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Samstag, 25. September 2010

455 Jahre Augsburger Religionsfrieden

Cuius regio, eius religio – Wessen Land, dessen Religion. Das ist der Kern des Augsburger Religionsfriedens. Heute vor 455 Jahren wurde er geschlossen, am 25. September 1555. Er sicherte den Anhängern der Reformation die Anerkennung ihres Bekenntnisses.

Cuius regio, eius religio: Das bedeutet, der jeweilige Landesfürst gibt für seine Untertanen die Religion vor. Wer die nicht annehmen will, kann ja auswandern. Wirkliche Religionsfreiheit war das nicht. Frei, ihre Religion zu wählen, waren nur die Landesherren. Es war eine Kompromisslösung, immerhin.

Unüberbrückbare Glaubensgegensätze gab es aber weiterhin – zumal neben dem katholischen nur das lutherische Bekenntnis anerkannt war, nicht aber das reformierte. Ab 1618 traten die Gegensätze aufs Neue hervor, als der Dreißigjährige Krieg ausbrach. An dessen Ende wurde "cuius regio, eius religio" bestätigt, diesmal auch für die Reformierten.

Der Augsburger Religionsfriede von 1555 brauchte fast ein Jahrhundert, bis er sich durchsetzte. Seine bleibende Bedeutung hat das eher noch gesteigert.

Das Recht, den eigenen Glauben selbst zu wählen, sprechen wir heute jedem einzelnen zu. Weil keine Macht der Welt die Menschen davon abhalten kann, ihr Seelenheil zu suchen, muss es die Freiheit dazu geben. Hier bei uns – und überall sonst auf der Welt.

[Dieser Beitrag ist auch als Rundfunkandacht in der Reihe "Feels Like Heaven" bei Rockland Radio gelaufen. Anhören! (mp3-Datei)]

Freitag, 24. September 2010

Vollbildmodus

„Der Vollbildmodus lässt sich nicht aktivieren.“
Oh Mann.
Ich ärgere mich, dass wieder etwas nicht so funktioniert am Computer, wie ich es haben will. Und ein bisschen ärgere ich mich über den gestelzten, wenig hilfreichen Satz. Er spukt mir im Kopf herum, und ich denke: Dass der Vollbildmodus sich nicht aktivieren lässt, das kenne ich auch aus anderen Zusammenhängen.

Wie oft ist es schwierig, den Blick aufs Ganze zu bekommen.
Wie oft schauen wir wie durch ein Fenster auf ein Thema.
Wie oft haben wir ein eingeschränktes Blickfeld, fällt es uns schwer, die Perspektive zu wechseln, um eine Sache auch von der anderen Seite zu betrachten.

Ob es um die Integrationsdebatte geht, oder um die Frage, ob und wann und in welchem Umfang Präimplantationsdiagnostik ethisch erlaubt ist, oder ob wir Sterbehilfe leisten dürfen, oder ob wir Pflanzen, Tiere, Menschen genetisch verändern dürfen, oder gar, ob der eine Glaube wahrer ist als der andere, immer gilt: "Der Vollbildmodus lässt sich nicht aktivieren."

Unser Wissen ist Stückwerk, wir sehen nur ein dunkles Bild durch einen
Spiegel, schrieb schon der Apostel Paulus (1. Kor 13,12a). Ich will deshalb versuchen,
mich an eine Regel zu halten: Fälle keine vorschnellen Urteile! Lehne nicht von vorneherein eine wissenschaftliche Vorgehensweise, eine Behandlungsmethode, eine Gruppe von Menschen ab, nur weil du eine schlechte Erfahrung gemacht hast, dir jemand anders etwas Schlechtes erzählt hat, oder du von einem Misserfolg gelesen hast.

Nicht immer gelingt es mir, mich an die Regel zu halten. Ist wohl eine menschliche Schwäche. Aber ich will es versuchen. Mir bewusst zu sein: Irgendwie fehlt es doch immer an Details; es gibt noch mehr Information.
Noch mehr zu sehen.
Noch mehr zu erfahren.
Noch mehr zu wissen.

