Donnerstag, 23. April 2009

Bundesinnenminister Schäuble: Engagierter evangelischer Christ

Heute beginnt in Speyer das lange Festwochenende zum Abschluss der Sanierungsarbeiten an der Gedächtniskirche der Protestation. Zum Auftakt diskutieren auf dem Podium in der Kirche ab 19 Uhr der pfälzische Kirchenpräsident Christian Schad und Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann über verschiedene ökumenisch bedeutsame Themen. Die Veranstaltung steht unter dem Titel "Römisch-katholisch und evangelisch-protestantisch: Gemeinsame oder getrennte Wege des Christlichen?"

Morgen Abend ist Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble in der Gedächtniskirche zu Gast. Er spricht über "Die gesellschaftliche und politische Bedeutung des Protestantismus heute". Das mag manchen überraschen, denn aus der Vorbereitungsarbeit der vergangenen Wochen scheint mir doch vielen nicht bekannt zu sein, dass der Innenminister ein engagierter evangelischer Christ ist und bereits zu vielen entsprechenden Themen öffentlich das Wort ergriffen hat. Das belegt ein Blick auf seine Homepage und die Reden, die dort im Volltext herunterzuladen sind.

Eine Auswahl zu den Themen Religion, Glaube und Kirche habe ich nachfolgend zusammengestellt. Sobald der morgige Vortrag ebenfalls erhältlich ist, werde ich auch diesen in die Liste aufnehmen (Update 5.6.09: ist hiermit geschehen!).
[Update 24.4.: Die Links zu den pdf-Dateien waren fehlerhaft und wurden korrigiert.]
[Update 5.6.: Link zum Protestantismus-Vortrag in Speyer am 24.4.09 eingefügt]

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Falsch verstandene Liberalität: Zum Streit um den Religionsunterricht in Berlin

In seinem Beitrag aus der heutigen NZZ zum bevorstehenden Volksentscheid am 26.04. über den Religionsunterricht in Berlin kommt Kommentator Joachim Güntner zu folgendem Schluss:
Siegt hingegen die Initiative mit ihrem Verlangen nach einem «Wahlpflichtbereich Ethik/Religion», dann hat sie eine Gleichbehandlung beider Fächer erreicht, die das verfassungsmässige Recht, dem Religionsunterricht fernzubleiben, fast völlig verblassen lässt. Es ist, als machte «Pro Reli» aus dem als Bevormundung beschimpften «Zwangsfach Ethik» einfach ein um die Religion erweitertes Doppel-Zwangsfach. Liberal wirkt auch das nicht.
Dieses Fazit halte ich für großen Unsinn. Was wäre die Konsequenz der mit den letzten beiden Sätzen im Prinzip geforderten völligen Liberalität? Eigentlich doch dies, dass die Schülerinnen und Schüler entscheiden können sollten, sowohl Religion als auch Ethik abzuwählen. Das aber kann in niemandes Sinne sein. Wie Theologieprofessor Rolf Schieder schon gestern in der F.A.Z. auf S.11 schrieb: "[D]er Zwang zur Wahl [ist] die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit".

Auch lässt die "Gleichbehandlung beider Fächer" eben gerade nicht "das verfassungsmäßige Recht, dem Religionsunterricht fernzubleiben, fast völlig verblassen". Es ist vielmehr umgekehrt so, dass die bisherige Berliner Sonderregelung eines Pflichtfachs Ethik das verfassungsmäßige Recht, am Religionsunterricht teilzunehmen, verblassen lässt! Denn Religionsfreiheit bedeutet nicht nur Freiheit von der Religion, sondern vor allem auch Freiheit zur Religion.

Ceterum censeo, dass das Bundesverfassungsgericht baldmöglichst und endlich und endgültig einmal über die Frage der Anwendbarkeit der Bremer Klausel entscheiden sollte.

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Montag, 20. April 2009

Ist der Tod eine Person? Für wen arbeitet er?

