Samstag, 10. September 2011

Riesenmüll in Christ & Welt?!

Freitag vergangener Woche habe ich mich dazu hinreißen lassen, die Äußerungen, die Dr.  Sebastian Moll, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der theologischen  Fakultät der Uni Mainz, in einem Interview in Christ & Welt 36/2011 gemacht hat, auf Twitter als „Riesenmüll“ zu bezeichnen. Zwar wurde bzw. wird das Interview auf Facebook und auf Google+ (nicht allgemein öffentlich) schon diskutiert, aber ich sehe mich doch noch in
der Pflicht, eine Begründung für mein Pauschalurteil nachzuliefern.  Pauschalurteile versuche ich mir sonst zu verkneifen. In diesem Fall rutschte es heraus, weil ich mich selbst bei nahezu jeder Antwort kopfschüttelnd erlebte.
Bevor ich in die Einzeldiskussion einsteige, an dieser Stelle ein DISCLAIMER, der mir wichtig ist: Ich kenne Herrn Dr. Moll nicht persönlich. Ich bin ihm nie begegnet. Er war mir bis zur Lektüre dieses Interviews unbekannt. Ich habe kein Interesse daran, ihm persönlich oder seiner wissenschaftlichen Reputation Schaden zuzufügen. Ich habe weder - wie  dies für ein journalistisch hochwertiges Medium Pflicht gewesen wäre - mit Herrn Dr. Moll noch mit der zuständigen Redakteurin Kontakt aufgenommen, um Unklarheiten im Textverständnis auszuräumen oder zu erfragen, ob für das Interview eine Autorisierung eingeholt wurde. Ich habe auch sein Buch, worauf sich das Interview bezieht, nicht gelesen. Das Folgende stellt ausschließlich meine persönliche Meinung zu den in diesem Interview abgedruckten Aussagen dar und ist in keinem Fall als offizielle Äußerung der pfälzischen Landeskirche zu verstehen. Ich empfehle jedem, der sich, ob jetzt oder später, ein Urteil über Herrn Dr. Molls wissenschaftliche Befähigung zu bilden hat, dieses Interview und meine Kritik außer Acht zu lassen und sich stattdessen mit seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu befassen.
Und nun in medias res:

Das Grundproblem klingt schon in Molls erster Antwort an, wenn er seine Motivation zum Schreiben des 100-Seiten-Buches „Jesus war kein Vegetarier“ erläutert: Ihn besorge, „dass die Bibel inzwischen völlig
verzerrt wird“. In dieser Art und Weise von „der“ Bibel zu sprechen, ist recht leichtfertig, zumal für einen promovierten Theologen - ist die Bibel doch eine Sammlung von 66 verschiedenen Schriften bzw. Büchern,  die über einen Zeitraum von 1500 Jahren entstanden sind. Ersetzt man nun - mit gutem Grund - in der zitierten Aussage das Wort „Bibel“ durch „Bibliothek“, wird schon deutlich, dass da irgendetwas nicht ganz
stimmt. Was, das wird später noch klarer.

Weiter heißt es, die Bibel müsse „als Begründung dafür herhalten, auf Fleisch zu verzichten, die Frauenquote gut zu finden und gegen Atomkraft zu sein“. Darin stecken gleich zwei weitere problematische Aspekte, die
sich durch den Rest des Interviews hindurchziehen. Zum einen nennt er niemals Ross und Reiter, also welche Stellungnahmen oder Äußerungen von welchen Theologen und Kirchenrepräsentanten er konkret meint. Zum
anderen verwendet er
Strohmann-Argumente, um eine Breitseite gegen „die protestantischen Theologen und Vertreter der evangelischen Kirche“ zu fahren: Er pickt sich innerkirchlich zwischen der konservativen Minderheit und der liberalen Mehrheit umstrittene Themen heraus. Dann sucht er sich auf der Mehrheitsseite einzelne Stimmen, die biblisch-exegetische Extrempositionen vertreten („Jesus war Vegetarier“, „Jesus hatte eine Frauenquote unter den Aposteln“, vgl. die Kurzbeschreibung seines Buches bei Amazon), um so zu belegen, dass biblische Inhalte bewusst verzerrt dargestellt würden, um eine Anpassung an den politischen und gesellschaftlichen Mainstream zu rechtfertigen.

