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Montag, 4. Februar 2013

Geschichten erzählen. Die richtigen.




Erzählt ihr oft Geschichten? Würdet ihr von euch sagen: Ich bin Erzähler, Erzählerin?

Nein? Unterschätzt euch nicht. Wir alle erzählen Geschichten, tagtäglich: von unserer Familie, Eltern, Geschwistern, Kindern; wie sehr wir sie lieben, und wann sie uns nerven; wie schön die Geburtstagsfeier war; wie schwierig der Krankenbesuch, wie würdig die Beerdigung. Wir erzählen von der Arbeit: welches Projekt wir gerade abgeschlossen haben; wie es mit dem Chef und den Kollegen klappt. Wir erzählen, sofern wir dort aktiv sind, vom Verein oder aus der Kirchengemeinde: vom Gottesdienst am Sonntag vielleicht, vom Gemeindefest, von der Kirchenrenovierung.

Wir alle erzählen Geschichten. So schreiben wir die Geschichte unseres Lebens. Neutrale Beobachter können wir dabei nicht sein. Wir gehören ja mitten hinein. Also lassen wir manches weg, anderes führen wir im Detail aus. Dadurch deuten wir unsere Geschichte. Wir verleihen dem, was in unserem Leben geschieht, einen Sinn. Und das wirkt sich aus auf unser Denken und Handeln, auf das, was wir tun wollen, was uns motiviert, darauf, wie wir gute Zeiten nutzen, wie wir schlechte Zeiten durchstehen. Ja, was wir erzählen, beeinflusst, wie unsere Zukunft aussieht.

Auch für die Wirtschaft hat man das erkannt [vgl. Otto Kruse, Kunst und Technik des Erzählens, Frankfurt a.M. 2001, S. 17]: Wie Angestellte von ihrem Unternehmen erzählen, welche Geschichten über einen Betrieb im Umlauf sind, das beeinflusst wesentlich, welche Perspektiven dieser Betrieb hat, welche Personen in ihm Bedeutung erlangen; und damit also: wie seine Zukunft aussieht.

Darum lohnt es sich, sich dessen viel bewusster zu werden: Was und wie erzähle ich eigentlich von dem, was mir wichtig ist? Sind es tatsächlich die Geschichten, von denen ich mir wünsche, dass sie im Umlauf sind – über mich, meine Familie, meinen Arbeitsplatz, meinen Verein, meine Gemeinde, meine Kirche?
Ich bin der Erzähler. Ich bin verantwortlich.

RPR1 Angedacht
ProtCast Pfalz

Update 06. Februar 2013: Während es mir in diesem Beitrag mehr um die Auswahl und Tonalität der "storys" ging, die sich auf vergangene, bestenfalls gegenwärtige Erfahrungen und Situationen beziehen, legt Matthias Jung im Anschluss an Harald Welzer und Stefan Rammler sehr anschaulich dar, welche Wirkung gerade auch Zukunftserzählungen haben können. Seine Vision vom "Heiligabend 2023" empfehle ich sehr zur Lektüre.

Donnerstag, 17. Januar 2013

Dreimal Religion und Kirche im SWR2 Forum

Hach, schon wieder so lange nichts gebloggt hier. Das muss (s)ich ändern. Ich gelobe Besserung. Und beginne mit drei Hörtipps.

Freitag, 5. Oktober 2012

Klug und maßvoll: der "Blasphemieparagraf"


„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen ...!“ So tönt eines der biblischen Zehn Gebote.

Montag, 14. Mai 2012

Nur Scheiße zitiert?

Jetzt ist sie also wieder verhüllt, die Tunika. In der feierlichen Vesper zum Schluss der Wallfahrt ist sie gestern Abend zurück in den Schrein in der Trierer Heilig-Rock-Kapelle gekommen.

Eins muss ich jetzt wenigstens nicht mehr lesen: das derbe Wort Martin Luthers von der „Bescheißerei zu Trier“. Ich glaube, es gab kein evangelisches und kein säkulares Medium, das es nicht zitiert hat. Beim ersten oder zweiten Mal habe ich es ja noch mit Schmunzeln zur Kenntnis genommen: so lief halt die Auseinandersetzung zu Luthers Zeiten. Beim dritten, vierten, fünften Mal habe ich mich aber dann gefragt: Welche Motivation steckt eigentlich dahinter, dieses Lutherwort immer wieder zu bringen? Nur selten waren ja noch ein oder zwei Sätze zur reformatorisch-theologischen Begründung für Luthers Ablehnung zu lesen.

Und leider muss ich eher Primitives vermuten:
  • einmal die Lust daran, ein Tabu brechen zu können: nämlich, Fäkalsprache zu verwenden, und das gedeckt durch die Autorität des Reformators 
  • dann, bei evangelischen Medien: die Lust, der anderen Konfession eins reinwürgen zu können
  • und schließlich, bei weltlichen Medien: die Lust, Kirche generell eins reinwürgen zu können, und umso besser, wenn sich dabei auch noch Kirche gegen Kirche ausspielen lässt.
So frage ich mich: Wie steht es um den "Dress-Code" zwischen den verschiedenen Kirchen und Konfessionen? Bedenken wir beim Ausbürsten und Sauberhalten unserer eigenen konfessionellen Kleider, ob wir diejenigen der anderen beschmutzen?

Lasst uns doch bei dem, was wir sagen und tun, künftig stets kritisch fragen, ob es dem Miteinander dient.

[Dieser Beitrag war am 14. Mai 2012 auf RPR1 als "Angedacht" zu hören]

Samstag, 10. Dezember 2011

Sterben ist suboptimal. Oder: Dürfen Pfarrer Kraftausdrücke verwenden, wenn sie übers Sterben sprechen?

"Er weiß, dass er bei aller Welt viele schändliche Namen hat und stinkt wie ein Teufelsdreck, in Deutschland geschissen; wollte er vielleicht gern, dass er nicht allein vor andern so scheußlich stänke, sondern auch andre löbliche Fürsten bestänkern."

So schrieb Luther in seiner Streitschrift "Wider Hans Worst", womit er den Herzog von Braunschweig meinte. Freilich handelt es sich um eine polemische Abrechnung mit seinen Gegnern, nicht um eine erbauliche oder seelsorgerliche Schrift. In seinem wunderbaren und unbedingt lesenswerten "Sermon von der Bereitung zum Sterben" wird man so etwas nicht finden.

So bleibt die Frage, ob ich als Pfarrer so über das Sterben sprechen bzw. schreiben darf, wie ich es in meinem vorangegangenen Eintrag getan habe. Ich wollte nicht respektlos gegenüber Sterbenden oder Trauernden sein, sondern respektlos gegenüber dem Tod selbst, ihm keinen quasi-heiligen Schutzraum zugestehen, in dem es verboten wäre, ihn mit profanen Namen zu belegen.

Der Ausgangssatz spukte schon länger in meinem Kopf herum, und der konkrete Anlass ließ mich die Gedanken recht spontan und schnell in einen Text fassen. Im Hintergrund stehen aber eigentlich alle Sterbefälle, die ich in den vergangenen 15 Jahren in meiner eigenen Familie erlebt habe, davon der jüngste erst wenige Wochen zurückliegend.

Bezüglich der Wortwahl war ich selbst unsicher, weshalb ich den Text erst einige Zeit nach dem Verfassen ins Blog stellte - zwei Kollegen hatten mich zuvor noch darin bestärkt: Es sei richtig, dass der Tod (fast) immer zur Unzeit komme - und das S-Wort in einer schlimmen Trauersituation verwenden zu können, habe auch schon befreiende Wirkung gehabt.