Wieder einmal habe ich in meiner Eigenschaft als "Experte" für verschiedene Themen bei wer-weiss-was.de eine Anfrage per E-Mail erhalten. Meine Antworten auf diese und auch auf andere Anfragen will ich künftig auch hier im Blog veröffentlichen, weil ich meine, dass sie durchaus für ein paar Leute mehr interessant sein könnten als nur für die jeweiligen Fragesteller. Für das Blog bereite ich die Antworten vom Layout und durch das Einfügen zusätzlicher Links etwas auf.

Die aktuelle Anfrage umfasste mehrere Fragenkomplexe. Zunächst habe ich mir diesen vorgenommen:
Habe ein paar Fragen zum Tod und zum Jenseits. 1. Ist der Tod eine "Person", ein Geist wie Gott und der Teufel? Wenn ja, für wen "arbeitet" er, für Gott oder den Teufel, ist er gut oder böse? Darf man den Tod lästern? Darf man als Autor skurrile Geschichten über den Tod schreiben?
Meine Antwort:

Der Tod ist keine Person und kein Geist, sondern zunächst einmal
einfach eine Realität biologischen Lebens. Unser Leben ist zeitlich
begrenzt, es nimmt einmal ein Ende, und dieses Ende nennen wir Tod.
Wir Menschen, vor allem unsere Dichter, personifizieren den Tod, weil
wir die Bedrohung, die er mit sich zu bringen scheint, auf diese Weise
besser fassbar machen und verarbeiten können. Das zu tun ist richtig
und wichtig und notwendig.
Der Tod arbeitet weder für Gott noch den Teufel (wie auch immer man
letzteren definieren/charakterisieren mag) und er ist an sich auch
weder gut noch böse.
Er "ist" einfach. Es gibt ihn eben, den Tod, und
wir müssen damit umgehen lernen, dass unser Leben auf dieser Welt
nicht von ewiger Dauer ist. Das mag unserer menschlichen Eitelkeit
widersprechen. Als gut oder böse empfinden wir nur je ganz subjektiv
den Weg eines Menschen zum Tod. War es ein "leichter" oder ein
"schwerer" Weg, starb jemand "lebenssatt", oder hatte er "noch so viel
vor sich"?
Selbst für jemanden, der keine christliche (oder andere) Hoffnung über
den Tod hinaus verspürt, müsste der Tod an sich wertfrei sein. Denn er
könnte sagen: "Ich war schon mal tot - vor meiner Geburt. Ich kann
mich weder an Leiden noch an Freude erinnern, demgemäß habe ich nichts
zu hoffen, aber auch nichts zu fürchten, was den Tod betrifft."
So weit ich es sehe, gibt es im Hinblick auf den Tod nur zwei
sinnvolle Glaubensalternativen:


  • Aus dem Nichts kommen wir - ins Nichts kehren wir zurück, oder:
  • Aus Gottes Hand kommen wir - in Gottes Hand kehren wir zurück.
Natürlich liegt für viele Menschen das "Böse" des Todes eben darin,
dass er unser vorangegangenes, uns doch wertvolles Leben "zunichte"
macht. Doch die Furcht davor ist nur Ausdruck der o.g. menschlichen
Eitelkeit, Anmaßung und Selbstüberschätzung, bzw., theologisch
gesprochen, Ausdruck der Sünde, des Abgeschnittenseins von Gott.
Der Tod ist Abbruch aller Beziehungen - bis auf die eine, die
Beziehung zu Gott, die dem gläubigen Menschen durch den Glauben an die
Offenbarung Gottes in Jesus Christus geschenkt ist. (Etwas
ausführlicher finden Sie diese theologische Abschweifung hier
dargestellt: http://www.theologie-systematisch.de/eschatologie/5sterben/texte-theologie.htm)
"Darf man den Tod lästern?", fragen Sie. Ich möchte sagen: Auf jeden
Fall! Man sollte sogar! Wer das tut, vermeidet die Tabuisierung des
Todes, wie sie in der heutigen Gesellschaft an der Tagesordnung ist.
"Tod, wo ist dein Stachel?", ruft ihm ja schon der Apostel Paulus keck
entgegen, getragen vom Glauben an die Auferstehung Christi. Dieses
Lästern kann auch seelsorgerlich-heilende Wirkung haben. Ich denke an
eine Szene aus dem Film "Patch Adams", in der der Arzt (gespielt von
Robin Williams) sich mit einem todkranken Patienten darin überbietet,
immer wieder neue Bezeichnungen und Namen für den bevorstehenden Tod
zu finden und sich fast wie im Wettstreit zuzurufen. Das hat
befreiende und erlösende Wirkung, weil der Tod beim Namen genannt,
lächerlich gemacht und ihm so seine Macht genommen wird, ins Leben
vorzugreifen, statt nur an seinem Ende zu stehen.
"Darf man skurrile Geschichten über den Tod schreiben?" - Das ist mit
der vorangegangenen Frage eigentlich schon mit beantwortet. Ich liebe
beispielsweise die Darstellung des Todes als Skelett mit Sense, das nur
in Großbuchstaben spricht, wie es Terry Pratchett in seinen
humoristischen Fantasy-Romanen über die "Scheibenwelt" entwickelt hat.
Wir brauchen solche Geschichten zur "Seelenreinigung". Weil unser
aller Leben zwangsläufig auf den Tod hinauslaufen, brauchen wir die
Beschäftigung mit diesem Thema - in allen seinen Spielarten, von
albern bis skurril, von lustig bis ernsthaft, von
zweifelnd-verzweifelnd bis hoffnungsfroh.
Im Übrigen ist es mit der Personifizierung des Todes ein bisschen so
wie mit dem alten Trick, sich Examensprüfer oder Vorgesetzte beim
Bewerbungsgespräch in Unterwäsche vorzustellen. "Darf" man das? Von
irgendeinem hochmoralischen Standpunkt her vielleicht nicht. Aber es
tut gut.
So weit meine Antwort zum ersten Teil Ihrer Frage. Ich hoffe, Ihnen
damit weitergeholfen zu haben. Meine Ausführungen lassen sich
eigentlich mit einem Satz zusammenfassen: Wir brauchen keine Angst zu
haben.

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Ich habe den Namen meiner Tochter geträumt.

Meine Urgroßmutter mütterlicherseits hieß Luise. Sie starb 1985 im Alter von 85 Jahren. Beim notwendigen Durchforsten der persönlichen Unterlagen nach ihrem Tod stießen wir auf ein Dokument, das belegte, dass der tatsächliche Taufname meiner Urgroßmutter nicht Luise, sondern Elouisa war. Das erzählte ich irgendwann später einmal meiner Frau - und der Name setzte sich in unseren Köpfen als potentieller Name für weiblichen Nachwuchs fest.

Hello World!Als Anfang 2008 dann die Geburt unserer Tochter bevorstand, wollte ich diese Namensgeschichte noch einmal verifizieren und bat meine Mutter, das entsprechende Dokument herauszusuchen. Es erwies sich nicht nur als unauffindbar, sondern schlicht als nichtexistent. Der eingetragene Name meiner Urgroßmutter lautete Luise. Den Namen Elouisa (den ich in dieser Schreibweise per Google-Suche weltweit nur einige wenige Male finden konnte) musste ich geträumt haben. Was uns nicht davon abhielt, unsere Tochter so zu taufen.

Ebenfalls geträumt hatte ich übrigens das Geschlecht meiner Tochter. Zu einem Zeitpunkt, als wir noch nicht wussten, was es werden wird, träumte ich davon, ein dunkelhaariges kleines Mädchen im Arm zu halten. Als sie schließlich zur Welt kam, hatte sie bereits ganz viele dunkle Haare auf dem Kopf. Auf dem gezeigten Foto ist Elouisa genau eine Woche alt.

Das wollte ich hier schon lange einfach gerne mal berichten, ohne jegliche Wertung oder Deutung. Mag sich jeder und jede selbst so seine Gedanken darüber machen.