Wenn er in seiner zweiten Antwort Orwell zitiert und behauptet, „dass wir uns zu einer Gesellschaft hinbewegen, in der man nicht mehr sagen darf, dass zwei plus zwei vier ist“, wird es schon fast populistisch. Denn von welchen Gruppierungen bekommt man denn sonst zu hören, man dürfe bestimmte Dinge ja nicht sagen? Oder „das wird man doch wohl mal sagen dürfen“?

Was „schwierig“ sei, heißt es dann, sei beispielsweise Kritik an der Frauenordination zu üben. Ihn störe, wenn heute „in Positionspapieren der EKD“ (in welchen? Bitte um Hinweis!) „die Fakten der Schrift
dahingehend verdreht“ würden, „dass sich Christus und Paulus bewusst für die Belange der Frauenbewegung eingesetzt hätten“. Sie hätten doch „ganz andere Probleme“ gehabt „als die Gleichstellung der Geschlechter“.
Weil in dem Interview nicht genau benannt wird, um welche Positionspapiere es sich handelt, kann ich es nicht verifizieren, aber ich bin fast sicher, dass sie nicht so formuliert wurden, wie es Moll ihnen hier vorwirft. „Frauenbewegung“ und „Gleichstellung“ wären in der
Tat vorgreifende Anachronismen, übertrüge man sie aus unserer Zeit in die biblischen Texte. So aber scheint mir Moll eben diesen Fehler in seiner Kritik zu machen. Denn dass das Neue Testament sehr viele Berichte von Gesprächen Jesu mit und Heilungen von Frauen (gar am Sabbat!) enthält, zeigt durchaus, wie er die religiösen/kultischen Vorbehalte ihnen gegenüber durchbrochen hat. Unter seinen Jüngern waren definitiv Frauen. Und aus den Paulusbriefen geht hervor, wie viele Ämter Frauen in den urchristlichen Gemeinden wahrgenommen haben - unter anderem wird Junia in Römer 16,7 gar zu den Aposteln gezählt. Nein, Jesus hat nicht gesagt: „Leute, ich hab' da so'n Konzept entwickelt, Gender Mainstreaming, setzt das doch mal um“. Und Paulus hat nicht geschrieben: „Wir anerkennen die Anliegen der Frauenbewegung und wollen sie in unseren Gemeinden aufnehmen.“ Aber soll das ein Argument sein, die Gleichstellung von Frauen und Männern nicht als Konsequenz aus Jesu Botschaft vom Reich Gottes, aus seinem gelebten Umgang mit Menschen beiderlei Geschlechts, aus der Wertschätzung, die Paulus der Arbeit von Frauen in den Gemeinden entgegenbringt, aus Luthers Auffassung vom Priestertum aller Getauften (die ja letztlich in seinem Verständnis des Paulus wurzelt) zu betrachten und deshalb anzugehen?

Überlesen habe ich zunächst glatt den Fauxpas Molls: „dass in der evangelischen Kirche Frauen geweiht werden“ - eine katholische Sprachkontamination … denn aufgrund des Priestertums aller Getauften entspricht die Ordination in der evangelischen Kirche ja eben nicht einem sakramentalen Weihestand. Aber so was kann einem herausrutschen (ich selbst habe in einer Redaktionskonferenz mal von den „Zwölf Geboten“ gesprochen! :-)

Es folgt die Interview-Antwort, in der das grundsätzliche Problem, das zu Beginn anklingt, noch einmal deutlich zum Ausdruck kommt. „Will ich die Tradition anerkennen oder nicht? Die evangelische Kirche muss klar sagen: Gilt die Schrift noch oder nicht? Aber man kann doch nicht so tun, als halte man an der Bibel fest und bricht zugleich in allen praktischen Fragen mit der Schrift.“ Ich zitiere dazu Knut Dahls Kritik (in der Diskussion auf G+, Link s.o.), der ich mich vollumfänglich anschließen kann:

