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Mittwoch, 31. Oktober 2018

Das Kräutlein des Johannesevangeliums gerieben: Von der Wahrheit, die frei macht

Predigt am Vorabend des Reformationstages (Dienstag, 30.10.2018) in der Protestantischen Kirche Altrip

Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger 32 und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. (Johannes 8, 31-32)

2011 bis 2013 waren die Jahre der Plagiate. Oder besser: ihrer Erkennung und Überführung. Vor allem zahlreiche Politikerinnen und Politiker mussten ihren Doktortitel wieder abgeben, weil sie ihn sich erschummelt hatten – mit größtenteils abgeschriebenen Arbeiten.

Auch dass jemand erst gar keine Doktorarbeit schreibt, aber bei der Jobbewerbung angibt, einen zu haben, kommt vor. Und manchmal kommt es nicht nur vor, sondern auch raus, wie ich gerade von einem aktuellen Fall erzählt bekam.

2013 bis 2015 waren die Jahre der Abgasskandale. Manipulieren, vortäuschen, lügen und betrügen auch hier. Schummeln, um so zu tun, als würden die gebauten Autos die Grenzwerte nicht überschreiten, obwohl sie es in Wahrheit doch tun. Ist vorgekommen, ist rausgekommen.

Und dann das Phänomen, das 2016 zum Anglizismus des Jahres gewählt und 2017 in den Duden aufgenommen wurde: Fake News.

Donnerstag, 17. Januar 2013

Dreimal Religion und Kirche im SWR2 Forum

Hach, schon wieder so lange nichts gebloggt hier. Das muss (s)ich ändern. Ich gelobe Besserung. Und beginne mit drei Hörtipps.

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Samstag, 10. September 2011

Riesenmüll in Christ & Welt?!

Freitag vergangener Woche habe ich mich dazu hinreißen lassen, die Äußerungen, die Dr.  Sebastian Moll, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der theologischen  Fakultät der Uni Mainz, in einem Interview in Christ & Welt 36/2011 gemacht hat, auf Twitter als „Riesenmüll“ zu bezeichnen. Zwar wurde bzw. wird das Interview auf Facebook und auf Google+ (nicht allgemein öffentlich) schon diskutiert, aber ich sehe mich doch noch in
der Pflicht, eine Begründung für mein Pauschalurteil nachzuliefern.  Pauschalurteile versuche ich mir sonst zu verkneifen. In diesem Fall rutschte es heraus, weil ich mich selbst bei nahezu jeder Antwort kopfschüttelnd erlebte.
Bevor ich in die Einzeldiskussion einsteige, an dieser Stelle ein DISCLAIMER, der mir wichtig ist: Ich kenne Herrn Dr. Moll nicht persönlich. Ich bin ihm nie begegnet. Er war mir bis zur Lektüre dieses Interviews unbekannt. Ich habe kein Interesse daran, ihm persönlich oder seiner wissenschaftlichen Reputation Schaden zuzufügen. Ich habe weder - wie  dies für ein journalistisch hochwertiges Medium Pflicht gewesen wäre - mit Herrn Dr. Moll noch mit der zuständigen Redakteurin Kontakt aufgenommen, um Unklarheiten im Textverständnis auszuräumen oder zu erfragen, ob für das Interview eine Autorisierung eingeholt wurde. Ich habe auch sein Buch, worauf sich das Interview bezieht, nicht gelesen. Das Folgende stellt ausschließlich meine persönliche Meinung zu den in diesem Interview abgedruckten Aussagen dar und ist in keinem Fall als offizielle Äußerung der pfälzischen Landeskirche zu verstehen. Ich empfehle jedem, der sich, ob jetzt oder später, ein Urteil über Herrn Dr. Molls wissenschaftliche Befähigung zu bilden hat, dieses Interview und meine Kritik außer Acht zu lassen und sich stattdessen mit seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu befassen.
Und nun in medias res:

Das Grundproblem klingt schon in Molls erster Antwort an, wenn er seine Motivation zum Schreiben des 100-Seiten-Buches „Jesus war kein Vegetarier“ erläutert: Ihn besorge, „dass die Bibel inzwischen völlig
verzerrt wird“. In dieser Art und Weise von „der“ Bibel zu sprechen, ist recht leichtfertig, zumal für einen promovierten Theologen - ist die Bibel doch eine Sammlung von 66 verschiedenen Schriften bzw. Büchern,  die über einen Zeitraum von 1500 Jahren entstanden sind. Ersetzt man nun - mit gutem Grund - in der zitierten Aussage das Wort „Bibel“ durch „Bibliothek“, wird schon deutlich, dass da irgendetwas nicht ganz
stimmt. Was, das wird später noch klarer.

Weiter heißt es, die Bibel müsse „als Begründung dafür herhalten, auf Fleisch zu verzichten, die Frauenquote gut zu finden und gegen Atomkraft zu sein“. Darin stecken gleich zwei weitere problematische Aspekte, die
sich durch den Rest des Interviews hindurchziehen. Zum einen nennt er niemals Ross und Reiter, also welche Stellungnahmen oder Äußerungen von welchen Theologen und Kirchenrepräsentanten er konkret meint. Zum
anderen verwendet er
Strohmann-Argumente, um eine Breitseite gegen „die protestantischen Theologen und Vertreter der evangelischen Kirche“ zu fahren: Er pickt sich innerkirchlich zwischen der konservativen Minderheit und der liberalen Mehrheit umstrittene Themen heraus. Dann sucht er sich auf der Mehrheitsseite einzelne Stimmen, die biblisch-exegetische Extrempositionen vertreten („Jesus war Vegetarier“, „Jesus hatte eine Frauenquote unter den Aposteln“, vgl. die Kurzbeschreibung seines Buches bei Amazon), um so zu belegen, dass biblische Inhalte bewusst verzerrt dargestellt würden, um eine Anpassung an den politischen und gesellschaftlichen Mainstream zu rechtfertigen.

