Donnerstag, 11. März 2010

Warum die Kirche für islamischen Religionsunterricht eintritt

Es gab einmal eine Zeit, als die Forderung, alle sollen Religionsunterricht erhalten, eine revolutionäre war. Denn sie war mit enthalten in der Forderung: Allgemeinbildung für alle, Jungen wie Mädchen von klein auf. Erhoben haben diese Forderung Martin Luther und Philipp Melanchthon in Wittenberg schon vor fast 500 Jahren. Denn jeder und jede sollte sich selbst über die Inhalte des Glaubens informieren und ein Urteil bilden können.

Heute nun setzen sich evangelische wie katholische Kirche für die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen ein. Das hätte Luther und Melanchthon wohl doch – gelinde gesagt – verwundert. Überhaupt: Dass über vier Millionen Muslime in Deutschland leben, wäre für die beiden vermutlich ein Anzeichen des nahenden Gottesgerichts gewesen. Fürchteten Sie sich doch vor der "Türkengefahr". Denn 1529 griffen die Türken Wien an und standen damit an den Grenzen des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation.

Dass sich ausgerechnet die christlichen Kirchen für das Schulfach Islamische Religion einsetzen, verstehen viele auch heute nicht. Aber: der Religionsunterricht ist kein Vorrecht der Kirchen, sondern ein individuelles Grundrecht. Jeder und jede hat das Recht auf Bildung auch in Fragen der Religion. Aus diesem Grund fordern die Kirchen das Recht auf Religionsunterricht auch für muslimische Schülerinnen und Schüler. Auch diese sollen sich in der Schule mit ihrem Glauben auseinandersetzen können – in deutscher Sprache und mit dazu eigens an den Universitäten ausgebildeten muslimischen Theologen.

Mit dem Religionsunterricht an staatlichen Schulen und der Theologie an den Universitäten ist die Hoffnung auf einen "aufgeklärten Islam" verbunden. Aufgeklärt glauben, heißt auch zweifeln und über das eigene Bekenntnis frei und ohne Angst diskutieren zu können.

Die evangelische Kirche tritt ein für das Menschenrecht auf Religionsfreiheit – und für das Bündnis von Glaube und Bildung. Auf Grund dessen kann sie gar nicht anders, aktiv und öffentlich Islamischen Religionsunterricht an unseren Schulen zu fordern.

[Dieser Beitrag ist auch als Rundfunkandacht in der Reihe "Innehalten" bei SR2 und SR3 gelaufen.
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Mittwoch, 10. März 2010

Melanchthon und die Ökumene

Philipp MelanchthonImage via Wikipedia
Wozu sind Menschen da? "Wir sind zum wechselseitigen Gespräch geboren." Dieses philosophisch klingende Wort stammt von Philipp Melanchthon. Er war neben Martin Luther der zweite bedeutende Reformator aus Wittenberg. Die evangelische Kirche begeht dieses Jahr seinen 450. Todestag. Dass wir miteinander reden sollen und müssen – das hat Melanchthon nicht philosophisch-abstrakt gemeint. Es war als Alternative gemeint zu dem, was Einzelnen wie ganzen Völkern manchmal so nahe liegt: Aufeinander loszuschlagen.

Stattdessen miteinander zu reden und sich zu verständigen - das riet Philipp Melanchthon im 16. Jahrhundert eindringlich den Kirchen: der katholischen und den sich formierenden Kirchen der Reformation. Melanchthon betätigte sich selbst unermüdlich als Brückenbauer. Er setzte sich für ökumenische Verständigung ein. Deshalb würdigte ihn der verstorbene Freiburger Erzbischof Oskar Saier als den "wohl größten Ökumeniker seiner Zeit".