„So einfach kann man sich einer hermeneutischen Debatte nicht entziehen, wenn es um das Verständnis biblischer Texte und dazu noch der kirchlichen Tradition geht. Es entsteht der Eindruck, der promovierte  Theologe mache keinen Unterschied zwischen 'biblisch' und 'schriftgemäß'. Ein schwerwiegender Fehler, missachtet er doch damit gründlich die Erkenntnisse reformatorischen Schriftverständnisses.“ und „Da nützt es nun wirklich nichts, „die Bibel“ als einheitliches Buch mit verbindlicher dogmatischer und ethischer Richtschnur darzustellen. Aber genau das tut Moll und deswegen … bleibe ich bei meinem Vorwurf des  Biblizismus. 'Die Bibel'  besitzt eben keine Selbstevidenz. Es bedarf schon eines hermeneutischen Schlüssels, um sie 'richtig' zu lesen.“

Es geht darum, dass Moll kein Wort über die Verstehensvoraussetzungen verliert, die jeder mitbringt, wenn er sagt: „Ich orientiere mich an der Bibel.“ Zwei Menschen können sagen: „die Schrift gilt“ - und doch
Unterschiedliches meinen. Molls Antwort hier ist kaum anders zu verstehen, als dass er ein wortwörtliches Bibelverständnis propagiert. Er verschleiert dies ein wenig, indem er nur negativ formulierte Beispiele bringt, nach der Struktur: „Wer dies oder jenes sagt oder tut, kann sich dabei nicht auf die Bibel berufen.“

Ich will meine/unsere Kritik mit Worten des Theologen Paul Tillich noch einmal verdeutlichen: Ein theologisches System „muss die Wahrheit der christlichen Botschaft aussprechen, und es muss diese Wahrheit für jede neue Generation neu deuten. Theologie steht in der Spannung zwischen zwei Polen: der ewigen Wahrheit ihres Fundamentes und der Zeitsituation, in der diese Wahrheit aufgenommen werden soll”.

Das stammt aus der Einleitung des 1. Bandes seiner „Systematischen Theologie”, und der Fortgang ist ebenfalls höchst interessant, weil sich aus dieser Aufgabenbestimmung zwangsläufig eine Absage an den
Fundamentalismus ergibt. Dieser macht nämlich einen Fehler, er verwechselt „die ewige Wahrheit mit einer ihrer zeitlichen Ausformungen. (…) Wenn es dann geschieht, dass sich dieser Fundamentalismus mit einem Vorurteil gegen theologisches Denken überhaupt verbindet, wie z.B. im evangelischen Biblizismus, dann wird die theologische Wahrheit von gestern als unwandelbare Botschaft gegen die theologische Wahrheit von
heute und morgen verteidigt. Der Fundamentalismus versagt vor dem Kontakt mit der Gegenwart, und zwar nicht deshalb, weil er der zeitlosen Wahrheit, sondern weil er der gestrigen Wahrheit verhaftet ist. Er
macht etwas Zeitbedingtes und Vorübergehendes zu etwas Zeitlosem und ewig Gültigem.“ (ST I, S. 9)

Molls Selbstvergleich mit Luther („ohne mich mit Luther vergleichen zu wollen“) in der nächsten Antwort: geschenkt. Aber: „Die Kernfragen sind nicht so kompliziert, dass man dafür dickleibige Bücher braucht. Wir
haben uns nur daran gewöhnt, dass vieles durch Pseudointellektualismus aufgeblasen wird.“ Abgesehen davon, dass man sich fragen muss, woher das hohe Ross kommt, von dem herunter er die meisten Theologinnen und Theologen der Vergangenheit und Gegenwart abwatscht und sich selbst als
den einzigen wahrhaft Intellektuellen stilisiert: Auch die Bibel ist ein dickleibiges Buch. Vielleicht sollten wir sie ja durch sein Bändchen ersetzen?

„Das Studium der Theologie ist dem Glauben nicht förderlich“, sagt Moll. Ich stimme zu: Das Studium der Theologie ist einem unreflektierten Kinderglauben nicht förderlich. Und wenn er behauptet, Theologie werde
„oft nur noch als historische Kulturwissenschaft betrieben“, dann ist er womöglich schon so tief hinter den Tellerrand seiner eigenen kirchengeschichtlichen Spezialisierung gefallen, dass er keinen Blick für anderes mehr hat. Ich habe mein Studium jedenfalls anders erlebt. Aber das ist ja auch schon zwölf Jahre her.