Wenn er in seiner zweiten Antwort Orwell zitiert und behauptet, „dass wir uns zu einer Gesellschaft hinbewegen, in der man nicht mehr sagen darf, dass zwei plus zwei vier ist“, wird es schon fast populistisch. Denn von welchen Gruppierungen bekommt man denn sonst zu hören, man dürfe bestimmte Dinge ja nicht sagen? Oder „das wird man doch wohl mal sagen dürfen“?

Was „schwierig“ sei, heißt es dann, sei beispielsweise Kritik an der Frauenordination zu üben. Ihn störe, wenn heute „in Positionspapieren der EKD“ (in welchen? Bitte um Hinweis!) „die Fakten der Schrift
dahingehend verdreht“ würden, „dass sich Christus und Paulus bewusst für die Belange der Frauenbewegung eingesetzt hätten“. Sie hätten doch „ganz andere Probleme“ gehabt „als die Gleichstellung der Geschlechter“.
Weil in dem Interview nicht genau benannt wird, um welche Positionspapiere es sich handelt, kann ich es nicht verifizieren, aber ich bin fast sicher, dass sie nicht so formuliert wurden, wie es Moll ihnen hier vorwirft. „Frauenbewegung“ und „Gleichstellung“ wären in der
Tat vorgreifende Anachronismen, übertrüge man sie aus unserer Zeit in die biblischen Texte. So aber scheint mir Moll eben diesen Fehler in seiner Kritik zu machen. Denn dass das Neue Testament sehr viele Berichte von Gesprächen Jesu mit und Heilungen von Frauen (gar am Sabbat!) enthält, zeigt durchaus, wie er die religiösen/kultischen Vorbehalte ihnen gegenüber durchbrochen hat. Unter seinen Jüngern waren definitiv Frauen. Und aus den Paulusbriefen geht hervor, wie viele Ämter Frauen in den urchristlichen Gemeinden wahrgenommen haben - unter anderem wird Junia in Römer 16,7 gar zu den Aposteln gezählt. Nein, Jesus hat nicht gesagt: „Leute, ich hab' da so'n Konzept entwickelt, Gender Mainstreaming, setzt das doch mal um“. Und Paulus hat nicht geschrieben: „Wir anerkennen die Anliegen der Frauenbewegung und wollen sie in unseren Gemeinden aufnehmen.“ Aber soll das ein Argument sein, die Gleichstellung von Frauen und Männern nicht als Konsequenz aus Jesu Botschaft vom Reich Gottes, aus seinem gelebten Umgang mit Menschen beiderlei Geschlechts, aus der Wertschätzung, die Paulus der Arbeit von Frauen in den Gemeinden entgegenbringt, aus Luthers Auffassung vom Priestertum aller Getauften (die ja letztlich in seinem Verständnis des Paulus wurzelt) zu betrachten und deshalb anzugehen?

Überlesen habe ich zunächst glatt den Fauxpas Molls: „dass in der evangelischen Kirche Frauen geweiht werden“ - eine katholische Sprachkontamination … denn aufgrund des Priestertums aller Getauften entspricht die Ordination in der evangelischen Kirche ja eben nicht einem sakramentalen Weihestand. Aber so was kann einem herausrutschen (ich selbst habe in einer Redaktionskonferenz mal von den „Zwölf Geboten“ gesprochen! :-)

Es folgt die Interview-Antwort, in der das grundsätzliche Problem, das zu Beginn anklingt, noch einmal deutlich zum Ausdruck kommt. „Will ich die Tradition anerkennen oder nicht? Die evangelische Kirche muss klar sagen: Gilt die Schrift noch oder nicht? Aber man kann doch nicht so tun, als halte man an der Bibel fest und bricht zugleich in allen praktischen Fragen mit der Schrift.“ Ich zitiere dazu Knut Dahls Kritik (in der Diskussion auf G+, Link s.o.), der ich mich vollumfänglich anschließen kann:

„So einfach kann man sich einer hermeneutischen Debatte nicht entziehen, wenn es um das Verständnis biblischer Texte und dazu noch der kirchlichen Tradition geht. Es entsteht der Eindruck, der promovierte  Theologe mache keinen Unterschied zwischen 'biblisch' und 'schriftgemäß'. Ein schwerwiegender Fehler, missachtet er doch damit gründlich die Erkenntnisse reformatorischen Schriftverständnisses.“ und „Da nützt es nun wirklich nichts, „die Bibel“ als einheitliches Buch mit verbindlicher dogmatischer und ethischer Richtschnur darzustellen. Aber genau das tut Moll und deswegen … bleibe ich bei meinem Vorwurf des  Biblizismus. 'Die Bibel'  besitzt eben keine Selbstevidenz. Es bedarf schon eines hermeneutischen Schlüssels, um sie 'richtig' zu lesen.“

Es geht darum, dass Moll kein Wort über die Verstehensvoraussetzungen verliert, die jeder mitbringt, wenn er sagt: „Ich orientiere mich an der Bibel.“ Zwei Menschen können sagen: „die Schrift gilt“ - und doch
Unterschiedliches meinen. Molls Antwort hier ist kaum anders zu verstehen, als dass er ein wortwörtliches Bibelverständnis propagiert. Er verschleiert dies ein wenig, indem er nur negativ formulierte Beispiele bringt, nach der Struktur: „Wer dies oder jenes sagt oder tut, kann sich dabei nicht auf die Bibel berufen.“

Ich will meine/unsere Kritik mit Worten des Theologen Paul Tillich noch einmal verdeutlichen: Ein theologisches System „muss die Wahrheit der christlichen Botschaft aussprechen, und es muss diese Wahrheit für jede neue Generation neu deuten. Theologie steht in der Spannung zwischen zwei Polen: der ewigen Wahrheit ihres Fundamentes und der Zeitsituation, in der diese Wahrheit aufgenommen werden soll”.

