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Donnerstag, 11. August 2011

Wer Binsenweisheiten mag, der werfe den ersten Stein

Mir war die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin ja schon immer zu simpel. Jedenfalls das, was man gemeinhin davon mitnimmt.

Wie muss ich mir das vorstellen? Da wird eine Frau zu Jesus gebracht, die in flagranti ertappt wurde. Auf Ehebruch stand nach mosaischem Gesetz die Todesstrafe. Jesus reagiert mit dem Satz „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie“ - und alle dampfen sie ab, einer nach dem anderen, weil jeder auf einmal denkt: „He, stimmt, darüber hab ich noch nie nachgedacht“?

Also mir ist das zu simpel. Dass jeder irgendwas auf dem Kerbholz hat, dass jeder irgendwann einmal etwas Ungutes, Unrechtes getan hat, dass keiner perfekt ist - das ist doch eine Binsenweisheit. Das ist doch nicht so aushebelnd, überraschend, umstürzlerisch, wie wir es gerne deuten. Wäre nur einer mit etwas Grips und Schlagfertigkeit dabei gewesen, hätte er gesagt: Natürlich ist keiner schuldlos, aber es geht doch um die Schwere der Schuld. Es geht doch darum, wie schlimm das, was einer angestellt hat, für die menschliche Gemeinschaft ist - und ob und wie jemand dafür bestraft werden muss. Es mag ja sein, dass es im Himmelreich anders zugeht - aber hier auf Erden, in der noch unerlösten Welt, da brauchen wir doch Gesetze, um unser Zusammenleben zu regeln.

Da wirkt Jesu Satz doch ein bisschen so, wie wenn man ein kleines Kind in Schutz nimmt: Och, komm, sei nicht so streng mit ihr - denk doch nur mal, was du als Kind so alles angestellt hast.

Die Geschichte steht nur im Johannesevangelium, nicht in den anderen, und selbst dort ist sie erst später eingefügt worden, wie wir heute wissen. Ich glaube, es geht darin gar nicht vorrangig um die Schuld der Menge, um die Sündhaftigkeit aller Menschen - sondern es geht darum, wer Jesus eigentlich ist! Wer diese Geschichte aufgeschrieben hat, der wollte vor allem etwas über Jesus sagen. Und zwar wollte er deutlich machen: Jesus ist der einzig tatsächlich Schuldlose. Und darum ist er der einzige, der das Recht gehabt hätte, tatsächlich einen Stein zu werfen! Deshalb aber ist nicht der bekannte Satz vom „ersten Stein“ das Wichtigste an dieser Geschichte, sondern der Schluss, wo Jesus sagt: „So verdamme ICH dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“

Es geht um die Gnade Gottes und die Kraft der Vergebung, die einen neuen Anfang möglich macht.
Und das ist wahrlich keine Binsenweisheit.

Dieser Beitrag ist in gekürzter Form als Rundfunkandacht für Rockland Radio "Feels Like Heaven" erschienen und kann über das entsprechende Podcast-Angebot angehört werden.

Mittwoch, 10. August 2011

Das große Schutzgebet

UmbrellaImage by ♥ Unlimited via Flickr„Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“
So lauten die ersten beiden Verse des 91. Psalms in der Bibel. Ich bin auf diesen Psalm erstmals gestoßen worden durch ein Buch, das ich als 15- oder 16-Jähriger gelesen habe. Als „Das große Schutzgebet“ wurde er in dem Buch vorgestellt. Gott behütet mich vor den Unbilden der Natur und den Nachstellungen missgünstiger Menschen.
In einer bilderreichen Sprache kommt Gottes schützendes Handeln zum Ausdruck.
Wie ein Schirm ist er, ein Unwetter kann mir nichts anhaben.
Wie ein Schatten ist er, so dass ich der stechenden Sonne nicht ausgeliefert bin.
Wie eine Burg ist er, deren Mauern Menschen nicht überwinden können, die mir Übles wollen.
Meine Zuversicht ziehe ich aus ihm; meine Hoffnung setze ich in ihn.
Bald konnte ich die ersten beiden Verse auswendig:
„Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“
Fortan begleiteten mich diese Worte; immer einmal wieder habe ich sie mir in Erinnerung gerufen. Es sind Worte, die Kraft geben und Mut, gerade in schwierigen Zeiten. Worte, die ausdrücken: Ich stehe niemals allein, ich halte mich zu Gott, und Gott hält sich zu mir.
Zwei Bibelverse wie ein doppeltes Polster - gegen alle Kälte und Härte, die einem im Leben begegnen mögen.
Was gibt Ihnen Halt im Leben? Welche Lebensumstände, welche Beziehungen, welche Worte?
Woran orientieren Sie sich?
Wohin kehren Sie immer wieder zurück?
Wo finden Sie Ihre äußere und innere Heimat?
Zu meiner inneren Heimat, die ich überall hin mitnehmen kann, gehören jedenfalls diese Worte:
„Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“
Dieser Beitrag ist in gekürzter Form als Rundfunkandacht für Rockland Radio "Feels Like Heaven" erschienen und kann über das entsprechende Podcast-Angebot angehört werden.