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Freitag, 17. April 2009

"Das Jüngste Gericht" im "Hôtel-Dieu" von Beaune

Heute mal eine Notiz aus dem (nicht wirklich konsequent geführten) Reisetagebuch vom 16. September 2007 in Beaune, Burgund:

Vorgestern besichtigten wir in Beaune das Hôtel-Dieu (Hospice), den "Palast der Armen", den der Kanzler von Burgund, Nicolas Rolin, 1443 stiftete. Neben dem beeindruckenden, 50 Meter langen Krankensaal blieb mir vor allem das - laut unserem Reiseführer - "Prunkstück der Ausstattung" im Gedächtnis: das Altarbild "Jüngstes Gericht" von Rogier van der Weyden aus dem 15. Jahrhundert. Es ist riesig: neun Tafeln! "Aufgeklappt ist der Altar 5,60 m breit." (Baedeker-Reiseführer Burgund, S. 160).




(Quelle: Wikimedia Commons - klicken für größere Version)


[Gerade entdecke ich mit Entsetzen, dass im Baedeker das Detail vom Altarbild, Erzengel Michael mit der Seelenwaage, seitenverkehrt abgedruckt ist - was völlig unmöglich ist, denn über Michael thront - im Baedeker nicht zu sehen - Christus als Weltenrichter, und ich glaube, für diese Darstellungen gilt ohne Ausnahme, dass die Seligen zur Rechten Christi in den Himmel, die Verdammten zur Linken Christi in die Hölle wandern. Vom Betrachter aus gesehen ist der Himmel also immer links, die Hölle rechts. Dies - vermutlich aus Layout-Gründen, nämlich damit Michael zur Buchmitte hin- und nicht aus dem Reiseführer herausschaut - zu ändern zeugt von gewaltiger Ignoranz.]

Mir fiel auf:
  • Die Seligen machen einen weit weniger erfreuten, glücklichen, erlösten Eindruck als die Verdammten einen verängstigten, verzweifelten. Die Seligen wirken eher demütig-untertänig-gleichgültig, während es für die Verdammten ganz offensichtlich nichts Grauenhafteres gibt als zu den Verdammten zu zählen.
  • Unter den Verdammten gibt es einige, die in herzergreifend flehenden Posen in Richtung Weltenrichter gezeigt werden. Sollte Christus tatsächlich derart unbarmherzig sein?
  • Die Darstellung der "Höllen-Seite" ist (für mich) ungewöhnlich: Nur ein paar Flammen züngeln, aber es sind keine Teufel, Dämonen oder sonstige Höllenwesen (wie etwa bei Hieronymus Bosch) zu sehen. Stattdessen steht den Verdammten die Angst buchstäblich in ihre Grimassen geschrieben, und: Sie reißen sich gegenseitig an den Haaren! Insgesamt wird die Höllendarstellung nach meinem Empfinden dadurch nicht weniger eindrücklich als bei Bosch - denn hier bleiben die Schrecken der Hölle der Fantasie des Betrachters überlassen.
  • Ich erinnere mich, dass mich auch die Nacktheit der Auferstandenen seltsam berührte. Gerade durch van der Weydens anatomisch getreue Darstellung erschien mir dies wie eine Verletzung des Intimbereichs derer, die vor den Weltenrichter treten - eine Demütigung aller (nicht nur der Verdammten). Ich sehe kaum Hoffens- oder Erstrebenswertes in diesem Bild und frage mich, ob der Mensch des Spätmittelalters solches darin gefunden hat.

Wikipedia-Artikel über Rogier van der Weyden

Wikipedia-Artikel über das Altarbild "Das Jüngste Gericht"

Wikipedia-Artikel über das Hôtel-Dieu de Beaune

Donnerstag, 16. April 2009

Zur ethischen Beurteilung der "Körperwelten"-Ausstellung von Gunther von Hagens

Seit 10. Januar ist die neu konzipierte "Körperwelten"-Ausstellung von Plastinator Gunther von Hagens in Heidelberg zu sehen. Wenn sie nicht verlängert wird, läuft sie noch bis zum 26. April, also noch anderthalb Wochen. Kurz vor der Ausstellungseröffnung Anfang Januar hatte ich begonnen, kirchliche Stellungnahmen aus den vergangenen Jahren zusammenzustellen, um für dieses Blog eine grundsätzliche ethische Beurteilung zu verfassen. Die Stofffülle wuchs jedoch rasch sehr stark an, und das Thema erwies sich als komplexer als gedacht, so dass ich dieses Vorhaben - auch aus Zeitgründen - nicht umsetzen konnte. Im Folgenden veröffentliche ich nun die halbwegs geschlossenen, im Ganzen aber doch Fragment gebliebenen Teile meiner Beschäftigung mit dem Thema.