Dann spricht Moll von einer „Überspezialisierung in den exegetischen Fächern“ und davon, dass die Theologen die „Deutungshoheit“ verloren hätten, wenn es um Religion geht. Stattdessen äußerten sich
Journalisten, Politiker und Religionswissenschaftler. Es sei außerdem „unverantwortlich, dass junge Menschen so viel Zeit und Energie in gesellschaftlich irrelevante Themen stecken sollen“. Ich halte diese
Äußerungen für dezidiert wissenschaftsfeindlich. Das ist auch später zu spüren, wenn er sich despektierlich darüber auslässt, dass sich „Studenten stundenlang anhören [müssen], welche Briefe nun von Paulus  sind und welche nicht“. Wenn die Theologie weiter zum universitären Fächerkanon zählen soll, dann muss sie die Einheit von Forschung und Lehre wahren. Warum kritisiert Moll in der Theologie, was sich in den
Naturwissenschaften genauso verhält? Wie gesellschaftlich relevant sind die spezialisierten Forschungen dort? Haben Physiker, Chemiker, Biologen auch die Deutungshoheit über ihre Fächer verloren? Ihre Ergebnisse
packen doch vor allem Wissenschaftsjournalisten in populärverständliche Artikel und Bücher.

An den beiden folgenden Absätzen zu Tierschutz und Vegetarismus habe ich - o Wunder! - fast nichts auszusetzen. Nur entscheidet sich die Frage, ob Vegetarismus christlich geboten ist oder nicht, nicht daran, ob Jesus Vegetarier war oder Vegetarismus gelehrt hat. Sondern sie muss in der Zusammenschau einer Vielzahl theologischer, historischer, gesellschaftlicher, kultureller, persönlicher Aspekte gesehen werden,
woraus schließlich die jeweilige Gewissensentscheidung erwächst. Wie das Verhältnis von Mensch und Tier in den biblischen Schriften beschrieben wird, spielt dabei dann durchaus eine Rolle.

Es folgen ein paar Ausführungen zur „Homo-Ehe“, die wieder das Problem von biblisch vs. schriftgemäß aufweisen, von dem schon weiter oben die Rede war. Besonders deutlich wird es in dem Satz: „Wenn man sich das Zeugnis der Schrift anschaut, wird Homosexualität eindeutig als Sünde verurteilt.“ Wieder fehlt eine Erläuterung, welche für heute normierende Relevanz diesen wenigen einzelnen Bibelstellen zukommen soll und warum.

Interessant ist, dass Moll nun weiterfährt mit: „Aber das ist eben nicht die entscheidende Aussage der Bibel.“ Das heißt, es gibt offenbar doch einen Maßstab, anhand dessen zu beurteilen ist, welche Aussagen der Bibel
„entscheidend“ sind und welche nicht. Leider erfahren wir nichts weiter darüber.

Stattdessen gibt es wieder einen Seitenhieb: „Wenn ich mir heutige Debatten anschaue, habe ich den Eindruck, es sei die Hauptaufgabe eines Christen, gegen Klimawandel, Tiertransporte, Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen vorzugehen. Diese Themen sind überrepräsentiert.“ Auch hier fehlt zunächst eine Angabe des Maßstabs, wann ein Thema als „überrepräsentiert“ gelten soll. Dann ist die Frage, wo das Thema überrepräsentiert ist. In theologischen Zeitschriften und Buchveröffentlichungen? In kirchenoffiziellen Stellungnahmen und Pressemitteilungen? Bei idea? Auf Twitter und Facebook? In BILD und WELT? F.A.Z., ZEIT, Süddeutsche? Ich empfehle jedenfalls einen Blick auf die Überschriften der EKD-Denkschriften, der EKD-Texte und der Gemeinsamen Texte (ev./kath.), um eine einigermaßen realistische Einschätzung zu bekommen, mit welchen Themen man sich auf EKD-Ebene beschäftigt. 