Dienstag, 9. August 2011

Verbotssystem

PImage by alexvoigt via FlickrFür manche Leute ist Religion ja nur ein riesiges Verbotssystem. Du sollst dies nicht tun, du sollst jenes lassen. Und das auch noch gefolgt von Strafandrohungen; da denken die sich: „Pah, besser lebt sich’s ohne; da kann ich meinen Spaß haben, ohne mir `nen Kopf zu machen.“

Einmal abgesehen davon, dass sich viele Ge- und Verbote, die sich in der Bibel finden, gar nicht mehr auf die heutige Zeit und völlig veränderte Situation übertragen lassen: Seit ich gerade zwei Monate Elternzeit hinter mich gebracht habe, bringe ich diesen regelrechten Verbotslisten vor allem im Alten Testament noch einmal mehr Verständnis entgegen.

Du sollst nicht mit dem Essen herummatschen.
Hör auf, in der Nase zu bohren.
Mach nicht so viel Unsinn.
Du sollst deinem kleinen Bruder nicht immer alles wegnehmen.
Du sollst nicht „blöder Papa“ sagen.
Du sollst nicht mit Spielzeug am Flachbildfernseher herumkratzen.

Manchmal hat man das Gefühl, über die eigenen Lippen kommt in einer Tour nichts anderes mehr als „Nein, nicht, hör auf, lass das sein“. Man kann sich den Mund fusselig reden, und doch bewirkt es oft rein gar nichts.

Und da wird es doch klar wie Kloßbrühe: Auch Gott redet sich den Mund fusselig, weil ihm etwas an uns liegt. Denn das ist doch das Dilemma: auf der einen Seite diese unendliche Liebe zu den eigenen Kindern, denen man nur das Beste wünscht, die sich frei entfalten und gestalten sollen ... und auf der anderen Seite zugleich die Verzweiflung darüber, ihnen so viel verbieten zu müssen – um sie zu schützen, und um sie gemeinschaftsfähig zu machen.

„Aber wir, wir können doch selbst entscheiden; wir wissen, was wir tun; wir sind doch keine unmündigen Kinder!“, höre ich die Kritiker sagen.

Wenn ich mich in der Welt so umsehe, möchte ich sagen:
Doch, oft genug sind wir genau das. Wie gut, dass wir uns da an ein paar Leitlinien halten können.

Dieser Beitrag ist in gekürzter Form als Rundfunkandacht für Rockland Radio "Feels Like Heaven" erschienen und kann über das entsprechende Podcast-Angebot angehört werden.

Montag, 8. August 2011

Schulanfang - Lernen und staunen

Lukas, Sara und Max sitzen in der Schule im Gruppenraum und lesen in ihren Biologiebüchern. Dort steht:

Die Giraffe ist das größte Tier der Erde. Sie kann über fünf Meter werden. Trotz des langen Halses hat sie wie der Mensch nur sieben Nackenwirbel. Beim Trinken spreizt das Tier die Vorderbeine, um mit dem Kopf auf den Boden zu kommen. Lange hat man herumgerätselt, warum es dem Tier nicht schwindlig wird, wenn es den Kopf aus dieser Höhe senkt und das Blut ins Gehirn strömt. Heute weiß man, dass kleine Klappen in den Blutgefäßen beim Heben und Senken des Kopfes sich öffnen oder schließen und so einen Überdruck verhindern.