Mannheim 1997: Grobe Geschmacklosigkeit und Verletzung der Menschenwürde
Laut einem epd-Artikel vom 28.10.1997 kritisierten evangelische und katholische Kirche damals die Ausstellung als "grobe Geschmacklosigkeit" und Verletzung der Menschenwürde, die nicht mit dem Tod ende. In einem gemeinsamen Brief an führende Politiker des Landes und der Stadt bemängelten die Mannheimer Kirchen, dass Verstorbene zu Ausstellungsstücken degradiert und das neugierige Betrachten präparierter toter Menschen zu einem Kulturereignis stilisiert werde. Die Ausstellung trage zum Verfall sittlicher Werte in unserer Gesellschaft bei. Des Weiteren wurde damals die Befürchtung geäußert, die "Ehrfurcht vor dem Leben" könne Schaden nehmen. Und es wurde festgehalten, dass die Kirchen nichts gegen die Verwendung von präparierten Leichen zu wissenschaftlichen Zwecken haben.

Von Hagens: Spender haben eingewilligt - ekelfreie Anatomie
Gegen den Vorwurf, seine Ausstellung verletze die Menschenwürde, verteidigte sich von Hagens damals mit den Argumenten:
  • Die Spender hätten zu Lebzeiten schriftlich eingewilligt
  • Die Spender blieben anonym
  • Die Spender seien nicht mehr "Objekt von Trauer"
Außerdem hätten ihm zwei Christinnen ihre Körper mit der Begründung überlassen, sie würden in einem neuen Leib auferweckt werden.
Damals argumentierte von Hagens, das "Unangenehme des Sterbens und der Verwesung" werde nicht gezeigt. Die Präparate seien trocken, fest und geruchsfrei. Sie seien so vom Ekel befreit, und Laien könnten sich ohne Abscheu mit der Anatomie befassen.

Mehr Tabubruch als wissenschaftliche Aufklärung? - "Staunen über die Schöpfung"
Der heutige badische Landesbischof und damalige Mannheimer Dekan Ulrich Fischer bewertete die Ausstellung laut epd vom 21.11.1997 als Tabubruch, der den christlich-jüdischen Wertekonsens in Frage stelle. Menschen würden nach ihrem Tod zu Kunstwerken verarbeitet. Damit habe die Ausstellung etwas "Sensationelles, Voyeuristisches", das mit wissenschaftlicher Aufklärung nichts mehr zu tun habe. Der Plastinator mache sich selbst zum Schöpfer. Angesichts vieler positiver Besucherreaktionen räumte Fischer damals ein, die Schau könne durchaus ein "Staunen über die Schöpfung" hervorrufen; der Preis dafür sei jedoch zu hoch. Anfang 1998 verschärfte Fischer seine Kritik noch mit Blick auf einzelne Exponate, die seiner Ansicht nach keinen wissenschaftlichen Zweck verfolgten, sondern nur sensationell oder ästhetisch wirken sollten.

Mit guten Sitten unvereinbar
Selbst der Direktor des Pathologischen Instituts am Mannheimer Uni-Klinikum, Uwe Bleyl, äußerte sich 1997 kritisch über die Ganzkörperpräparate. Der Plastinator habe hier die Organe um der eigenen Kreativität und der künstlerischen Intention willen benutzt. Das sei mit den guten Sitten unvereinbar und ethisch nicht vertretbar.