„Die Kirche und die Theologen müssten sich auf das Wesentliche der Botschaft konzentrieren“, fordert Moll nun, und das ist „die Botschaft der Erlösung, der Triumph des Lebens über den Tod, die Vergebung der Sünden. Das weiterzutragen ist die Aufgabe jedes Christen, aber erst recht jedes Predigers. Wenn das die Hauptbotschaft bleibt, kann ich mich auch um Vegetarismus oder Frauenfragen kümmern. Aber ich kann diese zentrale Botschaft nicht mehr erkennen.“

Hier haben wir erneut einen Griff in die Pauschalitätenkiste: „Die Kirche und die Theologen“ werden miteinander in Haft genommen, ohne Berücksichtigung unterschiedlicher Aufgabenverteilungen. Ist es wirklich Aufgabe der wissenschaftlichen Theologie an den Universitäten, den Studierenden die Botschaft von Erlösung, Auferstehung, Vergebung der Sünden zu verkündigen? Und wenn dies weiterzutragen „die Aufgabe jedes Christen“ ist - mit wie viel Empirie kann er seine subjektive Einschätzung untermauern, er könne „diese zentrale Botschaft nicht mehr erkennen“? Wie weit trägt diese Beobachtung - auch bis auf die
Gemeindeebene, also auf Pfarrerinnen und Pfarrer, weitere Haupt- und Ehrenamtliche, „einfache“ Gemeindeglieder?

Wenn, ja wenn Moll den Versuch unternommen hätte aufzuzeigen, wie diese entscheidende Botschaft für das Leben heutiger Menschen relevant gemacht werden kann - denn deren Frage ist schon lange nicht mehr diejenige Luthers: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ -, wenn er auf den hundert Seiten den Versuch unternähme, unser „Christianesisch“ in die Sprache der Menschen in der Postmoderne zu übersetzen - dann wäre er eine der wichtigsten gegenwärtigen Aufgaben angegangen. Dann wäre sogar die Selbstparallelisierung mit Luther verzeihlich gewesen.

Aber Moll fordert ja nur, „dass die Theologie nicht mehr so tut, als müsse es geradezu der Zweck des Denkens sein, den Glauben zu zerstören.“ Ich persönlich hatte nie den Eindruck, dass sie das tut. Vielmehr ist es der Zweck des Denkens, den Glauben weiterzubringen. Und das unterstützt die Theologie.

Und noch eine Windmühle wird aufgebaut: „Versuchen Sie mal, in einem theologischen Seminar die Studenten zum Gebet aufzufordern – da riskiert man als Dozent ja seinen Job. Spiritualität ist nicht gefragt.“ Das halte ich für großen Quatsch. Ein theologisches Seminar ist genau das: ein theologisches Seminar. Keine Andacht, kein Gottesdienst, sondern wissenschaftliche Arbeit. Dennoch gibt es Gelegenheiten, bei denen
Dozentinnen und Dozenten mit Studierenden gemeinsam ins Gebet kommen können. Seinen Job riskiert indes sicher keiner, der im Seminar mal zum Gebet auffordert. Es wird aber in der Regel nur aus besonderem Anlass geschehen.

„Und erst wenn man die Verbissenheit abgelegt hat, wird man wieder offen für Fakten“, heißt es zum Ende hin. Wahrscheinlich bin ich also zu verbissen, als dass ich für die „Fakten“ dieses Interviews offen sein
könnte. Zumindest aber läuft nun meine Replik aufgrund ihres schieren Umfangs Gefahr, in Richtung „das muss ja einen wunden Punkt getroffen haben“ interpretiert zu werden. Oder, wie Ingo Zwinkau mit einem
angeblichen Bruce-Lee-Zitat sagte: „Wenn du angegriffen wirst, dann musst du irgend etwas richtig machen. Denn man greift nur denjenigen an, der den Ball hat.“ Dagegen möchte ich allerdings halten: Wenn jemand
besoffen Auto fährt, dann darf ich ihn dafür sehr wohl angreifen - und zwar ohne dass darin ein Lob verborgen läge, was er beim besoffen Fahren alles richtig gemacht hat (z.B. keinen umgenietet und an der Ampel angehalten).

Fazit: Selbst wenn jemand einen Silberlöffel daraus hervorziehen sollte - ein Riesenmüllhaufen bleibt ein Riesenmüllhaufen.
[A. Ebel, 8. September 2011]

Kommentare:

  1. Ich hatte dies Interview gar nicht wahrgenommen, dann diesen Artikel gelesen und gedacht: Ach, da ist wieder so ein obererzkatholischer Protestantenfresser am Werk gewesen (ich darf so was denken, ich bin katholisch). Dann erst habe ich das dankenswerterweise verlinkte Interview gelesen, und mein nächster Gedanke war: die katholischen Protestantenfresser brauchts gar nicht.
    Ich habe das Interview gelesen und stimme Dir vollkommen zu. Aufgefallen ist mir außerdem, daß Moll sagt:

    "Dabei wissen wir gar nicht, ob Jesus Fleisch gegessen hat."