Das stammt aus der Einleitung des 1. Bandes seiner „Systematischen Theologie”, und der Fortgang ist ebenfalls höchst interessant, weil sich aus dieser Aufgabenbestimmung zwangsläufig eine Absage an den
Fundamentalismus ergibt. Dieser macht nämlich einen Fehler, er verwechselt „die ewige Wahrheit mit einer ihrer zeitlichen Ausformungen. (…) Wenn es dann geschieht, dass sich dieser Fundamentalismus mit einem Vorurteil gegen theologisches Denken überhaupt verbindet, wie z.B. im evangelischen Biblizismus, dann wird die theologische Wahrheit von gestern als unwandelbare Botschaft gegen die theologische Wahrheit von
heute und morgen verteidigt. Der Fundamentalismus versagt vor dem Kontakt mit der Gegenwart, und zwar nicht deshalb, weil er der zeitlosen Wahrheit, sondern weil er der gestrigen Wahrheit verhaftet ist. Er
macht etwas Zeitbedingtes und Vorübergehendes zu etwas Zeitlosem und ewig Gültigem.“ (ST I, S. 9)

Molls Selbstvergleich mit Luther („ohne mich mit Luther vergleichen zu wollen“) in der nächsten Antwort: geschenkt. Aber: „Die Kernfragen sind nicht so kompliziert, dass man dafür dickleibige Bücher braucht. Wir
haben uns nur daran gewöhnt, dass vieles durch Pseudointellektualismus aufgeblasen wird.“ Abgesehen davon, dass man sich fragen muss, woher das hohe Ross kommt, von dem herunter er die meisten Theologinnen und Theologen der Vergangenheit und Gegenwart abwatscht und sich selbst als
den einzigen wahrhaft Intellektuellen stilisiert: Auch die Bibel ist ein dickleibiges Buch. Vielleicht sollten wir sie ja durch sein Bändchen ersetzen?

„Das Studium der Theologie ist dem Glauben nicht förderlich“, sagt Moll. Ich stimme zu: Das Studium der Theologie ist einem unreflektierten Kinderglauben nicht förderlich. Und wenn er behauptet, Theologie werde
„oft nur noch als historische Kulturwissenschaft betrieben“, dann ist er womöglich schon so tief hinter den Tellerrand seiner eigenen kirchengeschichtlichen Spezialisierung gefallen, dass er keinen Blick für anderes mehr hat. Ich habe mein Studium jedenfalls anders erlebt. Aber das ist ja auch schon zwölf Jahre her.

Dann spricht Moll von einer „Überspezialisierung in den exegetischen Fächern“ und davon, dass die Theologen die „Deutungshoheit“ verloren hätten, wenn es um Religion geht. Stattdessen äußerten sich
Journalisten, Politiker und Religionswissenschaftler. Es sei außerdem „unverantwortlich, dass junge Menschen so viel Zeit und Energie in gesellschaftlich irrelevante Themen stecken sollen“. Ich halte diese
Äußerungen für dezidiert wissenschaftsfeindlich. Das ist auch später zu spüren, wenn er sich despektierlich darüber auslässt, dass sich „Studenten stundenlang anhören [müssen], welche Briefe nun von Paulus  sind und welche nicht“. Wenn die Theologie weiter zum universitären Fächerkanon zählen soll, dann muss sie die Einheit von Forschung und Lehre wahren. Warum kritisiert Moll in der Theologie, was sich in den
Naturwissenschaften genauso verhält? Wie gesellschaftlich relevant sind die spezialisierten Forschungen dort? Haben Physiker, Chemiker, Biologen auch die Deutungshoheit über ihre Fächer verloren? Ihre Ergebnisse
packen doch vor allem Wissenschaftsjournalisten in populärverständliche Artikel und Bücher.

An den beiden folgenden Absätzen zu Tierschutz und Vegetarismus habe ich - o Wunder! - fast nichts auszusetzen. Nur entscheidet sich die Frage, ob Vegetarismus christlich geboten ist oder nicht, nicht daran, ob Jesus Vegetarier war oder Vegetarismus gelehrt hat. Sondern sie muss in der Zusammenschau einer Vielzahl theologischer, historischer, gesellschaftlicher, kultureller, persönlicher Aspekte gesehen werden,
woraus schließlich die jeweilige Gewissensentscheidung erwächst. Wie das Verhältnis von Mensch und Tier in den biblischen Schriften beschrieben wird, spielt dabei dann durchaus eine Rolle.

Es folgen ein paar Ausführungen zur „Homo-Ehe“, die wieder das Problem von biblisch vs. schriftgemäß aufweisen, von dem schon weiter oben die Rede war. Besonders deutlich wird es in dem Satz: „Wenn man sich das Zeugnis der Schrift anschaut, wird Homosexualität eindeutig als Sünde verurteilt.“ Wieder fehlt eine Erläuterung, welche für heute normierende Relevanz diesen wenigen einzelnen Bibelstellen zukommen soll und warum.

Interessant ist, dass Moll nun weiterfährt mit: „Aber das ist eben nicht die entscheidende Aussage der Bibel.“ Das heißt, es gibt offenbar doch einen Maßstab, anhand dessen zu beurteilen ist, welche Aussagen der Bibel
„entscheidend“ sind und welche nicht. Leider erfahren wir nichts weiter darüber.