Leonie setzt sich zu ihren Klassenkameraden und fragt:
„Was macht ihr?“
Lukas sagt: „Ich mache meine Hausaufgaben.“
Sara sagt: „Ich lerne fürs Leben.“
Max meint nur: „Ich staune.“ [1]

Hausaufgaben machen, fürs Leben lernen, staunen – das alles ist Schule, mal schön, mal doof, mal anstrengend, mal easy.

Euch allen in Rheinland-Pfalz und im Saarland, für die heute nach den Sommerferien wieder die Schule beginnt, wünsche ich, dass ihr vor allem viel zu staunen und zu lachen habt. Und Lehrerinnen und Lehrer, die euch dazu immer wieder Anlass geben.
Möge Gott euch auf eurem Schulweg und eurem Weg ins Leben begleiten.

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[1] [Die Geschichte wurde – mit anderen Schülernamen – entnommen aus: Haberhausen, Heribert: Geschichtenbuch Religion, Bd. 1: Grundschule, Düsseldorf 1999, S. 308f.]
Dieser Beitrag ist als Rundfunkandacht für Rockland Radio "Feels Like Heaven" erschienen und kann über das entsprechende Podcast-Angebot angehört werden.

Freitag, 5. August 2011

Eine kleine persönliche Elternzeit-Bilanz

Hinter mir liegen zwei Monate Elternzeit. Wie schon bei unserer Tochter habe ich mir auch bei unserem Sohn diese Zeit gegönnt - wenigstens zwei Monate, die beiden Partnermonate, um die sich der Elterngeldbezug verlängern lässt.

Ich wollte die Chance nutzen, meine Kinder nicht nur eine Stunde morgens und abends zu erleben - und am Wochenende, das dann unbedingt mit Schönem angefüllt sein muss. Auch bei unserem Jüngsten durfte ich mitverfolgen, wie er sich aus der Horizontalen in die Vertikale orientiert hat, wie er gelernt hat, sich fortzubewegen, sich an Möbeln hochzuziehen, wie er wacklig da steht, umkippt und von mir aufgefangen wird.

Oft bin ich in den vergangenen Wochen gefragt worden: "Und? Wie ist es?", beziehungsweise: "Wie war's?" Ich male dann gar nicht die reine Idylle aus, indem ich sage: Fantastisch, ganz wunderbar, die schönste Zeit meines Lebens. Sondern ich sage: Himmel und Hölle liegen dicht beieinander ...
Denn dass der Papa vom einen auf den andern Tag so viel zu Hause ist, das sorgt schon für Unruhe. Das bringt den gewohnten Rhythmus durcheinander, auch die Kinder verhalten sich anders, wollen die Situation für sich ausnutzen.

Aber auch abgesehen davon gehören das Schöne und das Schwierige doch eben beides dazu, zum Gesamtpaket des Lebens, auch des Familienlebens: Wie die große Schwester sich liebevoll um den kleinen Bruder kümmert, mit ihm spielt und kuschelt - und wie sie dann doch auch wieder die Eifersucht beutelt und sich in Wut und Zorn entlädt. Lachen und Weinen, Ruhiges und Lautes, Kuscheln und Schreien - man bekommt auch mit, was es wohl bedeutet, wenn sich ein Elternteil allein täglich dieser Aufgabe zu stellen hat.
Aber das sind dann doch Erfahrungen, die ich nicht missen möchte, auch oder gerade, weil sie mich auch an meine Grenzen bringen, positiv wie negativ: die oft so kitschig beschworenen Kinderaugen, die mich wirklich den Himmel spüren lassen, wenn ihr Lachen mich meint. Und der Kindermund, der so hässlich trotzig-verzogen sein kann.

Unvermeidlich stellt sich das Gefühl ein: Es lässt sich so viel falsch machen in der Erziehung. In jeder Situation gelassen und angemessen zu reagieren, wer kann das schon? Ich glaube nun: Erziehen, das heißt vor allem auch sich selbst erziehen, an sich selbst arbeiten, die eigene Vorgehensweise immer wieder in Frage stellen und sich korrigieren, sein Bestes geben - und nicht daran verzweifeln, dass es nie genug, nie wirklich richtig ist. Sondern vertrauen.

Und ich muss an die Weisheit vom alten Kirchenvater Augustinus denken: "Liebe - und tu, was du willst". Denn wenn du wirklich liebst, und wenn du dir dieser Liebe stets bewusst bleibst, dann wird sich dein Wollen und Handeln daran ausrichten. Auch für die Erziehung nicht der schlechteste Ratschlag.