    Matthäus ist da anderer Meinung:

    "Aber am ersten Tag der süßen Brote traten die Jünger zu Jesus und sprachen zu ihm: Wo willst du, daß wir dir bereiten das Osterlamm zu essen?"

    Mir hat die Theologie nicht nur das wissenschaftliche Denken nahegebracht, sondern auch ein tieferes Verständnis zahlreicher biblischer Schriften und ganz besonders des Zweiten Testaments.

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  2. Sehr geehrter Herr Ebel,

    ich bin Pfarrer im Probedienst der EKiR und möchte zu Ihrer Einschätzung der Äußerungen von Sebastian Moll nur folgendes sagen: Sie wissen, ich weiß, wir alle wissen es - es handelt sich hier um einen protestantischen Kulturkampf. Ein Kampf zwischen den Linksfeministen und den Konservativen. Aber der Terminus "Links" deutet ja bereits an, wer im "Recht" ist. "Links" kommt von linkisch, link sein und bedeutet eben "falsch". "Rechts" im Sinne von konservativ kommt von "richtig", "recht haben" usw.
    Beste Grüße
    Ihr Gegner

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    1. Und die Rechtsextremen haben dann also extrem Recht?
      Sorry, aber so einen Beitrag muss ich als Satire nehmen, denn ernst nehmen kann ich ihn nicht.

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  3. Einverstanden! Mein Beitrag sollte auch kein sachlicher, sondern ein polemischer sein.
    Aber mit dem Kulturkampf war schon so gemeint: Die Debatten und Diskurse der EKD, aber auch der Landeskirchen, sind primär linke Diskurse. Es geht um die Durchsetzung der Gleichstellung von Schwulen und Lesben im Pfarrhaus, es geht um Gender Mainstreaming, es geht um "Öko-Fair-Sozial-Gerecht" usw. Nicht umsonst stehen mit Präses Schneider und Göring-Eckardt zwei Linkssoziallisten an der Spitze unserer Kirche.
    Ein aktuelles Beispiel (Sie mögen es ja gerne konkret) ist die Kritik an der Orientierungshilfe der EKD "Zwischen Autonomie und Angewiesenheit - Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken". Die Normativität der Ehe von Mann und Frau wird hier relativiert. Anerkannte Köpfe wie Wilfried Härle haben heftig protestiert und deutlich gemacht, dass wir uns als Evangelische Kirche schon fragen müssen, welchen Stellenwert das Schriftprinzip für uns noch hat. Das die Schrift ausgelegt gehört ist doch völlig klar. Das weiß auch Sebastian Moll. Aber wir haben kein Recht, theologisch gegen die Schrift zu arbeiten und ethische Handlungsanweisungen ins Gegenteil zu verkehren. Damit verlassen wir reformatorischen Boden. Und dann muss man eben sagen: Praktizierte Homosexualität ist theologisch in keiner Weise, die reformatorisch redlich wäre, zu rechtfertigen. Wir haben keinen theologischen Anhaltspunkt (weder in der Schrift, noch in der Tradition), der Gottes Segen für eine solche Verbindung rechtfertigen würde.
    Und jetzt können sie eben nicht einfach sagen: das sind doch nur einige wenige Stellen in der Bibel, die in diesem Kontext von Sünde sprechen. Dann wären auch die 10 Gebote hinfällig, die in dieser Form nur an 2 Stellen in der Bibel auftauchen.
    Nein! Hier muss man sich einfach entscheiden: Vertraue ich darauf, dass die biblischen Schriften den Willen Gottes bezeugen - in diesem Fall auch gegen den Zeitgeist - oder nicht. Mein eigenes Harmoniebedürfnis, mit gesellschaftlichen Prozessen im Einklang zu sein, darf in dieser Frage jedenfalls keine Rolle spielen.

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    1. Ah, doch noch inhaltliche Argumente - Danke! :-)
      Ich bitte zu verzeihen, dass ich diesmal für meine Antwort etwas länger gebraucht habe ...