Stattdessen gibt es wieder einen Seitenhieb: „Wenn ich mir heutige Debatten anschaue, habe ich den Eindruck, es sei die Hauptaufgabe eines Christen, gegen Klimawandel, Tiertransporte, Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen vorzugehen. Diese Themen sind überrepräsentiert.“ Auch hier fehlt zunächst eine Angabe des Maßstabs, wann ein Thema als „überrepräsentiert“ gelten soll. Dann ist die Frage, wo das Thema überrepräsentiert ist. In theologischen Zeitschriften und Buchveröffentlichungen? In kirchenoffiziellen Stellungnahmen und Pressemitteilungen? Bei idea? Auf Twitter und Facebook? In BILD und WELT? F.A.Z., ZEIT, Süddeutsche? Ich empfehle jedenfalls einen Blick auf die Überschriften der EKD-Denkschriften, der EKD-Texte und der Gemeinsamen Texte (ev./kath.), um eine einigermaßen realistische Einschätzung zu bekommen, mit welchen Themen man sich auf EKD-Ebene beschäftigt. 

„Die Kirche und die Theologen müssten sich auf das Wesentliche der Botschaft konzentrieren“, fordert Moll nun, und das ist „die Botschaft der Erlösung, der Triumph des Lebens über den Tod, die Vergebung der Sünden. Das weiterzutragen ist die Aufgabe jedes Christen, aber erst recht jedes Predigers. Wenn das die Hauptbotschaft bleibt, kann ich mich auch um Vegetarismus oder Frauenfragen kümmern. Aber ich kann diese zentrale Botschaft nicht mehr erkennen.“

Hier haben wir erneut einen Griff in die Pauschalitätenkiste: „Die Kirche und die Theologen“ werden miteinander in Haft genommen, ohne Berücksichtigung unterschiedlicher Aufgabenverteilungen. Ist es wirklich Aufgabe der wissenschaftlichen Theologie an den Universitäten, den Studierenden die Botschaft von Erlösung, Auferstehung, Vergebung der Sünden zu verkündigen? Und wenn dies weiterzutragen „die Aufgabe jedes Christen“ ist - mit wie viel Empirie kann er seine subjektive Einschätzung untermauern, er könne „diese zentrale Botschaft nicht mehr erkennen“? Wie weit trägt diese Beobachtung - auch bis auf die
Gemeindeebene, also auf Pfarrerinnen und Pfarrer, weitere Haupt- und Ehrenamtliche, „einfache“ Gemeindeglieder?

Wenn, ja wenn Moll den Versuch unternommen hätte aufzuzeigen, wie diese entscheidende Botschaft für das Leben heutiger Menschen relevant gemacht werden kann - denn deren Frage ist schon lange nicht mehr diejenige Luthers: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ -, wenn er auf den hundert Seiten den Versuch unternähme, unser „Christianesisch“ in die Sprache der Menschen in der Postmoderne zu übersetzen - dann wäre er eine der wichtigsten gegenwärtigen Aufgaben angegangen. Dann wäre sogar die Selbstparallelisierung mit Luther verzeihlich gewesen.

Aber Moll fordert ja nur, „dass die Theologie nicht mehr so tut, als müsse es geradezu der Zweck des Denkens sein, den Glauben zu zerstören.“ Ich persönlich hatte nie den Eindruck, dass sie das tut. Vielmehr ist es der Zweck des Denkens, den Glauben weiterzubringen. Und das unterstützt die Theologie.

Und noch eine Windmühle wird aufgebaut: „Versuchen Sie mal, in einem theologischen Seminar die Studenten zum Gebet aufzufordern – da riskiert man als Dozent ja seinen Job. Spiritualität ist nicht gefragt.“ Das halte ich für großen Quatsch. Ein theologisches Seminar ist genau das: ein theologisches Seminar. Keine Andacht, kein Gottesdienst, sondern wissenschaftliche Arbeit. Dennoch gibt es Gelegenheiten, bei denen
Dozentinnen und Dozenten mit Studierenden gemeinsam ins Gebet kommen können. Seinen Job riskiert indes sicher keiner, der im Seminar mal zum Gebet auffordert. Es wird aber in der Regel nur aus besonderem Anlass geschehen.

„Und erst wenn man die Verbissenheit abgelegt hat, wird man wieder offen für Fakten“, heißt es zum Ende hin. Wahrscheinlich bin ich also zu verbissen, als dass ich für die „Fakten“ dieses Interviews offen sein
könnte. Zumindest aber läuft nun meine Replik aufgrund ihres schieren Umfangs Gefahr, in Richtung „das muss ja einen wunden Punkt getroffen haben“ interpretiert zu werden. Oder, wie Ingo Zwinkau mit einem
angeblichen Bruce-Lee-Zitat sagte: „Wenn du angegriffen wirst, dann musst du irgend etwas richtig machen. Denn man greift nur denjenigen an, der den Ball hat.“ Dagegen möchte ich allerdings halten: Wenn jemand
besoffen Auto fährt, dann darf ich ihn dafür sehr wohl angreifen - und zwar ohne dass darin ein Lob verborgen läge, was er beim besoffen Fahren alles richtig gemacht hat (z.B. keinen umgenietet und an der Ampel angehalten).

Fazit: Selbst wenn jemand einen Silberlöffel daraus hervorziehen sollte - ein Riesenmüllhaufen bleibt ein Riesenmüllhaufen.
[A. Ebel, 8. September 2011]

Samstag, 3. September 2011

Zurück vom Zukunftskongress der pfälzischen Landeskirche ...