Unsicher war ich auch deshalb, weil ich selbst fast keine eigenen Erfahrungen in der Sterbebegleitung mitbringe, aber lesend wahrnehme, dass es dabei offenbar auch andere, versöhnlichere Abschiede gibt. Diese kommen in meinem Beitrag nicht vor.

Auf Twitter erfuhr ich ausschließlich positive Resonanz. Der Beitrag wurde bis jetzt siebenmal per Retweet weiterverbreitet, eine Reaktion lautete einfach nur "danke!", während sich mit dem Braunschweiger Kollegen Güntzel Schmidt noch eine kleine Konversation entfaltete - um das von ihm eingebrachte Zitat Walt Whitmans: "To die is different from what anyone supposed, and luckier", Christoph Blumhardts Rede davon, dass Christen "Protestleute gegen den Tod sind", sowie die (vorbildhafte?) Haltung in 2.Sam 12, 21-23.

Auf Facebook dagegen gab es kein einziges "Gefällt mir" und keinen Kommentar; wenigstens zwei oder drei Reaktionen sind normalerweise schon die Regel. Diese Zurückhaltung nehme ich deshalb als eher negative Resonanz wahr. Zumal ich auch eine persönliche Nachricht erhielt von jemandem, der erst vor kurzem einen nahen Familienangehörigen verloren hat und die Wortwahl als unangemessen und verletzend empfand.

Deshalb denke ich nun: Es gibt wohl Situationen und Gespräche, in denen das betreffende Wort tatsächlich einen angemessenen Platz haben kann - darüber muss man aber zuvor als Seelsorger eine Einschätzung über den jeweiligen Einzelfall gewonnen haben. Es eignet sich eher nicht, um sich damit von vorneherein an die Allgemeinheit zu wenden.

Oder was meint ihr / was meinen Sie? Rechtfertigt "dem Volk aufs Maul schauen" zu wollen, auch hin und wieder die Verwendung von Kraftausdrücken? Oder haben wir auch hier als Menschen, die in der und für die Kirche sprechen, Vorbildfunktion, und sollten unsere Sprache, wie von gewalthaltigen Phrasen, so auch rein halten von Fäkalsprache?

Freitag, 11. November 2011

Mein Licht ist aus, ich geh' nach Haus.

OHM - Geburt Christi 1eExistentiale Interpretation

"So fühle ich mich jeden Tag, wenn die Schicht vorbei ist."

Theologische Interpretation

"Die bestechende rhetorische Form des Parallelismus Membrorum bringt hier die ganze Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen zum Ausdruck: Vom Lebenslicht, das der Schöpfer einmal in uns entzündet hat, bis hin zur Rückkehr in die ewige Heimat in Gottes Gegenwart, wenn unser Licht dereinst erlöschen wird."

Feministische Interpretation

"Ausgehend von der Hermeneutik des Verdachts müssen wir vermuten, dass es Vertreter der patriarchalen Herrscherschicht waren, die dem weiblichen Ich das Licht ausgeblasen haben, um es wieder zurück zu Heim und Herd zu schicken. Schwestern, wehrt euch gegen solche Unterdrückung! Lasst eure Lichter auflodern, öffentlich und weithin sichtbar! Kommt heraus aus den Häusern, mitten ins Leben!"

Alltagspragmatische Interpretation, vor allem am 11.11.

"Ham wir noch'n Ersatzbirnchen?"

Mittwoch, 4. Mai 2011

Wachsen gegen den Trend? - Noch einmal "Gemeinde 2.0" #gem20

Queens GiantImage via Wikipedia
Es ist nötig und vor allem ein Gebot der Fairness, meinem Rückblick auf die Konferenz "Gemeinde 2.0" vom 30. März eine Ergänzung bzw. Korrektur angedeihen zu lassen. Ich gab dort eine sehr gedrängte Zusammenfassung des Seminars "Die Chancen des Schrumpfens". Diese enthielt die Aussage, das "Resümee" der beiden Referenten sei gewesen: "Die im EKD-Impulspapier von 2006 ausgegebene Parole vom "Wachsen gegen den Trend" ist eine Illusion und Überforderung, die nur zu Frustration führen kann."

Daraufhin erreichte mich per E-Mail der Einspruch eines der beiden Referenten, Pfarrer Dr. Thomas Schlegel, der sich mit diesem Satz "gründlich missverstanden" fühlte. Er schreibt:
(...) Zweifellos war es unsere mit "harten Fakten" unterlegte Ausgangsbeobachtung (und eben gerade nicht das Resümee), daß die Rhetorik des Wachsens sich oft nicht mit der erfahrenen Wirklichkeit deckt. Davon ausgehend zu überlegen, wie mit dieser Spannung umzugehen ist und worin die Chancen des Weniger (konkret) liegen könnten, war der intendierte Gegenstand des Workshops (siehe Arbeitsphasen). (...)
Darauf antwortete ich:
(...) Ich bitte um Entschuldigung, dass ich in der Darstellung Ihrer Position einen - offenbar recht tiefgreifenden - Fehler gemacht habe bzw. einer Fehleinschätzung unterlag. Vielleicht lässt es sich zum Teil aus der rezeptionsästhetischen Erkenntnis erklären, dass man (etwa als Predigthörer) gerne vor allem das "hört" und "mitnimmt", was die eigene Position oder Überzeugung unterstützt. Ich muss allerdings gestehen, dass mir auch jetzt, nach dem Lesen Ihrer Mail, noch nicht klar ist, worin genau der Fehler besteht bzw. wie man die von Ihnen präsentierten "harten Fakten" anders interpretieren kann als im Sinne eines Zurückweisens der Forderung nach einem "Wachsen gegen den Trend". Es ist doch so, dass es nicht in unseren menschlichen Kräften steht, den Mitgliederschwund der Kirche aufzuhalten oder gar umzukehren, selbst wenn wir keine Austritte mehr hinnehmen müssten - eben aufgrund der demografischen Entwicklung. Dann aber bedeutet die Selbstverpflichtung einer Kirchengemeinde, gegen den Trend wachsen zu wollen, eine permanente Überforderung und Quelle der Frustration - weil der Blick auf die nackten Zahlen am Ende eines jeden Jahres den Misserfolg belegt.

"Die Chancen des Schrumpfens" sehe ich deshalb darin, dass uns der Rückgang geradezu dazu zwingt, nach (neuen) Formen Ausschau zu halten, wie lebendige Gemeinde künftig aussehen kann. Der Umbau muss mit dem Ziel geschehen, zu Strukturen zu finden, die es uns erlauben, unseren Kerngeschäften Gottesdienst, Seelsorge, Unterricht, Diakonie nachzugehen, ohne sich konstant mit den Fragen des Mitglieder- und Finanzrückgangs beschäftigen zu müssen. Vielleicht meinen Sie genau dies, wenn Sie von "Wachsen gegen den Trend" sprechen, meinen es also mehr geistlich-qualitativ als rein quantitativ!? Dann würde ich dringend zu einer anderen Wortwahl raten, so ist es zu missverständlich. (...)
Worauf wir langsam zusammenzufinden schienen, denn seine Antwort war:
(...) Mit der rezeptionsästhetischen Bemerkung zu Beginn haben Sie sicher Recht. Deswegen starte ich auch mit der Zusammenfassung ihres ersten Argumentes, wie ich es verstanden habe: Entweder wir blicken auf die "harten Zahlen" und müssen Wachstum ablehnen; oder wir reden von Wachstum und ignorieren die Realität. Bei offenen Augen von Wachstum zu reden brächte nur Frust.