"Der Vollbildmodus lässt sich nicht aktivieren". Am Computer gehe ich in diesem Fall selbstverständlich davon aus, dass ich noch mehr sehen könnte, aber die Umstände es mir gerade nicht erlauben. Warum gehen wir ansonsten so oft und vor allem so schnell vom Gegenteil aus? Dass wir genug sehen, um dies abzulehnen, jenes aber anzunehmen? Etwas mehr Selbstvorbehalt, öfter mal einen zweiten Blick – das würde ich mir wünschen.

Als Christ bin ich der guten Hoffnung, dass wir einmal das Vollkommene schauen werden. Wie Paulus sagt: Jetzt erkenne ich stückweise, die Zeit aber wird kommen, in der ich völlig erkennen werde, wie auch ich völlig erkannt worden bin (1. Kor 13,12b).

Einmal wird Gott alles in allem sein (1. Kor 15,28).
Dann ist der Vollbildmodus aktiviert.

[Dieser Beitrag ist in gekürzter Form auch als Rundfunkandacht in der Reihe "Feels Like Heaven" bei Rockland Radio gelaufen. Anhören! (mp3-Datei)]

Donnerstag, 23. September 2010

Herbstanfang mit Rilke

"Herbst? Warum nicht", schreibt der Dichter Rainer Maria Rilke einmal an seine Frau Clara, "denn ich will den Herbst! Ist es nicht, als wäre er das eigentlich Schaffende, schaffender denn der Frühling wenn er kommt mit seinem Willen zur Verwandlung und das viel zu fertige, viel zu befriedigte, schließlich fast bürgerlich-behagliche Bild des Sommers zerstört? Dieser große herrliche Wind, der Himmel auf Himmel baut; in sein Land möchte ich gehen und auf seinen Wegen."

Rilke war ein genauer Beobachter der ihn umgebenden Natur, und so entstand eine Fülle von Gedichten und anderen Texten, in denen sich jahreszeitliche Stimmungen finden und er dem Gleichnishaften von Frühling, Sommer, Herbst und Winter nachgeht.

Heute, zum kalendarischen Herbstanfang, grüße ich Sie mit einem seiner bekanntesten Herbstgedichte:

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

[Dieser Beitrag ist auch als Rundfunkandacht in der Reihe "Feels Like Heaven" bei Rockland Radio gelaufen. Anhören! (mp3-Datei)]

Mittwoch, 22. September 2010

Hebels schönste Geschichte

Es ist eine der schönsten Geschichten - manche sagen: die schönste! - des evangelischen Pfarrers und Dichters Johann Peter Hebel: "Unverhofftes Wiedersehen". Ein junger Bergmann küsst seine junge hübsche Braut und sagt: "Bald wird unsere Liebe gesegnet. Dann sind wir Mann und Weib, und bauen uns ein eigenes Nestlein." Aber der junge Bräutigam kehrt am Abend nicht mehr aus dem Bergwerk zurück.

Nach 50 Jahren finden Bergleute den Leichnam eines Jünglings, unverwest und unverändert, als wenn er vor einer Stunde gestorben wäre. Niemand außer einer grauen, zusammengeschrumpften Frau weiß mit ihm etwas anzufangen: "Es ist mein Verlobter", sagt sie endlich, "um den ich fünfzig Jahre lang getrauert hatte und den mich Gott noch einmal sehen lässt vor meinem Ende".

Zur Beerdigung am andern Tag legt sie ihr Sonntagsgewand an, als wenn es ihr Hochzeitstag wäre. Denn als man ihn auf dem Friedhof ins Grab legt, sagt sie: „Schlaf nun wohl, und laß dir die Zeit nicht lang werden. Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald, und bald wird’s wieder Tag.