... in Kaiserslautern, der von Anfang an die falsche Bezeichnung trug. In seinen ersten Sitzungen schwebte im Vorbereitungskreis immer noch die Absicht im Raum herum, dem Kind einen anderen Namen zu geben. Aber nachdem es provisorisch so getauft und immer bei diesem Namen gerufen worden war, blieb es schließlich dabei. Auf die richtige Bezeichnung kam irgendwie niemand: "Zukunftsmesse" wäre es gewesen. Denn letztlich war es ein "Markt der Möglichkeiten" guter kirchlicher Praxis, aber weder waren Workshops vorgesehen noch Podien, über welche die Gäste hätten in inhaltlich tiefe Diskussionen einsteigen können. Dass dies fehlte, haben mir gegenüber einzelne bemängelt - andere fanden es gerade gut, weil so der Fokus auf der Begegnung, auch dem Kennenlernen anderer kirchlich Aktiver liegen konnte. 

Mein Gefühl aus den Gesprächen, die ich geführt habe, und den Rückmeldungen, die ich bekam, ist schon, dass die grundsätzliche Idee aufgegangen ist: dass viele Besucherinnen und Besucher in den verschiedenen Foren gute Anregungen für die eigene Gemeindearbeit gefunden und diese mit nach Hause genommen haben. Klar war es über weite Strecken ein "Klassentreffen" der pfälzisch kirchlich Engagierten, ein Treffen vieler Altbekannter. Und doch kennt man doch bei weitem nicht jede Idee, nicht jedes Projekt, das anderswo umgesetzt wird, schon gar nicht im Detail.

Insgesamt verlief der Zukunftskongress exakt so, wie vom Vorbereitungskreis konzipiert. Aus einer anders zusammengesetzten Steuerungsgruppe wäre ein anderes Konzept erwachsen, aber ich denke, entscheidend ist, sich irgendwann, möglichst zeitig, für ein Konzept zu entscheiden und es dann umzusetzen. Das schließt nicht aus, dass man an der einen oder anderen Stelle doch hätte flexibler agieren können. Aber es folgt ja noch eine Auswertung.

Auch die Aspekte, die Organisatoren nicht in der Hand haben können, stimmten: Die Stadt zeigte sich von ihrer besten Seite, die Sonne strahlte vom Himmel, und "Swingin' Lautern" erzeugte fast Kirchentagsatmosphäre, obwohl die Titelauswahl zwangsläufig nach anderen Kriterien erfolgte ...

Von mir selbst fiel der Druck ab, nachdem die Auftaktveranstaltung in der Fruchthalle vorüber war - und mit den verschiedenen Präsentationen nichts daneben ging, kein Video plötzlich verschwunden, kein Text verschoben, der Beamer nicht von der Hallendecke gestürzt war. Mein Vorhaben, mindestens vier Foren zu besuchen und überall Kurzinterviews zu führen, erwies sich als illusorisch, weil sich sowohl morgens im Forum Bildung und Unterricht als auch nachmittags im Forum Taufe aus den Interviews im Anschluss noch längere Gespräche ergaben. Die wenigen Interviews, die ich geführt habe, werde ich nach und nach auf Posterous einstellen und via Twitter und Facebook zum Anhören verlinken.

Hier noch die Pressemitteilungen aus dem landeskirchlichen Öffentlichkeitsreferat zum heutigen Tag :


Freitag, 25. Februar 2011

Tauferinnerung

Das Fotoalbum ist 37 Jahre alt. Einige Fotos rutschen heraus, als ich es hervorziehe, weil sich die Fotoecken gelöst haben. Fast alle Fotos sind eher bescheidener Qualität, haben ein ziemlich kleines Format, und die Farben haben sich verändert. Aber doch, da ist sie, die Taufgesellschaft von damals, Eltern, Großeltern, Paten, Freunde und Verwandte, der Pfarrer mit dabei – und mittendrin ich selbst, ein kleiner Wurm, im weißen Taufkleid, mal bei Mama, mal bei der Patentante auf dem Arm.

Was verbinden Sie mit Ihrer Taufe, wenn Sie denn getauft sind? Haben Sie sich jemals erkundigt nach Ihrem Tauftag, und wie er anderen in Erinnerung geblieben ist? Ist Ihnen Ihr Taufspruch vielleicht zu einem lebenslangen Rückhalt geworden?

Martin Luther coloured drawingImage via Wikipedia
Für den Reformator Martin Luther war das ganze Leben eines Christenmenschen „nichts anderes als der Weg und die Rückkehr zur Taufe“. Sie sei „ein täglich Kleid der Christen“, und er krieche jeden Tag neu wieder in seine Taufe hinein.

Denn täglich verfehlen wir unsere Bestimmung, schaffen wir es nicht, so zu leben, wie es eigentlich gottgemäß wäre. Darum ist es nötig, so Luther, „Buße“ zu tun, und das heißt für ihn „nichts anderes, denn dass wir zu Kraft und Glaube der Taufe zurückkehren, daraus wir gefallen waren, und wiederum uns wenden zu der göttlichen Verheißung, die uns damals getan ist“. Was uns Gott in der Taufe verheißen hat, das bleibt nämlich ewig gültig, und er wird uns stets „mit ausgestreckter Hand“ wieder aufnehmen.
So soll also das ganze Leben eines Christenmenschen Buße, und das heißt: Taufgedächtnis sein.

Wie fängt man das an? Vielleicht damit, die alten Fotos einmal wieder hervorzuholen. Aber dann dabei nicht stehen bleiben. Denn Tauferinnerung, Taufgedächtnis im Sinne Luthers ist nichts, was man einmal macht und damit gut. So schön es ist zu wissen, wie es damals war am Tauftag… Das Entscheidende ist dies: zu wissen, was mir in der Taufe zugesagt wurde, dass Gott sich mir gnädig zugewandt hat. Und eben dies zur Grundhaltung im täglichen Leben zu machen.

