Mittwoch, 31. Oktober 2012

Dienstag, 9. Oktober 2012

Zweckfrei und fantasievoll - Von der Schöpferkraft Gottes im Menschen


[Hausandacht im Speyerer Landeskirchenrat am 9. Oktober 2012]

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.
1. Timotheus 4, 4-5

Liebe Hausgemeinde!

Es ist eine dieser Szenen, die sich als Erinnerungsbild aus der Kindheit besonders fest in mein Gedächtnis gegraben haben: Wie mein Großvater mir hilft, kleine Löcher in die zuvor gesammelten Kastanien zu bohren, um diese dann mit Streichholzsteckverbindungen zu seltsamen Gebilden zu arrangieren: irgendwelche Figuren, Männchen, ja, aber mit ziemlich klumpigen Händen und Füßen, fast genauso groß wie Kopf oder Körper.

Seit vorgestern haben nun auch meine Kinder eine solche Erinnerung. Wie tief eingegraben sie ist, weiß ich nicht, aber ihren Spaß hatten sie dabei. Wir haben noch andere Herbstfunde verarbeitet als nur Kastanien; das Ergebnis sehen Sie auf dem Bild. Was erkennt die Fantasie?
- vielleicht einen kleinen dicken Franzosen mit Baskenmütze und Bucheckernfüßen
- dann ein etwas buckliges vogelähnliches Wesen rechts oben; das Eichenblatt, das eine Schwanzfeder bildet, ist auf dem Foto leider abgeschnitten
- und zwei vierbeinige Tierchen mit Köpfen aus Eicheln, vielleicht braune Schafe ...

Basteln, Schneiden, Kleben, Stecken, das macht jedem Kind Spaß, auch dem Kind im Manne, wenn nur etwas halbwegs Sinnvolles oder Lustiges dabei herauskommt.
Sinnvoll, habe ich gesagt. Aber was tun wir da eigentlich? Tatsächlich ist es doch sinn-los, jedenfalls zweckfrei, oder: eine Zweckentfremdung von Dingen, Gaben der Natur, die eigentlich ganz anderen Zwecken dienen.

Warum tun wir das?
Da kommt im Spielerischen ein Wesenszug des Menschen zum Vorschein. Ob es Herbstbasteleien mit Kastanien, Eicheln und Bucheckern sind; ob bei einem Telefongespräch kunstvolle Muster auf einem Stück Papier entstehen; ob jemand eine CD mit Lieblingsliedern für sich selbst oder für seine Liebste zusammenstellt (früher hieß das Mixtape, laut einem Essayisten „die am häufigsten ausgeübte amerikanische Kunstform“ ): Es drängt uns stets, etwas zu gestalten. Wir bringen einen anderen, neuen Sinn hinein in das, was uns die Welt darbietet. Wir erschaffen etwas Neues – nicht aus dem Nichts, sondern aus vorgegebenen Elementen – aber wir denken sie neu, kombinieren sie neu.

Vor 50 Jahren erschien das Buch „Was ist der Mensch?“ des Theologen Wolfhart Pannenberg . Darin schreibt er:
„Über alles, was ihm in der Welt begegnet, strebt der Mensch hinaus, durch nichts ganz und endgültig befriedigt.“ (S. 13) Dem Menschen ist dabei „eine viel größere Mannigfaltigkeit von Eindrücken zugänglich als jedem Tier. Solcher Vielfalt stehen die Menschen ursprünglich und faktisch immer wieder hilflos gegenüber. Das ist die Ursituation des Menschen in der Welt, besonders die des Kindes. Darum ist es als erstes nötig, sich zu orientieren, eine Übersicht zu gewinnen. Diese Aufgabe der Orientierung wird nun auf eine sehr bemerkenswerte, für alles menschliche Verhalten charakteristische Weise gelöst: Während die Tiere durch ihre Organe die Eindrücke sozusagen filtern, so daß nur ganz wenige davon ihr Bewußtsein erreichen, vermehrt der Mensch die Vielfalt der Welt noch durch eigene Schöpfungen. Im Umgang mit seiner Umgebung baut er sich immer eine eigene, künstliche Welt auf, um durch sie die Vielfalt der auf ihn einstürmenden Sensationen zu bändigen.“ (S. 14)

Was der Mensch da tut, ist nichts anderes als: Er schafft Kultur. Und ich stelle mir vor, dass außerirdische Archäologen zu Besuch kommen, unsere Herbstbasteleien finden – und sie für religiöse Kultobjekte halten. Wäre ja denkbar.