2010 feiert die evangelische Kirche den 250. Geburtstag Johann Peter Hebels. Heute aber ist sein Todestag: Vor 184 Jahren ist er in Schwetzingen gestorben. Ich teile seine Hoffnung, die im letzten Satz der alten Frau zum Ausdruck kommt: "Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweitenmal auch nicht behalten."

[Dieser Beitrag ist auch als Rundfunkandacht in der Reihe "Feels Like Heaven" bei Rockland Radio gelaufen. Anhören! (mp3-Datei)]

Dienstag, 21. September 2010

Hebel und die Ökumene

Zwei Brüder lebten miteinander in Frieden und Liebe, bis einmal der jüngere evangelisch blieb und der ältere katholisch wurde. So gingen sie auseinander. Erst nach einigen Jahren versuchten Sie, sich wieder auf einen Glauben zu einigen.

In den ersten Tagen kamen sie nicht weit. Schimpfte der Evangelische: “der Papst ist der Antichrist”, schimpfte der Katholische: “Luther ist der Widerchrist.“ Aber am Samstag fastete schon der Evangelische mit seinem Bruder. Und der Katholische ging mit seinem Bruder zum Abendgebet. Dann aber rief jeden die Pflicht zurück.

Nach sechs Wochen schreibt der jüngere: “Bruder, deine Gründe haben mich überzeugt. Ich bin jetzt auch katholisch.” – Da ergriff der Bruder voll Schmerz die Feder. “Du Kind des Zorns und der Ungnade, willst du denn mit Gewalt in die Verdammnis rennen? Gestern bin ich wieder evangelisch geworden.“

"Die Bekehrung" heißt diese - hier stark gekürzt wiedergegebene - Geschichte von Johann Peter Hebel, evangelischer Pfarrer und Dichter aus Baden. Am 10. Mai 1760, also vor 250 Jahren, wurde er geboren, und letztlich war für ihn die Praxis des Glaubens wichtig, nicht die Konfession.

Daher sein Fazit: Du sollst nicht über die Religion grübeln und tüfteln, damit du nicht deines Glaubens Kraft verlierst. Sondern du sollst deines Glaubens leben und, was gerade ist, nicht krumm machen.

[Dieser Beitrag ist auch als Rundfunkandacht in der Reihe "Feels Like Heaven" bei Rockland Radio gelaufen. Anhören! (mp3-Datei)]

Montag, 20. September 2010

Zum Weltkindertag: Du sollst deine Kinder ehren

Heute will ich mal ein biblisches Gebot umdrehen. „Du sollst Vater und Mutter ehren“, heißt es in den Zehn Geboten, und das ist sicher gut und bedenkenswert. Wenn ich es umdrehe, lautet es: „Du sollst deine Kinder ehren“. Ich glaube nicht, dass der liebe Gott etwas dagegen hätte.

Vor 20 Jahren ist die UN-Kinderrechtskonvention in Kraft getreten. Kinder haben demnach das Recht auf sauberes Wasser, Nahrung, medizinische Versorgung, eine Ausbildung, auf Freizeit und Spiel, gewaltfreie Erziehung, und auf Mitsprache bei Entscheidungen, die ihr Wohlergehen betreffen.

Heute, 20 Jahre später, wächst in Deutschland die Kluft unter Kindern – auf der einen Seite diejenigen, die gesund und abgesichert aufwachsen, auf der anderen Seite solche, deren Alltag durch Mangel und Ausschluss geprägt ist.

Deshalb fordern UNICEF und das Deutsche Kinderhilfswerk zum heutigen Weltkindertag einen Perspektiv- und Politikwechsel. Unter dem Motto „Respekt für Kinder!“ verlangen sie mehr Bildungsgerechtigkeit, mehr Chancengerechtigkeit und eine bessere Zukunftssicherung für alle Kinder in Deutschland.

Du sollst deine Kinder ehren. Das ist nicht nur ein Gebot für Eltern. Sondern für ein ganzes Land.

[Dieser Beitrag ist auch als Rundfunkandacht in der Reihe "Feels Like Heaven" bei Rockland Radio gelaufen. Anhören! (mp3-Datei)]