Ich antworte darauf mit jener Dialektik, die auch schon dem Seminar zu Grunde lag:
Wir schrumpfen, aber uns ist zugleich Wachstum verheißen.
Wirklich spannend scheint mir zu sein, wie man diese beiden Dinge: Realität und Verheißung zusammenbekommt, ohne eines einfach zu kappen!

Und mit Ihrem zweiten Abschnitt sprechen Sie genau das aus, was ich meine:
Das Schrumpfen kann uns so reduzieren, daß darin Gesundungsprozesse und hoffentlich dann auch Keime für künftiges Wachstum liegen können. Vielleicht ist jetzt qualitatives Wachstum dran. Dies ist momentan die Verheißung, die ich sehe.
Dies wird man freilich vorsichtig zu äußern haben, denn Schrumpfen positiv zu belegen, wirkt zynisch oder weltfremd. (...)
Und damit habe ich das Gefühl, dass Kollege Dr. Schlegel und ich doch eng beieinander liegen, was die Einschätzung der Situation und künftigen Entwicklung, und wie wir darauf reagieren können bzw. sollten, betrifft. Was er meint, dürfte dann wohl doch der Linie des Greifswalder Instituts-Chefs Michael Herbst entsprechen, zumindest diesen beiden Titeln nach zu urteilen (die ich inhaltlich nicht kenne):
Nach wie vor habe ich allerdings ein Problem damit, dafür die Formel vom "Wachsen gegen den Trend" zu verwenden. Sie scheint mir sowohl vom EKD-Impulspapier her als auch von Wilfried Härles "Analysen von Gemeinden, mit denen es aufwärts geht" doch sehr stark auf die quantitative Komponente festgelegt zu sein.
Wie sehen das die Leserinnen und Leser dieses Blogs?

[Thomas Schlegel hat übrigens über Karl Barth promoviert. Wer noch Lesestoff zu Barths 125. Geburtstag in einer Woche braucht ... ;-) ]

Samstag, 23. April 2011

Das "Hasenfest" und die Religionsfreiheit

Transportiert es den Sinn des christlichen Festes eher, wenn Thalia nun wieder für "die schönsten Geschenke zum Osterfest" wirbt statt "zum Hasenfest"? Wohl kaum. Die einzige Botschaft, die vermittelt wird, ist: Kauft bei uns etwas zum Verschenken! Worum es bei diesem Fest aus christlicher Sicht geht, wird nicht thematisiert. Ob da nun die Bezeichnung "Osterfest" oder "Hasenfest" steht, macht aus der, sagen wir, "positiven Verkündigungsperspektive" keinen Unterschied. Ist ja auch nicht die Aufgabe dieser Buchhandelskette.

Hat sich aber Thalia mit der Umwidmung des wichtigsten christlichen Festes im negativen Sinn eine Verunglimpfung bzw. Beschimpfung eines religiösen Bekenntnisses gemäß § 166 StGB zuschulden kommen lassen? Ich halte das für unwahrscheinlich, weil das geschützte Rechtsgut nicht das Bekenntnis selbst, sondern der öffentliche Friede ist. Bis der mal als gestört angesehen wird, muss für die heutige Anwendung des Paragrafen schon Deutlicheres/Drastischeres vorliegen.

Hinzu kommt, dass Thalia keine böse Absicht zu unterstellen ist. Es sollte ein harmloser Werbegag sein; so war es sicher gemeint (so weit man bei Werbung überhaupt von "harmlos" sprechen kann; schließlich stecken dahinter stets knallharte Kommerzinteressen, aber das nur nebenbei).

Habe ich mich sonderlich über Thalias "Hasenfest" aufgeregt, geärgert, oder gar mein religiöses Bekenntnis verunglimpft gesehen?
Nein, eigentlich nicht.
Finde ich es gut, dass Thalia die Hasenfest-Werbung aufgrund von christlicher Kritik wieder zurückgezogen hat?
Ja, weil es eine Anerkennung und Respektsäußerung denjenigen gegenüber ist, die ihre religiösen Gefühle durch die Umwidmung des Festes tatsächlich verletzt sahen. Es tut Nichtchristen weniger weh, wenn vom Osterfest die Rede ist, als es Christen weh tut, wenn vom Hasenfest die Rede ist. Deshalb ist hier Toleranz von Nichtchristen gefordert.

Stattdessen werfen nun mal wieder antikirchlich eingestellte Blogger und Kommentatoren den Christen und der Institution Kirche "Gängelei" und "Zwang" vor. "Die Christen können ja Ostern sagen, was müssen sie mir den Begriff aufzwingen?" - oder ähnlich, bei anderer aktueller Gelegenheit: "Die Christen können an Karfreitag ja lange Trauergesichter machen, aber warum soll ich dann nicht tanzen dürfen, wenn ich mit dem Glauben nichts anfangen kann?"

Und darüber kann ich mich nun allerdings aufregen. Denn in diesen Äußerungen der Online-Atheisten liegt eine ungeheure Infamie. Auf den ersten Blick klingen sie ach so aufgeklärt, tolerant, Freiheit für alle, soll doch jeder tun und lassen, was er will und die anderen in Ruhe lassen. Was dahinter steckt, ist aber nichts anderes als die Forderung nach Verdrängung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum: Religion ist Privatsache und soll gefälligst dorthin verschwinden und mir in der Öffentlichkeit nicht mehr begegnen (= mich nicht in meiner Selbstentfaltung begrenzen). Diese Haltung ist das genaue Gegenteil von Toleranz und eine eminente Fehldeutung der grundgesetzlich garantierten Religionsfreiheit. Die Atheisten bringen es fertig, ihre eigene Intoleranz als größere Toleranz zu verkaufen.

Religionsfreiheit fordert vor allem Toleranz gegenüber dem religiösen Bekenntnis des anderen - und zwar gerade auch, indem ich dessen Öffentlichkeit zulasse und akzeptiere, dass ich ihm in der Gesellschaft immer wieder begegne.
Religionsfreiheit bedeutet nicht, alle religiösen Spuren aus der Öffentlichkeit zu wischen, damit sich die Nichtreligiösen nicht belästigt fühlen. Das würde nämlich alle Weltanschauungen benachteiligen und unterdrücken außer der atheistischen.

Es geht nicht darum, einer Buchhandelskette vorschreiben zu wollen, wie sie mit einem christlichen Fest umzugehen hat. Es hätte keine juristische Handhabe für die Kirchen gegeben, Thalia die Rückbenennung von Hasenfest in Osterfest vorzuschreiben. Und das ist völlig richtig so.

Es geht aber um das Recht religiös geprägter Menschen, öffentlich ihren Glauben zu bekennen - oder öffentlich ihrem Schmerz und Protest Ausdruck zu verleihen, wenn sie diesen Glauben verletzt sehen. Wie Thalia damit umgeht, ist ganz allein deren Sache. Wie allerdings dieses Recht in der jüngsten Zeit immer und immer wieder in Frage gestellt wird und die ihr Recht Wahrnehmenden polemisch angegangen und mit Unterstellungen beladen werden, das geht alle an.