Berlin 2001: Pietätlos und anstößig - Verletzung der Totenruhe
Auch 2001 in Berlin reagierten die Kirchen vor Ort mit heftiger Kritik: Die Art der öffentlichen Darstellung menschlicher Leichen sei pietätlos und anstößig, äußerte sich damals der Rektor der Katholischen Akademie, Ernst Pulsfort. Vor allem wolle von Hagens die Plastinate auch als Kunstwerke verstanden wissen, die am "Tabu des Todes" rühren. Die Ausstellung breche jedoch nicht das Tabu des Todes, sondern das der Totenruhe. Mit der Anonymisierung und Verfremdung nehme von Hagens den Leichen ihre Biografie und Individualität. Mit der Konservierung habe der Anatom den Leichen außerdem das elementare Recht jedes Menschen geraubt, nach dem Tod einen letzten Ort der Ruhe zu finden. Diesem Argument kann ich (A.E.) nicht ganz folgen. So handelte sich denn Pulsfort auch umgekehrt heftige Kritik des Bundesverbands der Körperspender ein: das damals geplante Requiem in Berlin zeuge von Bevormundung, einer "arroganten Geringschätzung" der individuellen Wahl der Bestattungsform, und unterstelle Körperspendern unmoralisches Verhalten und Gedankenlosigkeit.

Blickverengung auf rein materielle Körperlichkeit - Wo bleibt die Seele?
In seiner Predigt argumentierte Pulsfort, das "Schockierende und Abstoßende" der Ausstellung "Körperwelten" bestehe darin, dass sie keine Kritik ertrage und sich auf das Argument der Freiheit der Kunst und Aufklärung zurückziehe. Dabei verenge sie den Blick auf die rein materielle Körperlichkeit, die "in Szene gesetzt, ästhetisiert und verherrlicht" werde. Von der Seele sei da nicht die Rede. Weiter bestehe die Faszination des Echten nicht darin, echten Toten ins Gesicht zu schauen, sondern das Leben in Würde zu bewältigen und nicht zu verachten.

Huber: Zeitliches Leben ist zu unterscheiden vom ewigen Leben
Schon am 18. Januar 2001 äußerte sich der Berliner Bischof (und spätere EKD-Ratsvorsitzende) Wolfgang Huber in seiner Predigt im Berliner Dom kritisch: "Wir brauchen auch ein Verhältnis zur eigenen Endlichkeit. Wir laufen in die Irre, wenn wir unser zeitliches Leben nicht mehr unterscheiden können vom ewigen Leben; die Ausstellung 'Körperwelten' wird hier in Berlin diesen Irrtum demnächst demonstrieren. Wir finden uns in unserer Welt nicht zurecht, wenn wir nicht über diese Welt hinausblicken. Wir verstehen uns als Menschen falsch, wenn wir Gott als unser Gegenüber aus dem Blick verlieren."

Verzicht auf Hoffnung über den Tod hinaus
Im Mai erneuerte Huber bei einer Veranstaltung der Evangelischen und der Katholischen Akademie seine Kritik an der "Körperwelten"-Ausstellung. Die Präsentation von dauerhaft konservierten anonymen Leichnamen spiegele einen gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit dem Tod wider. Darin komme wie bei anonymen Bestattungen ein Verzicht auf die christliche Hoffnung auf Erlösung "über den Tod hinaus" zum Ausdruck.

Zweifelhafter Bildungswert der "Körperwelten"
Auch der Bildungswert der "Körperwelten"-Ausstellung ist bezweifelt worden. So urteilte 2001 der Direktor des Medizinhistorischen Museums in Berlin, Thomas Schnalke, die Ausstellung schöpfe ihr Potenzial zur Vermittlung anatomischer Kenntnisse an Hand der plastinierten Leichname bei weitem nicht aus.

Gutachten 2003: Menschenwürde bleibt gewahrt
Im Prinzip stimme ich (A.E.) eigentlich dem 2003 erstellten Gutachten des Mainzer Staatsrechtsprofessors Friedhelm Hufen zugunsten Gunther von Hagens' zu (epd 12.2.03-07), wonach die Menschenwürde erst verletzt wäre, wenn die Körper verächtlich gemacht oder erniedrigt würden. Das sei aber erkennbar nicht der Fall. Ich denke an die Diskussion auf WKW über den verhungernden, aber noch lebendig im Rahmen einer Kunstaktion ausgestellten Straßenhund. Tierliebhabern und -schützern war ganz offensichtlich, dass dies die Würde des Tieres verletzte, das unfreiwillig zum Objekt gemacht wurde.

