Montag, 4. August 2008

Ist der Hund wirklich verhungert?

Menschen regen sich gerne über Dinge auf, über die sich leicht aufzuregen ist, weil sie die Humanität anzusprechen scheinen. Wir reagieren schnell und impulsiv, wenn Emotion im Spiel ist. Wir wollen gute Menschen sein, die Frage, ob der Mensch von Grund auf böse oder gut ist, für letztere Antwortmöglichkeit entschieden wissen.

Wenn wir dann bei einem Thema, das uns aufregt und zu dem sich scheinbar leicht eine Position einnehmen lässt, auf eine Gruppe Gleichgesinnter treffen, womöglich sogar Tausende, wenn wir Zugriff zu einem Medium haben, das uns unsere Position leicht und schnell und gefahrlos öffentlich machen lässt, dann gibt es meist kein Halten mehr. Dann verzichtet mensch auch schon einmal auf jede eigene Recherche-Anstrengung, um sich darüber klar zu werden, wofür (oder wogegen) er sich da eigentlich einsetzt.

Vor einiger Zeit wurde ich auf wer-kennt-wen.de in die Gruppe „Künstler lässt Hund verhungern" (Neue Rechtschreibung von mir: ß - ss) eingeladen. Es geht um den Künstler Guillermo Vargas Habacuc, der im Oktober 2007 in einer Galerie in Nicaragua einen abgemagerten Hund ausstellte, bis dieser - so die Legende - jämmerlich verhungerte.

Nun soll der Gruppenbeschreibung zufolge diese Aktion bei der "Bienal Centroamericana Honduras 2008" wiederholt werden. Dagegen – bzw. gegen die Präsenz des Künstlers bei dieser Veranstaltung überhaupt – gibt es eine Online-Petition, die Hunderttausende bereits unterzeichnet haben. Die WKW-Gruppe hat über 40 000 Mitglieder.

Weil mich schon viel zu viele ähnlich gelagerte Ketten-E-Mails und Petitionen erreicht haben, von denen ich fast alle nach einer einfachen Gegenprüfung beim Hoax-Info-Service in die digitale Mülltonne treten konnte, war ich auch hier zunächst skeptisch. Misstrauisch machte mich vor allem eine Fotoserie, die in einem Album der WKW-Gruppe zu sehen ist, und die den angeketteten und schließlich verhungerten Hund zeigen soll:



Für jeden leicht zu erkennen ist, dass der Hund auf dem dritten Bild nicht angeleint ist und auch nicht vor derselben Wand liegt wie auf den ersten beiden Bildern. Aufgrund der schlechten Fotoqualität lässt es sich zwar nicht eindeutig sagen, aber mir scheint das dritte Bild generell ein ganz anderes Tier zu zeigen.

Selbst im von der WKW-Gruppe verlinkten Spiegel-Online-Artikel, der ansonsten sicher davon auszugehen scheint, dass der Hund während der Ausstellung verhungert ist, wird aus den Zitaten des Künstlers deutlich, dass niemand den toten Hund gesehen, geschweige denn fotografiert hat. Er war vielmehr auf einmal "verschwunden" - ob er entwischt ist oder freigelassen wurde, ist nicht zu bestimmen.

Zugegeben: Die Internetrecherche zu diesem Thema gestaltet sich schwierig, weil unter den Suchergebnissen zunächst ungeheuer viele Webseiten und Blogbeiträge erscheinen, die sich über die "Kunst-Aktion" echauffieren. Internetrecherche allein genügt auch eigentlich nicht, um Sicherheit über die Vorgänge zu gewinnen. Sie reicht aber zumindest aus, um sagen zu können: Was da tatsächlich passiert ist, können wir von hier aus nicht feststellen.

Und um die Suche für Interessierte zu vereinfachen, hier drei Artikel, welche die Legende vom verhungerten Hund widerrufen:

Starving Dog as Art Isn't Dead – Don't Believe Everything You Read

The Extraordinary Pet Blog: Starving dog exhibit reported as a hoax

Ink & Mess: Starving Dog as Art - Gallery confirms exhibition as hoax

Ich will gar nicht groß in die Debatte einsteigen, ob diese Kunstaktion - ein fühlendes und leidendes Lebewesen auf diese Weise auszustellen - nicht dennoch verwerflich ist, auch wenn der Hund nicht gestorben ist.

Es geht mir um diese einfachen Tatsachen und Verhaltensregeln im Umgang mit dem weltweiten Netz:

Menschen reagieren zum einen erstaunlich leichtgläubig, zum anderen höchst empfindlich, wenn Dinge attackiert werden, die ihnen wichtig sind: Tierliebe, Kinder, eigene Zukunftssicherung, Geld/Steuern, Umweltschutz, Gott und die Kirche. Was im Nachgang der ganzen Geschichte passiert ist, lässt sich sehr wohl feststellen: Hype, Aufregung, Emotionen kochen hoch, der "Künstler" erhält Morddrohungen (!) - manche Tierschützer sind offenbar selbst weniger human als sie gerne wären.

Deshalb: Glaube nicht alles, was du im Internet liest oder hörst. Bevor du dich für etwas engagierst, wovon du im Internet erfahren hast, prüfe es genau. Denn: Die Mühe, sich zu informieren, muss sich jeder immer noch selbst machen. Das Internet hat uns dieser Aufgabe, ja Verpflichtung nicht enthoben, sondern sie erst noch verstärkt. Es ist nicht leichter geworden (auch wenn es manchmal den Anschein hat), sondern schwieriger.

["Übriggebliebene" Links:
Costa Rica Blogs - » Dead Dog: But is It Art?
Urban Legends Reference Pages: Guillermo Vargas: Dog Starved for Art Exhibit
Salonkritik.net: Aclaración tema "Hababuc". Rodolfo Kronfle Chambers
The Starving Dog Exhibition Controversy
reiskeks-natividad.blogspot.com
elperritovive.blogspot.com ]


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