Weitere Artikel zu diesem Thema:
1. Die Kirche ist empört - Thalia macht Oster- zu Hasenfest (18.04.2011)
2. Mir scheint ... (19.04.2011)
3. Christen hassen Hasen! (19.04.2011)
4. Hasenfest: Thalia entschuldigt sich (20.04.2011)
5. Hasenfest? (21.04.2011)
6. Antwort an Andrea (22.04.2011)
7. Osterhasi, Aufstandi, Auferstandi (22.04.2011)
8. "Stille Tänzer" am Römer - 1500 protestieren gegen Tanzverbot (22.04.2011 )
9. Der Herr des Tanzes (22.04.2011)
10. Flashmob gegen Tanzverbot in Frankfurt (22.04.2011)
11. Wer am Hasenfest hoppeln will, bitte! (22.04.2011)
12. Hasenfest und Tanzverbot (23.04.2011)

Mittwoch, 30. März 2011

Besser spät als nie: Mein Rückblick auf "Gemeinde 2.0" #gem20

Vor inzwischen schon fast drei Wochen - wie die Zeit vergeht - habe ich an der Konferenz "Gemeinde 2.0" in Filderstadt teilgenommen. Wie sich herausstellte, waren außer mir noch drei weitere Pfälzer Pfarrerskollegen mit dabei. Derzeit versuchen wir einigermaßen erfolglos, einen gemeinsamen Termin zu finden, um uns über die mitgenommenen Inhalte und Anregungen auszutauschen. Ich will hier in Stichpunkten schon einmal meine Gedanken zusammenfassen bzw. "verewigen":

- Eine Komplettzusammenfassung der Konferenz spare ich mir; das haben andere schon mit einem Bericht vor der württembergischen Landessynode und mit einem e-Magazin getan (in das auch einige meiner Twitternachrichten während der Konferenztage aufgenommen wurden). Auch auf churchconvention.de findet sich eine ausführliche Rückschau.

- Organisatorisch lässt sich kaum ein Haar in der Suppe finden. Die FILharmonie in Filderstadt war ein toller Veranstaltungsort, in dem die knapp 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu den Programmpunkten im Plenum komfortabel Platz hatten; im unteren Bereich präsentierten sich verschiedene Initiativen und Projekte. Außerdem wurden die Räume der nahe gelegenen Realschule für Foren und Seminare mitgenutzt. Vom Medieneinsatz wie Videoeinspielern über Theateranspiele bis hin zur professionell aufspielenden Band (die sich schließlich auch als auf Apple-Instrumenten versiert präsentierte) stimmte alles. Einzig eine Garderobe habe ich vermisst.

- Man merkte, dass als einer der Veranstalter das Evangelische Jugendwerk in Württemberg fungierte: Es waren erstaunlich viele junge Leute da. Außerdem war die Konferenz deutlich auf Ermutigung, Motivation, Aufbruch hin angelegt. Das sorgte insgesamt für eine gute, hoffnungsfrohe Grundstimmung (die freilich durch die nach und nach eintröpfelnden Erdbebenmeldungen aus Japan getrübt wurde). Mir persönlich blieb es dadurch aber andererseits - gerade in den Plenumszusammenkünften - oft zu oberflächlich.

- Spätestens am 2. Tag war das Plenum außerdem redundant. Man musste Bischof Graham Cray natürlich genauso viel Raum (bzw. Zeit) einräumen wie Bischof Steven Croft am ersten Tag, aber er hatte nicht so viel anderes zu erzählen. Die Grundbotschaft, die vermittelt werden sollte, war dann doch recht schnell klar: Kirche darf sich nicht einigeln, nicht nur die Binnenperspektive einnehmen, nicht darauf warten, dass die Menschen zu ihr kommen, sondern muss sich auf den Weg hinaus machen, dorthin, wo die Menschen sind, und sich fragen, wie sie dort, vor Ort, die Menschen in ihren Lebenswirklichkeiten ansprechen und erreichen kann. Sie muss dazu Ideen für "Fresh Expressions" entwickeln, neue, frische Ausdrucksformen von Kirche.

- In den Projekten der anglikanischen Kirche hat dabei das gemeinsame Kochen und Essen oft eine große Bedeutung, so beispielsweise in dem präsentierten Brotback-Projekt mit Obdachlosen.

- Verschiedene Schlagworte tauchten im Lauf der Konferenz immer wieder auf. "Fresh Expressions" habe ich schon genannt. Dann: "Church Planting". Die Anglikaner verstehen ihre Vor-Ort-bei-den-Menschen-Initiativen nicht als Projekte einer Kirchengemeinde, sondern als Gemeindeneugründungen, als eigenständige Gemeinde.

- Pioneers. Konsequenterweise ist es notwendig, zum Church Planting gezielt Menschen zu entsenden, die sich fortan nur dieser Aufgabe widmen: Pioniere.

- "Dying to live": Ich habe gehört, dass die Konferenz eigentlich diesen Titel tragen sollte, was dann aber wohl doch zu gewagt erschien. Es geht um die Ermutigung, auch von kirchenleitender Seite, zum einen Risiken einzugehen - wie etwa dem, Pioniere zu entsenden und damit begabte, engagierte Leute für die eigene Gemeindearbeit zu verlieren, damit diese etwas Neues aufbauen können. Und zum anderen, dafür auch etwas sterben lassen zu können, aber natürlich Trauerbegleitung anzubieten. Dying to live - natürlich steht dahinter der Gedanke an Tod und Auferstehung Jesu.

- Schließlich "mixed economy": Mehrfach wurde deutlich gemacht, dass es nicht darum geht, die Parochie, die Ortsgemeinde, abzulösen und sich nur noch auf die "Fresh Expressions" zu konzentrieren. Sondern es wurde für eine "Mischwirtschaft" aus alten und neuen Formen plädiert.

- Bischof Graham Cray sagte in einem Nebensatz, es seien im Zuge der Umsetzung des Positionspapiers "Mission-shaped Church" sehr viele ganz unspektakuläre neue Formen von Kirche entstanden. Nun: Genau diese hätten mich mal interessiert, weil sie sicher auf unsere Situation "übertragbarer" gewesen wären als etwa die "Skater Church". Vielleicht kamen diese Projekte in einem der vielen Seminare auf den Tisch?

- Recht zufrieden war ich mit dem Seminar, das ich mir ausgesucht hatte: "Die Chancen des Schrumpfens", dargeboten von zwei Referenten des Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung in Greifswald. Sie fassten sehr prägnant und mit aussagekräftigen Folien die demografische und Kirchenmitgliederentwicklung zusammen, also die "hard facts", an denen wir nicht vorbei kommen. Ihr Resümee lautete dahingehend, wie es auch unser pfälzischer Kirchenpräsident Christian Schad schon verschiedentlich formuliert hat: Die im EKD-Impulspapier von 2006 ausgegebene Parole vom "Wachsen gegen den Trend" ist eine Illusion und Überforderung, die nur zu Frustration führen kann. Damit war dieses Seminar eigentlich gegenläufig zur sonstigen Ausrichtung von "Gemeinde 2.0", die mehr der "Church-Growth"-Bewegung entsprang. Vgl. dazu diese kritische Auseinandersetzung des Studienleiters des Theologischen Studienseminars der VELKD mit dieser Bewegung und mit Michael Herbst, einem der Hauptredner der Konferenz in Filderstadt (Video) - und Leiter des Greifswalder Instituts.
[UPDATE 04.05.2011: Die Inhalte dieses Seminars betreffend war eine korrigierende Ergänzung erforderlich, die in einen eigenen Blogeintrag mündete.]