Bleibt aber umgekehrt die Menschenwürde gewahrt, wenn der Mensch vor seinem Tod frei über die Verwendung seines Körpers für wissenschaftliche Zwecke und/oder Ausstellungsstück entschieden hat? Laut Gutachten hängt die Menschenwürde nicht nur an der freien Entscheidung des Körperspenders, sondern auch an der Art und Weise der "Verwendung" des Körpers nach seinem Tod - es besteht die Möglichkeit, dass sie verächtlich gemacht oder erniedrigt werden.

Freie Entscheidung des Einzelnen gewährleistet noch nicht Wahrung der Menschenwürde
Der amtierende Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble formulierte 2001 in der Oktober-Ausgabe des Magazins "Zeitzeichen" in anderem Zusammenhang, nämlich zur Frage der Menschenwürde in den Medien: "Verletzung der Menschenwürde kann auch nicht durch Einwilligung gerechtfertigt werden, weil sie der Verfügung des Einzelnen entzogen bleiben muss. Anderenfalls wäre sie nicht im Sinne von Artikel I Grundgesetz unantastbar." (S. 33)

Bedeutet das aber nicht einen inneren Widerspruch? Die Körperspender glauben, durch ihre freie Entscheidung für die Spende ihre Würde wahren zu können - letztlich übertragen sie die Verantwortung dafür jedoch in andere Hände und können sich nicht sicher sein, was mit ihrem Körper geschieht. Bezogen auf "Körperwelten" haben sie, so weit ich informiert bin, nicht einmal die Möglichkeit, Wünsche zu den Posen zu äußern, in die sie später gebracht werden.

Insofern bietet einzig und allein eine traditionelle Form der Bestattung Sicherheit darüber, dass die Menschenwürde gewahrt bleibt - indem der Körper in Erde und Asche und Staub übergeht.

Von Hagens verzettelt sich
Wie sich von Hagens in seinen eigenen Aussagen selbst verzettelt, geht sehr schön aus einer epd-Meldung vom 15. Januar 2004 hervor. Von Hagens reagiert auf die Kritik der Kirchen anlässlich der "Körperwelten"-Eröffnung in Frankfurt am Main. Zuerst zieht er sich auf das Argument zurück, das ihm Staatsrechtsprofessor Hufen 2003 in seinem Gutachten geliefert hat: Bei den gezeigten Körpern handle es sich nicht um Leichen, sondern um anatomische Präparate. Folglich könne die Schau auch nicht die Menschenwürde verletzen oder die Totenruhe missachten. So weit, so fadenscheinig. Dann aber versteigt er sich zu einem Seitenhieb gegen die Kirchen: Deren Kritik sei wohl darauf zurückzuführen, dass er mit der Plastinationstechnik am "Bestattungsmonopol der Kirchen kratze". Die Plastination sei nichts anderes als eine neue Form der Bestattung. Ja, was denn nun, Herr von Hagens? Sind es also doch Leichen? Oder seit wann bestattet man anatomische Präparate?

Ich vermute ja, dass der Plastinator sich mit diesen Argumentationen nur gegen die Gefahr absichern will, die teuer präparierten Körper doch irgendwann bestatten lassen zu müssen. Denn das geschieht üblicherweise sowohl mit Leichen von Organspendern wie auch mit Anatomieleichen.

Kritik 2009

Auch die 2009er Ausstellung hat wieder Kritik seitens der Kirchen hervorgerufen. Wirklich neue Argumente sind dabei nach meinem Eindruck aber nicht formuliert worden:

EKD-Kirchenamtspräsident kritisiert "Körperwelten"-Ausstellung
Kirche kritisiert Körperwelten-Ausstellung
Der Menschenwürde nicht gerecht - Kirche kritisiert Körperwelten-Ausstellung

UPDATE: Fortsetzung der Debatte
Ich habe am 20. Juli 2009 hier im Blog unter dem Titel "Die Unbarmherzigkeit der Körperwelten" eine weitere Überlegung angefügt, an der sich eine kleine Diskussion im Kommentarbereich entzündete.

Bücher zur Debatte um die Körperwelten:

Mittwoch, 15. April 2009

TV-Qualitätsdebatte: Die Programmzeitschriften sind schuld!