      Ich bin nicht sicher, ob ich diese Streitigkeiten so auf den Begriff eines aktuellen "Kulturkampfes" zuspitzen würde. Schließlich besteht die Debatte schon seit Entstehung der historisch-kritischen Methode im 18. Jahrhundert. Ich persönlich bin der Überzeugung, dass wir dahinter nicht zurückgehen können, wenn wir unseren Glauben heute verantworten wollen.

      Der Knackpunkt besteht darin, wenn Sie schreiben: "wir haben kein Recht, theologisch gegen die Schrift zu arbeiten und ethische Handlungsanweisungen ins Gegenteil zu verkehren". Im vorliegenden Zusammenhang scheinen Sie damit die Ansicht zu vertreten, dass die Bibel Aussagen enthält, die ihrem Wortsinn nach (!) normative Vorgaben für die heutige Zeit machen, und zwar dergestalt, dass sie unabänderlich und undiskutierbar sind, unabhängig vom kulturellen, religiösen, soziologischen etc. gesellschaftlichen Umfeld. Ich meine, dass auf diese Weise Unbarmherzigkeiten entstehen, die keinesfalls der Liebesbotschaft des Evangeliums entsprechen können.

      Ich bleibe mal nur aufs NT bezogen. Möchten Sie denn:
      - die Frauenordination rückgängig machen angesichts von 1. Kor 14, 33ff.?
      - das Leitbild der Ehelosigkeit höher setzen als das Leitbild von Ehe und Familie angesichts von 1. Kor 7,8 und 1. Kor 7,26ff? Da ist doch auch "kein theologischer Anhaltspunkt, der Gottes Segen für eine solche Verbindung rechtfertigen würde", nur die Erlaubnis dazu, weil Menschen halt schwach sind.
      - das Familien-/Ehe-Leben orientieren an den "Haustafeln", wonach sich die Frauen den Männern in allen Dingen unterzuordnen haben (Epheser 5,22ff / Kolosser 3,18ff)?

      "Wer sich auf biblische Bilder von Ehe und Familie als Norm für heutiges Zusammenleben beruft, muss sich klarmachen: Für Ehevorstellungen, die von einem Miteinander gleichberechtigter Partnerinnen und Partner ausgehen, gibt es in der Bibel keine Belege." (Claudia Janssen, http://zeitzeichen.net/geschichte-politik-gesellschaft/familie-in-der-bibel/ - ein insgesamt lesenswerter Artikel). Wenn Sie die genannten Fragen mit Nein beantworten, wenden Sie bereits eine implizite Hermeneutik an, die vom ausschließlichen Wortsinn absieht und weitere Maßstäbe anlegt. Und dann ist die Frage, warum Sie dies im Fall der Beurteilung von Homosexualität anders handhaben.

      Wilfried Härle hat übrigens nach seiner ersten Reaktion (Offener Brief, http://wort-meldungen.de/wp-content/uploads/2013/10/Offener-Brief_Prof.H%C3%A4rle-an-den-Rat-der-EKD.pdf) kürzlich beim EKD-Symposion noch einmal eine deutlich differenziertere Stellungnahme abgegeben, in der er die Richtigstellungen hochrangiger EKD-Vertreter konstruktiv aufgegriffen hat: http://www.ekd.de/download/20130928_haerle_symposium.pdf - natürlich plädiert er hier deutlich dafür, in einer künftigen EKD-Veröffentlichung die Leitbildfunktion von Ehe und Familie hervorzuheben. Mit der positiven Würdigung der EKKW-Thesenreihe betrachtet er aber homosexuelle Lebenspartnerschaften als Form, für die es "innerhalb dieses gesellschaftlichen Leitbildes Raum" geben muss. Schon 1996 hat er in der wesentlich von ihm verfassten Orientierungshilfe "Mit Spannungen leben" festgestellt, dass zwar nach den in der Bibel zu findenden Aussagen "homosexuelle Praxis dem Willen Gottes widerspricht", andererseits aber "die Frage nach einer ethisch verantwortlichen Gestaltung einer homosexuellen Beziehung vom Liebesgebot her an keiner dieser Stellen thematisiert wird" (S. 20f.). Eine so gestaltete Beziehung war überhaupt nicht im Blick der biblischen Autoren!

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