- Den interessanten Vortrag über die Milieuperspektive von Heinzpeter Hempelmann gibt es online als Video und als pdf-Download

- Alle Referate aus Plenum und Foren gibt es auf der Gemeinde-2.0-Homepage zum Nachhören im mp3-Format

- Das Forum "Social Media" am Samstagnachmittag konnte man weitgehend in die Tonne treten. Obwohl damit zu rechnen war, dass Twitterer anwesend sein würden, war nicht für WLAN gesorgt worden. Es folgte zum Auftakt eine Peinlichkeit, als das aus dem Netz abgespielte Einstiegsvideo natürlich hängenblieb und schließlich abgebrochen werden musste. Und die Gesprächsrunde verlor sich dann in halbgarem Gefasel mit wenigen Konkretionen; neue Ideen gab es schon gar nicht (wenn Videoübertragungen in Gottesdiensträume als Social Media verkauft werden, muss ich mich was fragen). Das war enttäuschend.

Aber mit diesem harten Urteil will ich nicht enden, denn insgesamt war die Konferenz durchaus anregend und motivierend. Ich hätte mir an der einen oder anderen Stelle mehr "Butter bei die Fische" gewünscht, und lieber ein Seminar mehr, dafür eine Plenumsveranstaltung weniger gehabt. Und: Ich habe mir endlich die beiden "Milieus praktisch"-Bände zugelegt.

Montag, 21. Februar 2011

Der "Kitt" von Kirche und Gesellschaft

Sie leisten Hausaufgabenhilfe für Kinder mit Sprachschwächen; sie fahren im Pflegeheim die Leute im Rollstuhl zum Gottesdienst; sie lesen vor, sie singen mit den Alten. Sie setzen sich für den Natur- und Klimaschutz ein. Sie tischen an einer der über 800 Tafeln in Deutschland Bedürftigen etwas zu essen auf. Sie sind Armen, Kranken und Einsamen eine Stütze, halten Sterbenden die Hand, engagieren sich für Kinder und Jugendliche, organisieren Kultur- und Bildungsangebote: Ehrenamtliche. Sie sind – so eine schöne Formulierung – die „Unbezahlbaren“ dieser Gesellschaft. Oder anders: „der Kitt der Gesellschaft“.

Ehrenamtliche, freiwillig Tätige, sind „in“. Seit ein paar Jahren hat man sie wiederentdeckt. Wiederentdeckt in dem Sinn, dass ihre Tätigkeit nicht mehr als selbstverständlich angesehen wird. Sondern Institutionen, Unternehmen, Verbände nehmen Freiwilligentätigkeit wahr als etwas, das aktiv gepflegt, gefördert und wertgeschätzt werden will. Nicht nur in Deutschland ist man auf den Trichter gekommen: Das Jahr 2011 hat die Europäische Union zum „Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit“ erklärt. Heute findet in Berlin die nationale Auftaktveranstaltung statt.

Auch die Kirchen stellen sich darauf ein, dass das Ehrenamt künftig noch mehr an Bedeutung gewinnen wird. Sie leben ohnehin schon immer von den vielen Menschen, die bereit sind, ehrenamtlich Verantwortung zu übernehmen, vor Ort, in den Gemeinden. In der pfälzischen evangelischen Landeskirche steigt die Zahl der Ehrenamtlichen von Jahr zu Jahr, auf nun mehr als 21 000. Das ist ein Gegenpol zu den zahlreichen Negativ-Meldungen der vergangenen Jahre, wie zum Beispiel: rückläufige Finanzen, rückläufige Mitgliederzahlen, angeblich rückläufige Bedeutung der Religion für das Leben der Menschen.

21.000 Ehrenamtliche im Bereich unserer Landeskirche, das heißt nicht nur: 21.000 Menschen, die Mitglied unserer Kirche sind und bleiben wollen. Sondern das heißt auch: 21.000 Menschen, die sich unserer Kirche so verbunden fühlen, dass sie sich in ihr engagieren. Hier finden sie Sinn, in einer Betätigung mit anderen und für andere.

Die Ehrenamtlichen sind auch der „Kitt“ der Kirche. Ihr Engagement speist sich aus dem Glauben. Es ist ihr praktischer Gottesdienst im Alltag der Welt.

Dieser Beitrag ist als Rundfunkandacht für SR2 und SR3 "Innehalten" sowie in gekürzter Form für Rockland Radio "Feels Like Heaven"
erschienen und kann über die jeweiligen Podcast-Angebote angehört werden.

Samstag, 25. September 2010

455 Jahre Augsburger Religionsfrieden

Cuius regio, eius religio – Wessen Land, dessen Religion. Das ist der Kern des Augsburger Religionsfriedens. Heute vor 455 Jahren wurde er geschlossen, am 25. September 1555. Er sicherte den Anhängern der Reformation die Anerkennung ihres Bekenntnisses.

Cuius regio, eius religio: Das bedeutet, der jeweilige Landesfürst gibt für seine Untertanen die Religion vor. Wer die nicht annehmen will, kann ja auswandern. Wirkliche Religionsfreiheit war das nicht. Frei, ihre Religion zu wählen, waren nur die Landesherren. Es war eine Kompromisslösung, immerhin.

Unüberbrückbare Glaubensgegensätze gab es aber weiterhin – zumal neben dem katholischen nur das lutherische Bekenntnis anerkannt war, nicht aber das reformierte. Ab 1618 traten die Gegensätze aufs Neue hervor, als der Dreißigjährige Krieg ausbrach. An dessen Ende wurde "cuius regio, eius religio" bestätigt, diesmal auch für die Reformierten.

Der Augsburger Religionsfriede von 1555 brauchte fast ein Jahrhundert, bis er sich durchsetzte. Seine bleibende Bedeutung hat das eher noch gesteigert.

Das Recht, den eigenen Glauben selbst zu wählen, sprechen wir heute jedem einzelnen zu. Weil keine Macht der Welt die Menschen davon abhalten kann, ihr Seelenheil zu suchen, muss es die Freiheit dazu geben. Hier bei uns – und überall sonst auf der Welt.

[Dieser Beitrag ist auch als Rundfunkandacht in der Reihe "Feels Like Heaven" bei Rockland Radio gelaufen. Anhören! (mp3-Datei)]

Samstag, 1. Mai 2010

Hängt unser Heil daran, dass an der Wand ein Kreuz hängt?


In den vergangenen Tagen klang es manchmal so, als hänge unser Heil daran, dass an der Wand ein Kreuz hängt. Die neue Ministerin Özkan hat mit ihrer Forderung, alle religiösen Symbole aus staatlichen Schulen zu entfernen, ganz schön die Gemüter erhitzt. Ich meine: Nein, daran hängt nicht das Heil.

Ich persönlich kann mich überhaupt nicht erinnern, ob in den Schulen, die ich besucht habe, irgendwo ein Kreuz oder Kruzifix hing. Ich glaube, da hing keines. Und wenn da eines gehangen hätte, dann hätte es bei mir – und ich vermute auch, allen meinen Mitschülern – nichts ausgelöst, nichts nachhaltig bewirkt, verankert oder sonst was. Umso weniger dürfte der Durchschnitt der heutigen Schülerinnen und Schüler damit verbinden. Wenn es irgendwo hängt, nehme ich an, stört es die meisten einfach gar nicht, beschäftigt sie aber auch überhaupt nicht, es ist ihnen egal, es hängt halt da, als Wandschmuck.

Es ist nicht entscheidend, ob das Kreuz an der Wand hängt. Entscheidend ist anderes:
Wir müssen das Kreuz in unseren Herzen tragen.
Wir müssen es auf der Zunge tragen.
Und wir müssen es auf unseren Schultern tragen.

Das Kreuz im Herzen tragen, das heißt, die Liebe Christi zu mir erkennen – und aus Dankbarkeit dem Doppelgebot der Liebe folgen: Gott zu lieben und meinen Nächsten wie mich selbst.

