines leidenden Mitgeschöpfs zum Handeln herausgefordert gesehen hat.

Das Problem der Straßenhunde ist ein sehr schwierig zu lösendes und stellt tierliebende Privatpersonen vor ein Dilemma: Man mag sich moralisch verpflichtet fühlen, ein hungerndes Tier zu füttern und so sein Leid zu lindern. Allerdings trägt man auf diese Weise dazu bei, dass sich die Hunde weiter vermehren und es im Endeffekt noch mehr hungernde Tiere gibt. Sehr eindrücklich fand ich diese Reportage über die Situation in der rumänischen Hauptstadt Bukarest: In dieser Stadt herrscht Krieg - Seit Jahren versucht die Bukarester Verwaltung erfolglos, eine Lösung für die Straßenhunde zu finden.

Ich will zum Schluss noch einmal auf die Absicht zurückkommen, die ich mit meiner Diskussionsanregung ursprünglich verfolgte. Ich fand meinen Standpunkt beim erneuten Herumrecherchieren zum Thema auf den folgenden Seiten von anderen Netizens sehr eindrücklich und pointiert formuliert, und das bereits vor Monaten. Ich lasse sie mit ihren Worten hier quasi für mich sprechen, um das Thema von meiner Seite damit - zumindest vorerst - abzuschließen.

"Die Aufregung zeigt einfach einmal mehr, dass viele Leute geneigt sind, (fast) alles zu glauben, was in dieser Art (massenhafte Verbreitung nicht überprüfter Informationen, Unterschriftensammlung) übers Internet verbreitet wird. Vor allem wenn es um Kinder und Tiere geht - da setzt bei manchem der "Wie schrecklich"-Reflex ein, der dann in hektischem Aktivismus endet. Dabei raus kommt dann eine Unterschriftensammlung, ein Massenmail oder eben solche Aufrufe in Foren.
(...) Was ich aus der Geschichte in jedem Fall lerne, ist noch weniger einfach zu glauben und mehr zu hinterfragen. Wenn man nämlich genauer drüber nachdenkt, kann man schon drauf kommen, dass da wahrscheinlich etwas nicht stimmt. (...)
Und zum Schluss: Ich bin nicht der Meinung, dass es legitim ist, leidende Wesen, die ihren Willen nicht äussern können, als Kunstobjekte zu missbrauchen. Ich bin überzeugt, dass es dem Habacuc nur darum ging, bekannt zu werden, und zwar auf Kosten einer unschuldigen Kreatur. Das ist moralisch zu verurteilen. Aber einen Grund zur Aufregung finde ich das jetzt nicht - schon nur aus Gründen der Fairness gegenüber den Wesen, für die sich niemand entrüstet, weil sie keine Plattform wie Habacucs Hund erhalten.
Abgesehen davon: Wenn jeder, der die Petition unterschrieb stattdessen 5 Euro an den Tierschutz gespendet hätte - ja dann hätte man vielleicht wirklich was Gutes aus der allgemeinen Entrüstung machen können... Das ist jetzt aber auf niemanden aus diesem Forum gemünzt - ich weiss, dass es hier Leute gibt, die sich stark für den Tierschutz engagieren und sich nicht nur darauf beschränken, Petitionen zu unterschreiben! Aber ich habe - wie man sicher gemerkt hat - ein Problem mit diesem organisierten Entsetzen was diesen Hund und andere, ähnlich gelagerte Fälle angeht."
- Ein weiterer Beitrag von Alfa Romea spricht einen zusätzlichen, auch aus meiner Sicht nicht unwichtigen Punkt an:
"Ich wünsche mir einfach einen etwas kritischeren Umgang mit solchen Aktionen. Der Hintergrund dieses Wunsches ist der, dass gerade mit Not und Elend extrem viel Schindluder getrieben wird, und das bringt mich wirklich auf die Palme. In diesem Fall ist es jetzt nur eine "harmlose" Unterschrift - in einem nächsten Fall wird dann vielleicht Geld gesammelt, so im Stile von "wenn jeder nur einen Euro zahlt" etc. Und wohin das Geld dann verschwindet, wird in vielen Fällen nicht kontrolliert. Und es gibt genug Schafe (= unkritische Leute) die blökend dem Leithammel (= Spendensammler) hinterherrennen, wenn dessen Story nur fies genug ist.
Eine Petition zu unterschreiben und dabei zB eine E-Mail-Adresse zu hinterlassen kann übrigens für den Unterschriftensammler auch gewinnbringend sein: Indem er die gesammelten Mail-Adressen an Spammer verkauft. Ich behaupte nicht, dass es im vorliegenden Fall so ist. Das mag alles tatsächlich extrem harmlos und nur für den guten Zweck sein. Aber wer von euch hat denn mal nachgesehen, wer genau hinter der Aktion steckt, woher die Leute kommen und was sie sonst noch so treiben?"
- Ein Beitrag auf Wunsch-Hund.de befasst sich schließlich mit dem Problem, dass wir auf dramatische Einzelfälle gerne heftig und aktionistisch reagieren, darüber aber die große Masse der Leidenden und die Möglichkeiten für langfristige Hilfe gerne außer Acht lassen:
"unabhängig von der Frage, was Kunst darf und ob man mit öffentlich gemachter Grausamkeit und zur Schau gestellter Gleichgültigkeit nicht falsche Signale setzt: Täglich sterben unzählige Tiere unter ähnlichen Bedingungen, täglich sterben vor allem auch unzählige Menschen unter ähnlichen Bedingungen. Bekommt ein Einzelfall ein Gesicht und vor allem einen konkreten "Schuldigen", kann man leicht Tierschutz fordern. Man hat das Gefühl, etwas tun zu können und sich hinterher besser zu fühlen.
Für die Massen an No Names, die solch ein Schicksal erleiden, hat unser Bewusstsein keine Lösungsmöglichkeit und deshalb blenden wir das generelle Thema lieber aus. Jeder erinnerte sich (zumindest eine Zeit lang) an den Namen Darfur und die dortige Hungerkatastrophe, weil es erbarmungswürdige Bilder wochenlang in den Nachrichten zu sehen gab. In den Monaten und Jahren zuvor, als die Menschen dort ohne Nachrichten-Aufmerksamkeit litten, waren sie für uns unsichtbar.
Gib einem Drama die entsprechenden Bilder oder einen herausgehobenen Einzelfall wie diesen Hund ohne Futter verenden zu lassen - dann wird es sichtbar und das schlechte Gewissen holt uns ein, weil es uns gut geht. Und weil wir uns leicht auf die scheinbar richtige Seite stellen können und uns hinterher etwas besser fühlen. Aktiver Tierschutz oder langfristig angelegte Entwicklungshilfe ist dagegen immer im Dienst, auch wenn keiner hinguckt. Zeit, den eigenen Geldbeutel oder noch besser das konkrete eigene soziale Engagement ins Spiel zu bringen. Der beste Zeitpunkt dafür ist, wenn man sich gerade (gerne auch zurecht) über ein konkretes Drama aufregt. Stellvertretend für viele Organisationen, die sich neben Hunden auch um das Wohl aller anderen Tiere kümmern, deshalb hier der Link zum deutschen Tierschutzbund."