Mein Aufruf "'Lesen gucken! Macht Quote für Elke!" vom 19. Oktober vergangenen Jahres hat sich ja mittlerweile weit überholt (zumindest in Bezug auf die TV-Sendung; in Bezug auf ihre Internet-Sendung gilt er eigentlich nach wie vor), aber zwei Anmerkungen zur TV-Qualitäts-Debatte will ich noch loswerden. Wird schließlich nie unaktuell.
1. Verallgemeinerungen sind selten richtig und helfen genauso selten weiter.
Das TV-Angebot ist nicht einseitig nur qualitativ schlecht, sondern sehr vielfältig und bedient viele verschiedene Alters- und Zielgruppen. Wohl ist es so, dass Kultur- und Bildungssendungen mit etwas höherem Anspruch eher auf Randsendeplätzen liegen und zur Hauptsendezeit um 20.15 Uhr mit seichten Unterhaltungsshows, Hollywood-Blockbustern oder den neuesten US-Serienhits Quote zu machen versucht wird. Aber das ist verständlich: Um diese Zeit sieht die breite Masse zu, also mache ich Angebote, die am ehesten massentauglich sind, den kleinsten gemeinsamen Nenner darstellen. Es gibt schlechte Sendungen, kein Zweifel, aber nicht das komplette Programm ist Blödsinn. Und für völlig Danebengeratenes gibt es ja immer noch www.programmbeschwerde.de.

2. Nicht das TV erfüllt seine Aufgabe nicht, sondern die Programmzeitschriften!
Ich gebe zu: Zur Hand habe ich gerade nur die TV Movie, aber mir scheint es im Prinzip doch bei den meisten Programmzeitschriften so zu sein: In der Tagesübersicht sind die Sendungen zur Hauptsendezeit hervorgehoben, meist sogar mit Bild. Auf den zum jeweiligen Tag gehörigen vertiefenden Hintergrundseiten sind ebendiese Sendungen NOCHMALS ausführlich dargestellt. Ich frage mich: Warum soll es ein Mega-Blockbuster wie "Der Herr der Ringe - Die Rückkehr des Königs" (lief gerade am Ostermontag auf RTL) nötig haben, neben der Hervorhebung zur Hauptsendezeit und Auszeichnung mit rotem Stern als Tagestipp zusätzlich auch noch auf einer halben Seite präsentiert, ja beworben zu werden? Er zieht doch per se bereits jede Menge Zuschauer an. Um nicht falsch verstanden zu werden: "Der Herr der Ringe" gehört zu meinen Lieblingsfilmen (bzw. -büchern).

Ungefähr zur gleichen Zeit, als im vergangenen Herbst die TV-Qualitätsdebatte hochkochte, lag in unserem Briefkasten ein kostenloses TV-Programmheft der Apotheken. Dass hier auf den Hintergrundseiten einmal andere Sendungen als die ohnehin quotenträchtigen hervorgehoben sind, nämlich Gesundheits- und Wissenssendungen, fand und finde ich innovativ und erfrischend anders. Aber selbst hier sind auf den Überblicksseiten inkonsequenterweise die Sendungen zur Hauptsendezeit hervorgehoben.

Warum ist es nicht möglich, eine "ausgewogene" Programmzeitschrift anzubieten, also eine, die den verschiedenen Genres in der Darstellung gleichen Platz einräumt und dabei auch einmal redaktionell mutige Entscheidungen trifft? Wird sie sich am Markt nicht behaupten können? Oder eben eine Zeitschrift, die sich ganz auf Kultur, Bildung, Gesundheit, Nachrichten, Gesellschaft, Europa, Geistes- und Naturwissenschaften konzentriert? Die es gar wagt, ARTE, 3SAT und die Dritten auf der ersten Übersichtsseite zusammenzustellen und die Privaten erst danach, auf der zweiten?

Oder gibt es so etwas vielleicht schon? Ich bin für Hinweise dankbar.

3. Und ja, ich weiß!
... dass mein Punkt 2 nun droht, unter das Verdikt von Punkt 1 (Verallgemeinerungen) zu fallen ...