Das Kreuz auf der Zunge tragen, das heißt: sich – mit Worten des Apostels Paulus – des Evangeliums, der selig machenden Kraft Gottes, nicht schämen, sondern es tapfer, offen, mutig, klar und überzeugend bekennen.

Das Kreuz auf den Schultern tragen, das heißt zum einen, darum zu wissen, dass in dieser Welt die Botschaft von Gottes Heilstat in Christus immer eine angezweifelte, störende und herausfordernde sein wird; und zum anderen, das Leiden als Realität dieser Welt anzuerkennen, es zu lindern, wo es geht, es zu erdulden, wo es sich nicht lindern lässt – und anderen beizustehen, es zu lindern oder zu erdulden.

Das ist entscheidend, das ist wichtig. Ansonsten ist die Kruzfixdebatte nur eine Alibidiskussion, die auf Äußerlichkeiten projiziert, was im Innersten fehlt. Das ist ein altbekanntes Muster: Wenn Argumente, Inhalte, Überzeugungen abbrechen, dann macht man sich an äußeren Formen fest. Sie sind das Letzte, was bleibt. Aber es ist eine Illusion, darauf zu hoffen, allein die Bewahrung der äußeren Form könne die ehemals damit verbundenen Glaubensüberzeugungen und Wertvorstellungen allgemein im Bewusstsein halten oder sie gar wieder dorthin bringen.

Übrigens gilt das, so meine ich, auch für diejenigen, die sich am Kreuz an der Wand stören. Auch in diesem Fall macht sich der Ärger an der Äußerlichkeit fest. Wer in seinem Glauben gefestigt ist, den sollte weder stören, wenn da ein Kreuz hängt, noch wenn da keines hängt.

Dienstag, 12. Januar 2010

Was die Käßmann-Kritiker eigentlich sagen wollten

Peace, Paix, Paz, Pace, Frieden, Vrede, PaxImage by Pink Sherbet Photography via Flickr
"Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Das wissen die Menschen in Dresden besonders gut! Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Manche finden das naiv. Ein Bundeswehroffizier schrieb mir, etwas zynisch, ich meinte wohl, ich könnte mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen. Das kann manchmal mehr bewirken als alles abgeklärte Einstimmen in den vermeintlich so pragmatischen Ruf zu den Waffen. Vor gut zwanzig Jahren haben viele Menschen die Kerzen und Gebete auch hier in Dresden belächelt...."
Was bedeutet es, wenn dieser Abschnitt zum Thema Afghanistan in der Neujahrspredigt der EKD-Ratsvorsitzenden Käßmann - den jedermann Wort für Wort online nachlesen konnte und kann - aus verschiedenen Lagern so scharfen Widerspruch und Ablehnung erfährt? Doch eigentlich, dass die Kritiker dies sagen wollten:
"Alles ist gut in Afghanistan. Soldaten benutzen Waffen und es werden eben auch Zivilisten getötet. Uns werden weitere Strategien einfallen, die deutsche Öffentlichkeit darüber hinwegzutäuschen.
Das wissen die Menschen in Dresden besonders gut! Wir brauchen mehr Menschen, die vor der Logik des Krieges erschrecken, damit sie darauf verzichten, ein klares Friedenszeugnis in der Welt abzugeben und gegen Gewalt und Krieg aufzubegehren. Unser Ziel ist, dass sie sagen:
Eine Hoffnung auf Gottes Zukunft haben wir nicht.
Alternativen zu unserem Handeln in der Gegenwart brauchen wir nicht.
Denn Waffen schaffen doch ganz offensichtlich Frieden in Afghanistan.
Wir brauchen sonst keine Fantasie für den Frieden. Andere Formen der Konfliktbewältigung sind überflüssig. Sie würden bei weitem nicht so viel bewirken wie unsere Einigkeit im pragmatischen Ruf zu den Waffen.
Soll bloß keiner auf die Idee kommen, Kerzen anzuzünden und Gebete zu sprechen, wie vor gut zwanzig Jahren in Dresden ..."
Oder?
Wir werden sehen, wie es nach dem "vertrauensvollen Gespräch" nun weitergeht.


Donnerstag, 22. Oktober 2009

Vor 20 Jahren: Wie ich die friedliche Revolution erlebt habe

Vor zwanzig Jahren war ich sechzehn. In diesen Wochen zwischen dem 3. Oktober und dem 9. November versuche ich mich zu erinnern: Wie habe ich eigentlich damals, als Jugendlicher im Südwesten Deutschlands, die friedliche Revolution im Osten erlebt?

Die DDR war für mich weit weg, ein anderes Land, mit dem mich nichts verband. Wir hatten weder Verwandte noch Bekannte "drüben", und Politik hat mich damals reichlich wenig interessiert, wenn es nicht gerade um den Kampf gegen den Walfang, das Waldsterben oder Atomkraftwerke ging.

Zwei Begebenheiten haften mir aber im Gedächtnis. Die eine: Wir gingen ´89, wenige Monate noch vor dem Mauerfall, auf Klassenfahrt nach Berlin. Einen Tag verbrachten wir auch in Ost-Berlin. 25 Westmark wurden in 25 Ostmark umgetauscht, und dann mussten wir zusehen, wie wir die los bekamen, denn zurückgetauscht wurde nicht. Auf dem Rückweg erregte einer meiner Mitschüler Aufmerksamkeit: Er hatte ein Hemd in der Tasche, das mehr gekostet hatte als 25 Mark. Hatte er unerlaubt Westdevisen eingeführt? Nein, des Rätsels Lösung war einfacher, überstieg aber offenbar die Fantasie des real existierenden Sozialismus: Er hatte mit einem anderen Mitschüler zusammengelegt.

Die zweite Begebenheit, natürlich: die Fernsehbilder. Jubelnde und singende Menschen vor und auf der Mauer, strahlende, lachende Gesichter. David Hasselhoff singt "I've been looking for freedom".

Freiheit. Dass der Mensch frei ist, das gründet nach christlichem Verständnis darin, dass er von Gott geschaffen ist, und zwar: nach Gottes Bild geschaffen. Damit hat er eine unverlierbare Würde – auch in unfreien Verhältnissen. Manchmal erwächst aus dem Wissen darum die Kraft zum Aufbegehren, wenn die Unfreiheit zu groß wird.

Freiheit – das Über-Wort zu dieser Zeit. Ich wusste damals wenig über das System der Unfreiheit, das die Menschen so glücklich über seinen Untergang sein ließ. Aber schon diese kleine 25-Mark-Anekdote hatte mir einen Hauch des Gefühls vermittelt, was es bedeutet: derart ausgeliefert zu sein.

Nicht viel später brach sich das große Wunder Bahn. Wie groß es war, das verstand ich nun ein wenig besser.

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Donnerstag, 23. April 2009

Falsch verstandene Liberalität: Zum Streit um den Religionsunterricht in Berlin

In seinem Beitrag aus der heutigen NZZ zum bevorstehenden Volksentscheid am 26.04. über den Religionsunterricht in Berlin kommt Kommentator Joachim Güntner zu folgendem Schluss:
Siegt hingegen die Initiative mit ihrem Verlangen nach einem «Wahlpflichtbereich Ethik/Religion», dann hat sie eine Gleichbehandlung beider Fächer erreicht, die das verfassungsmässige Recht, dem Religionsunterricht fernzubleiben, fast völlig verblassen lässt. Es ist, als machte «Pro Reli» aus dem als Bevormundung beschimpften «Zwangsfach Ethik» einfach ein um die Religion erweitertes Doppel-Zwangsfach. Liberal wirkt auch das nicht.
Dieses Fazit halte ich für großen Unsinn. Was wäre die Konsequenz der mit den letzten beiden Sätzen im Prinzip geforderten völligen Liberalität? Eigentlich doch dies, dass die Schülerinnen und Schüler entscheiden können sollten, sowohl Religion als auch Ethik abzuwählen. Das aber kann in niemandes Sinne sein. Wie Theologieprofessor Rolf Schieder schon gestern in der F.A.Z. auf S.11 schrieb: "[D]er Zwang zur Wahl [ist] die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit".