Montag, 4. August 2008

Ist der Hund wirklich verhungert?

Menschen regen sich gerne über Dinge auf, über die sich leicht aufzuregen ist, weil sie die Humanität anzusprechen scheinen. Wir reagieren schnell und impulsiv, wenn Emotion im Spiel ist. Wir wollen gute Menschen sein, die Frage, ob der Mensch von Grund auf böse oder gut ist, für letztere Antwortmöglichkeit entschieden wissen.

Wenn wir dann bei einem Thema, das uns aufregt und zu dem sich scheinbar leicht eine Position einnehmen lässt, auf eine Gruppe Gleichgesinnter treffen, womöglich sogar Tausende, wenn wir Zugriff zu einem Medium haben, das uns unsere Position leicht und schnell und gefahrlos öffentlich machen lässt, dann gibt es meist kein Halten mehr. Dann verzichtet mensch auch schon einmal auf jede eigene Recherche-Anstrengung, um sich darüber klar zu werden, wofür (oder wogegen) er sich da eigentlich einsetzt.

Vor einiger Zeit wurde ich auf wer-kennt-wen.de in die Gruppe „Künstler lässt Hund verhungern" (Neue Rechtschreibung von mir: ß - ss) eingeladen. Es geht um den Künstler Guillermo Vargas Habacuc, der im Oktober 2007 in einer Galerie in Nicaragua einen abgemagerten Hund ausstellte, bis dieser - so die Legende - jämmerlich verhungerte.