„Kultur bedeutet ursprünglich Ackerkultur. Die materielle Kultur umfaßt dann auch Handwerk und Industrie. Alle materielle Kultur beruht auf planvollem, zwecktätigem Umgang mit den Dingen unserer Umgebung.“ (S. 18) Durch die Kultur „baut der Mensch sich eine künstliche Welt, indem er die Dinge so verwandelt, daß sie besser der Befriedigung seiner Bedürfnisse dienen“ (S. 19)

Pannenberg fragt nun: „Welche Kraft befähigt eigentlich zu solchen schöpferischen Leistungen?“ Und er sagt: „Entscheidend aber ist die Macht der Phantasie. Sie bildet den schöpferischen Grundzug im menschlichen Verhalten. [...] Im Menschlichen Verhalten gewinnt die Phantasie deshalb so breiten Raum, weil der Mensch nicht frühzeitig durch Instinkte in eine arttypisch festliegende Richtung gedrängt wird. Menschliches Verhalten behält etwas Zwecklos-Freies, Spielerisches, soweit die Menschen es nicht selbstgesetzten Zielen unterwerfen. Und wer sein Verhalten zu sehr in der Verfolgung von Zwecken aufgehen läßt, so daß dem freien Spiel der Phantasie gar kein Raum mehr bleibt, der verkümmert und verliert sene Spannkraft. Im menschlichen Verhalten, sofern es schöpferisch ist, kommt der Phantasie diejenige Schlüsselstellung zu, die bei den Tieren die Instinkte innehaben.“  (S. 19f.)

Pannenberg spannt den Bogen noch weiter, hin zur wissenschaftlichen Erkenntnis: dass nämlich „jede weiterführende wissenschaftliche Einsicht [...] mit einem Einfall, mit einem Phantasieereignis [beginnt]“ (S. 20). „Echte Einfälle“ aber „kann man nicht hervorrufen“. Damit hat „die am entschiedensten schöpferische Tätigkeit des Menschen zugleich einen passiven Zug“ (S. 21): Gott wirkt eben nicht nur „in der äußeren Geschichte“, sondern „auch in der Innerlichkeit des Menschen unablässig Neues“, und damit ist „der Mensch gerade in seinem Schöpfertum zugleich ganz und gar ein Empfangender“ (S. 22). Kurz gesagt: Wem etwas einfällt und daraus etwas macht, der ist ein lebender Gottesbeweis.

So wünsche ich uns viel Fantasie bei allem, was wir tun, heute, diese Woche, und darüber hinaus.
Der Friede Gottes aber, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.
Amen.

Samstag, 6. Oktober 2012

Geschenkte Zeit


Vor nicht ganz 18 Jahren hat ein Kleinbus nachts eine rote Ampel überfahren und ist mir genau in die Fahrerseite gekracht. Meine beiden Mitfahrer wurden leicht verletzt, dachten aber minutenlang, ich wäre tot, als ich bewusstlos über dem Steuer hing. Mit einer Gehirnerschütterung, einem gebrochenen Jochbein, die Wange aufgerissen, kam ich ins Krankenhaus.

Dort hatte ich Zeit zum Grübeln. Eigentlich war es Glück im Unglück: Es hätte ganz anders enden können.
Trotzdem: Eine wundersame Bewahrung konnte ich darin nicht erkennen. Ein Schutzengel, der ordentliche Arbeit macht, hätte doch wohl früher eingegriffen.

Als junger Student geriet Martin Luther in einen schweren  Gewittersturm. Ganz in seiner Nähe schlug ein Blitz ein, woraufhin er gelobte: „Ich will ein Mönch werden.“
Irgendwie habe ich darauf gewartet, dass mein Unfall auf mich auch so einschneidende Wirkung ausübt. Nicht gerade, dass er mich ins Kloster führt. Aber doch eine Erleuchtung, ob ich mich irgendeiner besonderen Aufgabe widmen soll. Ist nicht passiert.

Aber anderes ist passiert seitdem.
Nahe Verwandte sind gestorben.
Meine Kinder wurden geboren, und ich sehe sie aufwachsen.

Und ich erkenne je länger je mehr: wie brüchig das Leben ist, wie wenig selbstverständlich. Wie sehr meine Zeit hier geschenkte Zeit ist.

Es geht nicht darum, ob ich wie durch ein Wunder aus dieser Gefahr errettet oder von jener Krankheit geheilt werde.
Sondern darum, dass das Leben überhaupt ein Wunder ist.
Danke dafür, guter Gott.

Freitag, 5. Oktober 2012

Klug und maßvoll: der "Blasphemieparagraf"


„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen ...!“ So tönt eines der biblischen Zehn Gebote.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Kleiner Fischerverein


Es gibt einen Witz, in dem der Papst nach seinem Tod an die Himmelspforte kommt und dort nicht erkannt wird.
"Aber ich bin doch der Papst!"
"Papst, Papst ... nie gehört, was soll das sein?", fragt Petrus.
"Aber ich bin doch dein Nachfolger!", protestiert der Papst.
"Hm, das sollte ich doch wohl wissen", meint Petrus süffisant.
"Ich bin das Oberhaupt der katholischen Kirche!", macht der Papst einen letzten Versuch.
"Kirche, hmm ... einen Moment, ich frag' mal nach."
Petrus bringt das Anliegen vor Jesus; aber der ist auf Anhieb genauso überfragt und greift deshalb zum Telefon. Kurz darauf bricht Jesus in schallendes Lachen aus. Dann sagt er: "Petrus, stell dir vor, der kleine Fischerverein, den wir damals gegründet haben ... den gibt's immer noch!"