Also, denken Sie dran: Sie sind getauft.
Ach, sind Sie nicht? Na, was nicht ist, kann ja noch werden.
Zumal 2011, im Jahr der Taufe.

Dieser Beitrag ist als Rundfunkandacht für SR2 und SR3 "Innehalten" sowie in gekürzter Form für Rockland Radio "Feels Like Heaven" erschienen und kann über die jeweiligen Podcast-Angebote angehört werden.

Mittwoch, 10. März 2010

Melanchthon und die Ökumene

Philipp MelanchthonImage via Wikipedia
Wozu sind Menschen da? "Wir sind zum wechselseitigen Gespräch geboren." Dieses philosophisch klingende Wort stammt von Philipp Melanchthon. Er war neben Martin Luther der zweite bedeutende Reformator aus Wittenberg. Die evangelische Kirche begeht dieses Jahr seinen 450. Todestag. Dass wir miteinander reden sollen und müssen – das hat Melanchthon nicht philosophisch-abstrakt gemeint. Es war als Alternative gemeint zu dem, was Einzelnen wie ganzen Völkern manchmal so nahe liegt: Aufeinander loszuschlagen.

Stattdessen miteinander zu reden und sich zu verständigen - das riet Philipp Melanchthon im 16. Jahrhundert eindringlich den Kirchen: der katholischen und den sich formierenden Kirchen der Reformation. Melanchthon betätigte sich selbst unermüdlich als Brückenbauer. Er setzte sich für ökumenische Verständigung ein. Deshalb würdigte ihn der verstorbene Freiburger Erzbischof Oskar Saier als den "wohl größten Ökumeniker seiner Zeit".

Einen Versuch, sich zu einigen, unternahmen die verfeindeten kirchlichen Lager auf dem Augsburger Reichstag von 1530. Dort vertrat Melanchthon die protestantische Sache. Er legte dazu das Augsburger Bekenntnis vor. Ein Vermittlungsversuch, indem er sich auf das Wesentliche konzentrierte. Seiner Ansicht nach war die Kirche dann bei ihrer Sache, wenn sie sich an folgenden Grundsatz hielt: "Die eine, heilige, katholische Kirche ist da, wo Menschen sich im Glauben versammeln; bei denen das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente der Einsetzung Jesu gemäß gefeiert werden. Das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche."

Gottes grenzenlose Güte soll die Kirche verkündigen und sie den danach verlangenden Menschen auch in den Sakramenten, mit Brot und Wein leiblich zugänglich machen. So gewinnt Melanchthon eine ungeheure Weite. Denn die übrigen Gebräuche, Riten und Ordnungen können durchaus verschieden sein. Die Einheit im Kern ist dadurch nicht berührt.

Das war damals eine Sternstunde der Ökumene! Leider wurde die Chance zur Verständigung im Jahr 1530 nicht ergriffen. Und obwohl wir gottlob in diesem Jahr wieder einen gemeinsamen, ökumenischen Kirchentag in München feiern wollen, werden viele noch immer ein gemeinsames Abendmahl schmerzlich vermissen.


[Dieser Beitrag ist auch als Rundfunkandacht in der Reihe "Innehalten" bei SR2 und SR3 gelaufen. 
Anhören! (mp3-Datei)]

Dienstag, 9. März 2010

Melanchthon und die Bildung

Das Jahr 2010 hat die Evangelische Kirche zum Melanchthonjahr ausgerufen – und zugleich zum Jahr der Bildung. Denn Philipp Melanchthon gilt als der "Lehrer Deutschlands", so sein Würdetitel. Er war der zweite große Wittenberger Reformator neben Martin Luther. Vor 450 Jahren ist er gestorben. Er vertrat die humanistische Idee, der Mensch habe die Fähigkeit, sich zu bilden und weiterzuentwickeln. Damit gab er einen kräftigen Anstoß, Schulen zu gründen.

"Wer Schulen gründet und die Wissenschaften pflegt, der macht sich um sein Volk und die ganze Nachwelt besser verdient, als wenn er neue Silber- oder Goldadern fände", drückte er seine Überzeugung aus. Zweihundert Jahre vor der Einführung der allgemeinen Schulpflicht forderte er diese bereits für Jungen und Mädchen. Darum stellte er Lehrpläne auf, gab Schulbücher heraus und setzte sich für Unterrichtsreformen ein.

Aus dem neuen, reformatorischen Glauben kam der Antrieb für Melanchthons Engagement. Martin Luther sprach von der "Freiheit eines Christenmenschen". Zur Freiheit gehört die Fähigkeit, den Glauben auch durchdenken zu können. Sonst wäre man ja dazu verurteilt, nur nachzuplappern, was einem anderen vorsagen. Das wäre aber keine Freiheit, sondern Abhängigkeit. Jede Frau und jeder Mann soll eigenständig den christlichen Glauben an Gott bekennen und das Bekenntnis zu Jesus Christus bejahen können. Mündig sollen die Gläubigen sein. Die Voraussetzung dafür war, dass jede und jeder selbst die Bibel lesen konnte. Und jeder sollte so gebildet sein, dass er den Kleinen Katechismus, das Bekenntnis für den alltäglichen Gebrauch, nicht nur auswendig kannte, sondern auch weitergeben konnte. Sprachfähig im Glauben zu sein, das war das Ziel. Grundlage dafür war eine Bildung für alle und nicht nur für wenige, die es sich leisten konnten.

Heute reden wir viel von "Bildungsgerechtigkeit". Wir haben erkannt: Dass bei uns alle zur Schule gehen, bedeutet noch lange nicht, dass alle gleiche Chance haben, sich ihren Möglichkeiten entsprechend zu bilden. Es mangelt an Möglichkeiten gezielter und kostenfreier individueller Förderung. Dies einzufordern, bedeutet, den Bildungsanspruch der Reformation fortzuschreiben.