Nun soll der Gruppenbeschreibung zufolge diese Aktion bei der "Bienal Centroamericana Honduras 2008" wiederholt werden. Dagegen – bzw. gegen die Präsenz des Künstlers bei dieser Veranstaltung überhaupt – gibt es eine Online-Petition, die Hunderttausende bereits unterzeichnet haben. Die WKW-Gruppe hat über 40 000 Mitglieder.

Weil mich schon viel zu viele ähnlich gelagerte Ketten-E-Mails und Petitionen erreicht haben, von denen ich fast alle nach einer einfachen Gegenprüfung beim Hoax-Info-Service in die digitale Mülltonne treten konnte, war ich auch hier zunächst skeptisch. Misstrauisch machte mich vor allem eine Fotoserie, die in einem Album der WKW-Gruppe zu sehen ist, und die den angeketteten und schließlich verhungerten Hund zeigen soll:



Für jeden leicht zu erkennen ist, dass der Hund auf dem dritten Bild nicht angeleint ist und auch nicht vor derselben Wand liegt wie auf den ersten beiden Bildern. Aufgrund der schlechten Fotoqualität lässt es sich zwar nicht eindeutig sagen, aber mir scheint das dritte Bild generell ein ganz anderes Tier zu zeigen.

Selbst im von der WKW-Gruppe verlinkten Spiegel-Online-Artikel, der ansonsten sicher davon auszugehen scheint, dass der Hund während der Ausstellung verhungert ist, wird aus den Zitaten des Künstlers deutlich, dass niemand den toten Hund gesehen, geschweige denn fotografiert hat. Er war vielmehr auf einmal "verschwunden" - ob er entwischt ist oder freigelassen wurde, ist nicht zu bestimmen.

Zugegeben: Die Internetrecherche zu diesem Thema gestaltet sich schwierig, weil unter den Suchergebnissen zunächst ungeheuer viele Webseiten und Blogbeiträge erscheinen, die sich über die "Kunst-Aktion" echauffieren. Internetrecherche allein genügt auch eigentlich nicht, um Sicherheit über die Vorgänge zu gewinnen. Sie reicht aber zumindest aus, um sagen zu können: Was da tatsächlich passiert ist, können wir von hier aus nicht feststellen.

Und um die Suche für Interessierte zu vereinfachen, hier drei Artikel, welche die Legende vom verhungerten Hund widerrufen:

Starving Dog as Art Isn't Dead – Don't Believe Everything You Read

The Extraordinary Pet Blog: Starving dog exhibit reported as a hoax

Ink & Mess: Starving Dog as Art - Gallery confirms exhibition as hoax

Ich will gar nicht groß in die Debatte einsteigen, ob diese Kunstaktion - ein fühlendes und leidendes Lebewesen auf diese Weise auszustellen - nicht dennoch verwerflich ist, auch wenn der Hund nicht gestorben ist.

Es geht mir um diese einfachen Tatsachen und Verhaltensregeln im Umgang mit dem weltweiten Netz:

Menschen reagieren zum einen erstaunlich leichtgläubig, zum anderen höchst empfindlich, wenn Dinge attackiert werden, die ihnen wichtig sind: Tierliebe, Kinder, eigene Zukunftssicherung, Geld/Steuern, Umweltschutz, Gott und die Kirche. Was im Nachgang der ganzen Geschichte passiert ist, lässt sich sehr wohl feststellen: Hype, Aufregung, Emotionen kochen hoch, der "Künstler" erhält Morddrohungen (!) - manche Tierschützer sind offenbar selbst weniger human als sie gerne wären.

Deshalb: Glaube nicht alles, was du im Internet liest oder hörst. Bevor du dich für etwas engagierst, wovon du im Internet erfahren hast, prüfe es genau. Denn: Die Mühe, sich zu informieren, muss sich jeder immer noch selbst machen. Das Internet hat uns dieser Aufgabe, ja Verpflichtung nicht enthoben, sondern sie erst noch verstärkt. Es ist nicht leichter geworden (auch wenn es manchmal den Anschein hat), sondern schwieriger.

["Übriggebliebene" Links:
Costa Rica Blogs - » Dead Dog: But is It Art?
Urban Legends Reference Pages: Guillermo Vargas: Dog Starved for Art Exhibit
Salonkritik.net: Aclaración tema "Hababuc". Rodolfo Kronfle Chambers
The Starving Dog Exhibition Controversy
reiskeks-natividad.blogspot.com
elperritovive.blogspot.com ]