Ja, in der Tat, wenn es auch nicht das richtige Wort ist: Den kleinen Verein gibt's immer noch – inzwischen mit unzähligen Ortsvereinen und Regionalverbänden, wenn man so will, mit unterschiedlichen Ausprägungen, auch Streitpunkten, mit schwieriger, ja, oft trauriger und beschämender gemeinsamer und getrennter Geschichte – und doch: in alledem miteinander verbunden durch die eine Taufe auf den Namen des dreieinigen Gottes.

„Wir danken Gott allezeit für euch alle … ihr seid ein Vorbild geworden für alle Gläubigen“ – das schreibt einst der Apostel Paulus an die von ihm erst kurz zuvor gegründete christliche Gemeinde in Thessaloniki. „Wir danken Gott allezeit für euch alle“ – für vielleicht fünfzig Leute, die inmitten einer pulsierenden, multireligiösen Hafenmetropole zum Gottesdienst zusammen kommen und Nächstenliebe üben.

Die christliche Gemeinde ist gegründet auf Hoffnung. Es gibt uns noch, uns, den kleinen Fischerverein, gegründet von Jesus und Petrus vor 2000 Jahren. Knapp fünfzig Millionen in Deutschland, über zwei Milliarden in aller Welt.

Und Gott Vater spricht zu Gott Sohn: „Natürlich gibt’s den noch. Du hast doch damals dem Heiligen Geist gesagt, dass er sich um sie kümmern soll. Und du weißt ja, der ist hartnäckig. Was der einmal angefangen hat, das gibt er so schnell nicht auf, egal, wie schwer sie es ihm machen.“

Und Petrus sagt an der Himmelspforte: “Ist gut, Papst. Komm rein.“

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Von Einheit sprechen


Ich bin Deutscher, und ich bin Christ. Nein: Ich bin Westdeutscher, und ich bin evangelischer Christ. Na? Haben Sie's gemerkt? Sprache schafft Wirklichkeit. Wenn ich etwas oder jemandem, in diesem Fall mir selbst, einen Namen gebe, es bezeichne – dann unterscheide ich es oder ihn von anderen Dingen oder Menschen.

Ich bin Deutscher: Betone ich das, dann grenze ich mich ab von allen Nichtdeutschen. Ich bin Christ: Ich grenze mich ab von allen Nichtchristen. Ich bin Westdeutscher – darin steckt: und nicht Ostdeutscher. Ich bin evangelischer Christ – darin steckt: und nicht katholischer.

Wir bezeichnen, wir unterscheiden, wir grenzen ab. Und wir schaffen damit Wirklichkeit: Dinge, Tiere, Menschen, die zusammengehören – und solche, die nicht dazugehören. In der Bibel gehört diese Aufgabe zu den ersten, die der Mensch von Gott übertragen bekommt: „Wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen“ [Gen 2,19].

Durch die Sprache erschaffen wir Unterschiede, und durch die Sprache erschaffen wir Gemeinsamkeiten. Die deutsche Wiedervereinigung war auch deshalb möglich geworden, weil aus dem gegen das DDR-Regime gerichteten Slogan „Wir sind DAS Volk!“ der Slogan „Wir sind EIN Volk!“ wurde.

Die Verfasser des Aufrufs „Ökumene jetzt!“ vor einigen Wochen haben es genauso versucht. „Ein Gott, ein Glaube, eine Kirche“ ist der Aufruf überschrieben, der gleich zu Beginn argumentiert: Getaufte sind Geschwister, Volk Gottes, Leib Christi, EINE Kirche eben – alles Vokabeln, die das Gemeinsame betonen.

Ob ich denke, dass es genügt, von der Einheit zu sprechen, um die Einheit zu erreichen? Nein: Viele andere Faktoren spielen natürlich eine Rolle. Bei der deutschen Einheit waren auch wirtschaftliche und politische Motive treibende Kräfte. Und auch im ökumenischen Mit- und Neben- und Gegeneinander geht es um anderes als nur die richtige Bezeichnung.

Aber wir könnten öfter das Gemeinsame betonen. Und uns, ehe wir besprechen, bewusst machen, ob wir trennen und abgrenzen oder zusammenbinden. Wir können mitarbeiten an der Gemeinschaft - allein durch bewusstes Sprechen.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Irrational: Immer noch kein Organspenderausweis


Ich habe noch immer keinen Organspenderausweis. Dabei ist es nicht so, dass ich das für mich bereits entschieden

Montag, 1. Oktober 2012