[Dieser Beitrag ist auch als Rundfunkandacht in der Reihe "Innehalten" bei SR2 und SR3 gelaufen und kann als mp3-Datei heruntergeladen und angehört werden]

Dienstag, 12. Januar 2010

Was die Käßmann-Kritiker eigentlich sagen wollten

Peace, Paix, Paz, Pace, Frieden, Vrede, PaxImage by Pink Sherbet Photography via Flickr
"Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Das wissen die Menschen in Dresden besonders gut! Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Manche finden das naiv. Ein Bundeswehroffizier schrieb mir, etwas zynisch, ich meinte wohl, ich könnte mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen. Das kann manchmal mehr bewirken als alles abgeklärte Einstimmen in den vermeintlich so pragmatischen Ruf zu den Waffen. Vor gut zwanzig Jahren haben viele Menschen die Kerzen und Gebete auch hier in Dresden belächelt...."
Was bedeutet es, wenn dieser Abschnitt zum Thema Afghanistan in der Neujahrspredigt der EKD-Ratsvorsitzenden Käßmann - den jedermann Wort für Wort online nachlesen konnte und kann - aus verschiedenen Lagern so scharfen Widerspruch und Ablehnung erfährt? Doch eigentlich, dass die Kritiker dies sagen wollten:
"Alles ist gut in Afghanistan. Soldaten benutzen Waffen und es werden eben auch Zivilisten getötet. Uns werden weitere Strategien einfallen, die deutsche Öffentlichkeit darüber hinwegzutäuschen.
Das wissen die Menschen in Dresden besonders gut! Wir brauchen mehr Menschen, die vor der Logik des Krieges erschrecken, damit sie darauf verzichten, ein klares Friedenszeugnis in der Welt abzugeben und gegen Gewalt und Krieg aufzubegehren. Unser Ziel ist, dass sie sagen:
Eine Hoffnung auf Gottes Zukunft haben wir nicht.
Alternativen zu unserem Handeln in der Gegenwart brauchen wir nicht.
Denn Waffen schaffen doch ganz offensichtlich Frieden in Afghanistan.
Wir brauchen sonst keine Fantasie für den Frieden. Andere Formen der Konfliktbewältigung sind überflüssig. Sie würden bei weitem nicht so viel bewirken wie unsere Einigkeit im pragmatischen Ruf zu den Waffen.
Soll bloß keiner auf die Idee kommen, Kerzen anzuzünden und Gebete zu sprechen, wie vor gut zwanzig Jahren in Dresden ..."
Oder?
Wir werden sehen, wie es nach dem "vertrauensvollen Gespräch" nun weitergeht.


Samstag, 24. Oktober 2009

Getauft? Keine Angst vorm Föhn!

Wenn Sie getauft sind: Vorsicht nach der morgendlichen Dusche bei der Verwendung des Haartrockners - ruckzuck könnten Sie sich Ihre Taufe weggeföhnt haben!

So'n Quatsch, meinen Sie? Sehe ich genauso. Aber so sieht ein aktueller Trend unter den so genannten Neuen Atheisten aus, vor allem im angelsächsischen Raum. Ent-Taufen nennt sich das; damit schwören überzeugte Atheisten dem Glauben ab: Ein falscher Pfarrer benutzt einen Föhn mit der Aufschrift "Vernunft", um das Wasser der Taufe symbolisch wegzublasen. Anschließend gibt’s ein Anti-Abendmahl: statt Brot und Wein Cracker mit Erdnussbutter. Und dann erhalten die Kandidaten ihr Ent-Taufungs-Zertifikat.

Es ist bedauerlich, dass es Menschen gibt, die ihre Taufe im Kindesalter im Nachhinein als Zwang und Bevormundung ansehen. Die Kirche und Glaube so erlebt haben, dass sie ihnen als etwas erscheint, demgegenüber sie alle Vernunft fahren lassen müssten. Zumindest hier im Land der Reformation treten Christen für das Bündnis von Glaube und Vernunft ein.

Bedauerlich ist auch, welches falsche Verständnis der Taufe in diesem Anti-Ritual zum Ausdruck kommt. Es ist völlig absurd – als wäre die Taufe irgendeine böse Hexerei, die mit einer Gegenhexerei behandelt werden müsste. Der Reformator Martin Luther schrieb einmal: "Die Sakramente werden nicht erfüllt, indem sie geschehen, sondern indem sie geglaubt werden." Es geschieht nichts Magisches in dem Moment, wenn das Wasser den Kopf des Täuflings berührt. Und die Lebensgemeinschaft, die Freundschaft zwischen Gott und Mensch, die mit der Taufe begründet wird, wird durch den Glauben erst endgültig besiegelt.

Glaube aber ist immer beides: Er ist mir einerseits gegeben, ein Geschenk – und ich habe ihn mir andererseits persönlich angeeignet und mich dafür entschieden.    Deshalb bleibt die Anti-Taufe nur ein Späßchen. Rückgängig machen geht nicht. Wo aber der Glaube nicht ist, spielt die Taufe für den Getauften ohnehin keine Rolle.

Aber: Gott ist offen. Die Taufe ist die lebenslang gültige Zusage der Vergebung und Liebe Gottes. Er ist lebenslang offen für Nähe zu ihm und Ferne von ihm.

Und wenn der Glaube zwischendurch entschwindet oder erst spät aufkeimt, dann kann ich dankbar dafür sein, dass – lange bevor ich mich für ihn entschieden habe – Gott sich schon für mich entschieden hat.

Also: Keine Angst vorm Föhn.