Auch lässt die "Gleichbehandlung beider Fächer" eben gerade nicht "das verfassungsmäßige Recht, dem Religionsunterricht fernzubleiben, fast völlig verblassen". Es ist vielmehr umgekehrt so, dass die bisherige Berliner Sonderregelung eines Pflichtfachs Ethik das verfassungsmäßige Recht, am Religionsunterricht teilzunehmen, verblassen lässt! Denn Religionsfreiheit bedeutet nicht nur Freiheit von der Religion, sondern vor allem auch Freiheit zur Religion.

Ceterum censeo, dass das Bundesverfassungsgericht baldmöglichst und endlich und endgültig einmal über die Frage der Anwendbarkeit der Bremer Klausel entscheiden sollte.

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Samstag, 14. Februar 2009

Radiomoderator beleidigt Christen!

Vor ein paar Tagen erlaubte sich ein Moderator eines öffentlich-rechtlichen Senders, den ich an meinem Wohnort empfange, einen schlechten Scherz auf Kosten gläubiger Christen. Ich nenne im folgenden weder den Namen des Senders noch den des Moderators, weil es mir um die Sache geht, und nicht darum, jemanden bloßzustellen.

In der Moderation zwischen zwei Musiktiteln ging es um den katholischen Bischof und Holocaust-Leugner Richard Williamson und dessen Absicht, "alles nochmals prüfen" und sich die historischen Beweise ansehen zu wollen, bevor er seine Äußerungen zum Holocaust zurücknehmen könne . Der Moderator schloss diese Nachricht mit folgender Formulierung ab (sinngemäß! Ich habe nicht mehr den genauen Wortlaut in Erinnerung):

"Wer meint, dass es genug Beweise für die Auferstehung Jesu Christi gibt, sollte doch eigentlich keine Schwierigkeiten haben, Beweise für den Holocaust zu finden."

Darüber ärgerte ich mich derart, dass ich mich zu einer Mail ins Studio veranlasst sah:

Sehr geehrter Herr Moderator,

Sie sind sich vermutlich nicht bewusst, dass Ihre Bemerkung heute [...]: "Wer meint, dass es genug Beweise für die Auferstehung Jesu Christi gibt..." geeignet war, die religiösen Gefühle zahlreicher Hörerinnen und Hörer zu verletzen. Ihren eigentlichen Zweck – den Holocaustleugner Williamson zu kritisieren - verfehlte sie damit völlig. Bedauerlich, dass ich so etwas bei einem öffentlich-rechtlichen Sender zu hören bekomme. Obwohl solche Schnellschüsse eher den Privaten vorgeworfen werden, ist mir ein ähnlicher verbaler Fehlgriff in den vergangenen sieben Jahren Zusammenarbeit mit den privaten Rundfunksendern in Rheinland-Pfalz nicht begegnet - vermutlich, weil die dortigen Verantwortlichen bei religiös sensiblen Themen zunächst einmal bei den "Fachleuten" der evangelischen oder katholischen Redaktionen nachfragen oder die Finger lieber ganz davon lassen. Zwei Möglichkeiten, die Sie ebenfalls zur Verfügung gehabt hätten.

Mit freundlichen Grüßen,
Alexander Ebel

Bereits nach gut zwei Stunden hatte mir der Moderator geantwortet (Hervorhebungen von mir).

Sehr geehrter Herr Ebel,

vielen Dank für Ihre Mail. Ihre Reaktion traf mich gänzlich erwartet, jedoch hätte ich damit gerechnet, dass Sie von der katholischen Kirche käme. Auch war ich etwas überrascht, dass Sie der Einzige waren, der sich an der Bemerkung störte, die kein Schnellschuss, sondern geplant und durchdacht war.

Ich bedauere es, falls ich die Gefühle von Menschen verletzt haben sollte, die nicht richtig zugehört haben. Die beiden von Ihnen präferierten Möglichkeiten Feigheit oder Zensur sind für mich keine Option.

Mit freundlichen Grüßen
[Moderator]

Worauf ich den Moderator mit dem folgenden Wortschwall beglückte (die Hervorhebungen im folgenden Text waren in der Mail nicht enthalten, sondern dienen hier im Blog der Übersichtlichkeit):

Sehr geehrter Herr Moderator,

lassen Sie mich Ihnen zuerst danken, dass Sie sich tatsächlich die Mühe einer Antwort gemacht haben. Ich halte das nicht für selbstverständlich.

Freilich zeigen Form und Inhalt Ihrer Mail leider nur erneut, wes Geistes Kind Sie sind - wie auch die unbedachte Äußerung in Ihrer Sendung. Ja, unbedacht, auch wenn Sie darauf beharren, sie sei "geplant und durchdacht" gewesen. Ich hatte zu Ihren Gunsten ja noch annehmen wollen, Sie hätten diesen Gag irgendeinem schlechten Showprep-Service entnommen. Aber offenbar ist er auf Ihrem eigenen Mist gewachsen, und Ihnen erscheint er auch noch besonders geistreich und originell.

Sie sind überrascht, eine Reaktion von evangelischer Seite bekommen zu haben. Wie sehr "durchdacht" haben Sie denn das Thema, wenn Ihnen nicht einmal bewusst geworden ist, dass die Auferstehung Christi ein allgemein christlicher Glaubensinhalt ist und sich nicht nur auf die römisch-katholische Konfession beschränkt?

Was müssen also Leute verstanden haben, die tatsächlich "richtig zugehört" haben? Zugespitzt dies: "Wer an die Auferstehung Christi glaubt, der ist genauso dämlich wie dieser Pius-Bischof und glaubt vermutlich auch genau dieselben dämlichen Dinge." Damit haben Sie schätzungsweise ein Drittel Ihrer Hörer verprellt - so viele glauben nämlich an die Auferstehung, wenn ich mich recht an entsprechende Umfragen erinnere - und das kann kaum in Ihrem Interesse als Moderator liegen.

In Deutschland ist Holocaustleugnung ein Straftatbestand. Sie haben mit Ihrer Äußerung öffentlich alle auferstehungsgläubigen Christen parallel gesetzt zu einem Mann, gegen den die Staatsanwaltschaft Regensburg wegen Volksverhetzung ermittelt. Damit bewegen Sie sich haarscharf an der Grenze zur Beschimpfung von Bekenntnissen, wenn sie sie nicht schon überschritten haben (ich bin kein Jurist): http://de.wikipedia.org/wiki/Beschimpfung_von_Bekenntnissen,_Religionsgesellschaften_und_Weltanschauungsvereinigungen

Im Übrigen war Ihre Äußerung sachlich falsch. Sie haben in theologisch und historisch unzulässiger Weise zwei Ebenen miteinander vermischt, die rein gar nichts miteinander zu tun haben. Die Auferstehung Christi ist ein Glaubensinhalt. Historisch-kritischer Forschung zugänglich sind nur die im Neuen Testament erhaltenen Berichte über das leere Grab und über die Erscheinungen des Auferstandenen. Beides kann ganz unterschiedlich interpretiert werden (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Auferstehung_Jesu_Christi ). Das Auferstehungsgeschehen selbst aber bleibt zeugenlos. Dass weiterhin Christus heute gegenwärtig ist, wird von gläubigen Christen im Vollzug ihres Glaubens erfahren (im Abendmahl, im Gebet, in der Seelsorge etc.) und entzieht sich historischer Beweisführung - im Gegensatz zu den Verbrechen des NS-Regimes.