Einen Versuch, sich zu einigen, unternahmen die verfeindeten kirchlichen Lager auf dem Augsburger Reichstag von 1530. Dort vertrat Melanchthon die protestantische Sache. Er legte dazu das Augsburger Bekenntnis vor. Ein Vermittlungsversuch, indem er sich auf das Wesentliche konzentrierte. Seiner Ansicht nach war die Kirche dann bei ihrer Sache, wenn sie sich an folgenden Grundsatz hielt: "Die eine, heilige, katholische Kirche ist da, wo Menschen sich im Glauben versammeln; bei denen das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente der Einsetzung Jesu gemäß gefeiert werden. Das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche."

Gottes grenzenlose Güte soll die Kirche verkündigen und sie den danach verlangenden Menschen auch in den Sakramenten, mit Brot und Wein leiblich zugänglich machen. So gewinnt Melanchthon eine ungeheure Weite. Denn die übrigen Gebräuche, Riten und Ordnungen können durchaus verschieden sein. Die Einheit im Kern ist dadurch nicht berührt.

Das war damals eine Sternstunde der Ökumene! Leider wurde die Chance zur Verständigung im Jahr 1530 nicht ergriffen. Und obwohl wir gottlob in diesem Jahr wieder einen gemeinsamen, ökumenischen Kirchentag in München feiern wollen, werden viele noch immer ein gemeinsames Abendmahl schmerzlich vermissen.


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Dienstag, 9. März 2010

Melanchthon und die Bildung

Das Jahr 2010 hat die Evangelische Kirche zum Melanchthonjahr ausgerufen – und zugleich zum Jahr der Bildung. Denn Philipp Melanchthon gilt als der "Lehrer Deutschlands", so sein Würdetitel. Er war der zweite große Wittenberger Reformator neben Martin Luther. Vor 450 Jahren ist er gestorben. Er vertrat die humanistische Idee, der Mensch habe die Fähigkeit, sich zu bilden und weiterzuentwickeln. Damit gab er einen kräftigen Anstoß, Schulen zu gründen.

"Wer Schulen gründet und die Wissenschaften pflegt, der macht sich um sein Volk und die ganze Nachwelt besser verdient, als wenn er neue Silber- oder Goldadern fände", drückte er seine Überzeugung aus. Zweihundert Jahre vor der Einführung der allgemeinen Schulpflicht forderte er diese bereits für Jungen und Mädchen. Darum stellte er Lehrpläne auf, gab Schulbücher heraus und setzte sich für Unterrichtsreformen ein.

Aus dem neuen, reformatorischen Glauben kam der Antrieb für Melanchthons Engagement. Martin Luther sprach von der "Freiheit eines Christenmenschen". Zur Freiheit gehört die Fähigkeit, den Glauben auch durchdenken zu können. Sonst wäre man ja dazu verurteilt, nur nachzuplappern, was einem anderen vorsagen. Das wäre aber keine Freiheit, sondern Abhängigkeit. Jede Frau und jeder Mann soll eigenständig den christlichen Glauben an Gott bekennen und das Bekenntnis zu Jesus Christus bejahen können. Mündig sollen die Gläubigen sein. Die Voraussetzung dafür war, dass jede und jeder selbst die Bibel lesen konnte. Und jeder sollte so gebildet sein, dass er den Kleinen Katechismus, das Bekenntnis für den alltäglichen Gebrauch, nicht nur auswendig kannte, sondern auch weitergeben konnte. Sprachfähig im Glauben zu sein, das war das Ziel. Grundlage dafür war eine Bildung für alle und nicht nur für wenige, die es sich leisten konnten.

Heute reden wir viel von "Bildungsgerechtigkeit". Wir haben erkannt: Dass bei uns alle zur Schule gehen, bedeutet noch lange nicht, dass alle gleiche Chance haben, sich ihren Möglichkeiten entsprechend zu bilden. Es mangelt an Möglichkeiten gezielter und kostenfreier individueller Förderung. Dies einzufordern, bedeutet, den Bildungsanspruch der Reformation fortzuschreiben.

[Dieser Beitrag ist auch als Rundfunkandacht in der Reihe "Innehalten" bei SR2 und SR3 gelaufen und kann als mp3-Datei heruntergeladen und angehört werden]