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Dienstag, 1. September 2009

Melanchthon: eine Biographie (1997)

"Das tägliche Gebet war die Quelle seiner seelischen Gesundheit und half ihm in allen schwierigen Lebenslagen. In seinem theologischen System bildet das Gebet neben der Lehre den zweiten Pfeiler der Kirche." (S.261)

Das Melanchthonjahr 2010 liegt nicht mehr in allzu weiter Ferne. Neuerscheinungen auf dem theologischen Buchmarkt werden vermutlich nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wer sich aber jetzt schon einmal einlesen will, der kann auf die zahlreichen Bucherscheinungen des Melanchthonjahres 1997 zurückgreifen, z.B. diese Biographie.

Posted via web from Alexander Ebels Lifestream

Donnerstag, 23. April 2009

Bundesinnenminister Schäuble: Engagierter evangelischer Christ

Heute beginnt in Speyer das lange Festwochenende zum Abschluss der Sanierungsarbeiten an der Gedächtniskirche der Protestation. Zum Auftakt diskutieren auf dem Podium in der Kirche ab 19 Uhr der pfälzische Kirchenpräsident Christian Schad und Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann über verschiedene ökumenisch bedeutsame Themen. Die Veranstaltung steht unter dem Titel "Römisch-katholisch und evangelisch-protestantisch: Gemeinsame oder getrennte Wege des Christlichen?"

Morgen Abend ist Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble in der Gedächtniskirche zu Gast. Er spricht über "Die gesellschaftliche und politische Bedeutung des Protestantismus heute". Das mag manchen überraschen, denn aus der Vorbereitungsarbeit der vergangenen Wochen scheint mir doch vielen nicht bekannt zu sein, dass der Innenminister ein engagierter evangelischer Christ ist und bereits zu vielen entsprechenden Themen öffentlich das Wort ergriffen hat. Das belegt ein Blick auf seine Homepage und die Reden, die dort im Volltext herunterzuladen sind.

Eine Auswahl zu den Themen Religion, Glaube und Kirche habe ich nachfolgend zusammengestellt. Sobald der morgige Vortrag ebenfalls erhältlich ist, werde ich auch diesen in die Liste aufnehmen (Update 5.6.09: ist hiermit geschehen!).
[Update 24.4.: Die Links zu den pdf-Dateien waren fehlerhaft und wurden korrigiert.]
[Update 5.6.: Link zum Protestantismus-Vortrag in Speyer am 24.4.09 eingefügt]

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Sonntag, 23. November 2008

Das Kreuz als Zeichen des Lebens

Es ist ein Unterschied, ob ich auf ein Kruzifix blicke oder auf das leere Kreuz. Das Kruzifix mit dem Corpus Christi richtet meine Aufmerksamkeit auf die Passion. Es stellt das Leiden Jesu sowie die Art und Weise, auf die er getötet wurde, in den Mittelpunkt. Es engt das Symbol des Kreuzes ein auf die eindimensionale Deutung als Folter- und Hinrichtungswerkzeug.

Im schlichten Kreuz scheinen zwei Dimensionen auf. Da verbindet sich der Mensch in der Waagerechten des Querbalkens mit der Erde und seinen Mitmenschen, in der Senkrechten des Längsbalkens mit dem Göttlichen. Da sind noch die Nachwehen des Todes, aber es hängt kein schändlich Hingerichteter und Leidender mehr daran. Da ist noch das Wissen darum, wozu Menschen dieses Werkzeug benutzt haben, aber auch der Glaube daran, was Gott daraus gemacht hat: ein Zeichen des Lebens, der Auferstehung. Genauso ist es auch ein Unterschied, wie wir den letzten Sonntag des Kirchenjahres nennen: Totensonntag oder Ewigkeitssonntag.

Und wie es protestantischen Christen gut ansteht, den Blick hoffnungsvoll auf das leere Kreuz der Auferstehung zu richten, so ist anzustreben, dass der Ewigkeitssonntag nicht nur so in der Agende steht, sondern auch in den allgemeinen Sprachgebrauch übergeht. Zwar ist er eine Silbe länger als der Totensonntag, und „ewig“ erscheint abstrakter als „tot“. Aber im Ewigkeitssonntag ist inbegriffen, dass die Verstorbenen, derer wir an diesem Tag in den Gottesdiensten gedenken, nicht verloren, sondern in den Armen des Ewigen aufgehoben sein sollen. Denn „Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden“ (Matthäus 22, 32)

[erstveröffentlicht im Evangelischen Kirchenboten 47/2008, S.1]

Mittwoch, 27. August 2008

Immer noch finsterstes Mittelalter? Oder: Löscht endlich das Fegefeuer!

Folgendes Standbild aus einer Sendung des österreichischen katholischen Kirchensenders K-TV, den ich selbst nicht empfange, erreichte mich heute per E-Mail:


Wenn das katholischerseits immer noch in dieser Weise verbreitet wird, dürfte sich die Sache mit der Ökumene noch ein gutes Weilchen hinziehen. Denn davon können wir protestantischerseits nie abgehen: dass es keine Eigenleistung gibt, mit der wir uns die Gnade Gottes "verdienen" könnten. Die Gnade bleibt stets Geschenk.

Überhaupt: Ein Fegefeuer gibt es nicht. Aber solche und ähnliche Erkenntnisse brauchen in vatikanischen Kreisen eben etwas länger. Mich erinnert das wieder einmal an den Witz, in dem einer in die Hölle kommt, sich zunächst darüber wundert, dass dort eine Riesenparty steigt und es sich alle richtig gut gehen lassen, dann noch viel mehr darüber erstaunt ist, dass hinter einer hohen Mauer eine Gruppe armer Seelen doch unter Feuer und Schwefel brennt und leidet - und auf Nachfrage vom Teufel die Antwort bekommt: "Ach, das ist für die Katholiken, die wollen das so."