Genau das hätten Sie durch eine Nachfrage bei der Kirchenredaktion oder den kirchlichen Senderbeauftragten in Erfahrung bringen können. Bezeichnender- und bedauerlicherweise haben Sie dafür ja aber nur die Kategorie "Zensur" übrig - und nicht "kollegiale Zusammenarbeit". (Freilich hätten Sie Hinweise auch im Netz finden können, etwa hier: http://theolounge.wordpress.com/2008/10/06/die-auferstehung-jesu-realitat-oder-humbug-2/ - aber das ist vermutlich zu viel Text für eine durchdachte Sendungsvorbereitung).

Abgesehen davon müssen Sie sich, wenn Sie mit den Begriffen "Zensur" und "Feigheit" hantieren, ernsthaft fragen lassen, was denn die Bemerkung über die Auferstehung Christi inhaltlich zu Ihrer Moderation über die fadenscheinige Entschuldigung Williamsons und seine Absicht, nochmals Beweise zu prüfen, beigetragen hat. Hätte Hörerinnen und Hörern an der Sachinformation zum eigentlichen Thema irgendetwas gefehlt, wenn sie auf diese Bemerkung verzichtet hätten? Nein. Ich muss deshalb vermuten, dass sie einzig und allein der Provokation diente. Sie wegzulassen hat weder mit Zensur noch mit Feigheit etwas zu tun.

Zu guter Letzt: Mit einem Nebensatz scheinen Sie mir unterstellen zu wollen, "nicht richtig zugehört zu haben". Nun wissen Sie so gut wie ich, dass Radio - zumal ein Format wie [Sendername] – ein Nebenbei-Medium ist und Moderations-, Nachrichten- und Beitragstexte daraufhin abgestimmt werden müssen, dass die Hörerinnen und Hörer möglicherweise gerade das Geräusch ihrer Zahnbürste in den Ohren haben, im Auto den Lautstärkeregler mit dem Motoren- und Reifengeräuschen abstimmen müssen, oder ein Kind am Frühstückstisch sitzen haben, das gerne hier und da mal dazwischenkräht. Das heißt, es liegt in Ihrer Verantwortung und Sorgfaltspflicht als Moderator, dass Ihre Sätze auch bei einmaligem Hören unter erschwerten Bedingungen nicht missverständlich sind. Und in Ihrer Ausbildung sind Sie sicher auch der Grundregel begegnet, dass Ironie im Radio in den seltensten Fällen funktioniert.

Aber bitte mailen Sie mir doch Ihren Moderationstext, damit ich mich anhand dessen selbst davon überzeugen kann, falls ich mich über Ihre Aussageabsicht getäuscht haben sollte.

Mit freundlichen Grüßen,
Alexander Ebel

Darauf habe ich bis jetzt keine Antwort mehr erhalten - was ich aufgrund der Komplexität des Inhalts und des geschätzten Zeitaufwands, den eine angemessene Reaktion erforderte, durchaus verstehen kann. Mir ist es aber umgekehrt ein bisschen schade um die von mir investierte Zeit, und so setze ich die begonnene Mail-Diskussion hier ins Blog und frage meine Leserinnen und Leser: Habe ich überreagiert? Habe ich zu sehr auf dem beleidigten Ohr gehört? Habe ich zu sehr christliche Hörerinnen und Hörer in Schutz nehmen wollen, die sich vielleicht gar nicht angegriffen fühlten? Mein Hinweis auf den Paragraphen zur Beschimpfung religiöser Bekenntnisse ist natürlich sehr dick aufgetragen. Andererseits geht aus der kurzen Antwort des Moderators deutlich dessen Absicht hervor, dass sich Hörer "an der Bemerkung stören" sollten. Müssen die Moderatoren gebührenfinanzierter Sender neuerdings Provokationspunkte sammeln?

Ach ja: Falls jemand die Moderation ebenfalls gehört haben sollte und sich noch an den genauen Wortlaut des letzten Satzes erinnert, wäre ich für eine Mitteilung dankbar; ich würde den Anfang dieses Beitrages dann entsprechend aktualisieren.

Mittwoch, 5. November 2008

Barack Obama und die Messiaserwartung

Kam mir gerade so in den Sinn:

Zu Jesu Zeiten projizierten viele Menschen in die Vorstellung des kommenden Messias ihre Hoffnungen auf einen, der mit dem Schwert dreinschlägt und das unterdrückte Volk mit Gottesgewalt vom Joch der Römer befreit. Beim neuen Messias Barack Obama erwarten irgendwie alle, dass er den Frieden bringt und die Welt durch ihn besser wird.

Jesus damals hat die Erwartungen vieler seiner Anhänger enttäuscht ...

Sonntag, 29. Juni 2008

Begeistert für den Fußball. Auch für den Glauben?

Endlich Endspiel! Diesen Stoßseufzer teilen heute wirklich einmal alle im Land: Die einen sind schon ganz heiß drauf, dass das Spiel zwischen Deutschland und Spanien angepfiffen wird – die anderen hat das ganze Brimborium der vergangenen Wochen mit flatternden Fähnchen et cetera nur genervt oder gelangweilt, und sie sind froh, wenn endlich der EM-Abpfiff ertönt.

Ich persönlich bewege mich irgendwo in der Mitte: Ich verfolge die Spiele vor allem der deutschen Mannschaft, freue mich auch, wenn sie gewinnt, nehme es aber gelassen, wenn ihr etwas nicht gelingt und amüsiere mich darüber, wie bierhoff, tschuldigung, bierernst das manche nehmen. Und das Fähnchen hab’ ich mir auch gespart – eines mit dem ganzen Globus drauf wäre vielleicht eine Idee gewesen.

Auch in vielen Gottesdiensten dürfte heute Fußball Thema sein. Das bietet sich geradezu an angesichts der vergleichbaren Rituale: Hier Stadionhymnen, da Kirchenlieder; hier Sprechchöre, da Gebete; hier Trikots, da liturgische Gewänder – alles gar nicht so weit voneinander weg. Humoristisch zusammengefasst hat das kürzlich der Religionswissenschaftler Michael Blume in seinem Spontan-Blogeintrag vor der Abfahrt zum EM-Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei. Vorrangig als Spaß gedacht, aber wie jedem guten Witz liegt auch diesem die aufmerksame Beobachtung realer Verhältnisse zugrunde.

Schließlich die Begeisterung. Wie ein Team zusammenwächst, wie Fans mitgehen, mitfiebern und hoffen, ihre Mannschaft voll Inbrunst unterstützen: So kann auch Gemeinschaft im Glauben aussehen – und tut es auch oft. Nur meistens nicht ganz so laut. Aber eben begeistert von der Sache, fair im Umgang miteinander, gemeinsam feiernd trotz aller Unterschiede.

Ob Fußballfan oder EM-genervt: Zeigen wir ruhig öfter, dass unser Gott ein freundlicher Gott ist, ein Gott des Lebens und der Liebe.

[Dieser Beitrag ist, leicht verändert und gekürzt, auch als Rundfunkandacht im "ProtCast Pfalz" zu hören.]