Mittwoch, 4. Mai 2011

Wachsen gegen den Trend? - Noch einmal "Gemeinde 2.0" #gem20

Queens GiantImage via Wikipedia
Es ist nötig und vor allem ein Gebot der Fairness, meinem Rückblick auf die Konferenz "Gemeinde 2.0" vom 30. März eine Ergänzung bzw. Korrektur angedeihen zu lassen. Ich gab dort eine sehr gedrängte Zusammenfassung des Seminars "Die Chancen des Schrumpfens". Diese enthielt die Aussage, das "Resümee" der beiden Referenten sei gewesen: "Die im EKD-Impulspapier von 2006 ausgegebene Parole vom "Wachsen gegen den Trend" ist eine Illusion und Überforderung, die nur zu Frustration führen kann."

Daraufhin erreichte mich per E-Mail der Einspruch eines der beiden Referenten, Pfarrer Dr. Thomas Schlegel, der sich mit diesem Satz "gründlich missverstanden" fühlte. Er schreibt:
(...) Zweifellos war es unsere mit "harten Fakten" unterlegte Ausgangsbeobachtung (und eben gerade nicht das Resümee), daß die Rhetorik des Wachsens sich oft nicht mit der erfahrenen Wirklichkeit deckt. Davon ausgehend zu überlegen, wie mit dieser Spannung umzugehen ist und worin die Chancen des Weniger (konkret) liegen könnten, war der intendierte Gegenstand des Workshops (siehe Arbeitsphasen). (...)
Darauf antwortete ich:
(...) Ich bitte um Entschuldigung, dass ich in der Darstellung Ihrer Position einen - offenbar recht tiefgreifenden - Fehler gemacht habe bzw. einer Fehleinschätzung unterlag. Vielleicht lässt es sich zum Teil aus der rezeptionsästhetischen Erkenntnis erklären, dass man (etwa als Predigthörer) gerne vor allem das "hört" und "mitnimmt", was die eigene Position oder Überzeugung unterstützt. Ich muss allerdings gestehen, dass mir auch jetzt, nach dem Lesen Ihrer Mail, noch nicht klar ist, worin genau der Fehler besteht bzw. wie man die von Ihnen präsentierten "harten Fakten" anders interpretieren kann als im Sinne eines Zurückweisens der Forderung nach einem "Wachsen gegen den Trend". Es ist doch so, dass es nicht in unseren menschlichen Kräften steht, den Mitgliederschwund der Kirche aufzuhalten oder gar umzukehren, selbst wenn wir keine Austritte mehr hinnehmen müssten - eben aufgrund der demografischen Entwicklung. Dann aber bedeutet die Selbstverpflichtung einer Kirchengemeinde, gegen den Trend wachsen zu wollen, eine permanente Überforderung und Quelle der Frustration - weil der Blick auf die nackten Zahlen am Ende eines jeden Jahres den Misserfolg belegt.

"Die Chancen des Schrumpfens" sehe ich deshalb darin, dass uns der Rückgang geradezu dazu zwingt, nach (neuen) Formen Ausschau zu halten, wie lebendige Gemeinde künftig aussehen kann. Der Umbau muss mit dem Ziel geschehen, zu Strukturen zu finden, die es uns erlauben, unseren Kerngeschäften Gottesdienst, Seelsorge, Unterricht, Diakonie nachzugehen, ohne sich konstant mit den Fragen des Mitglieder- und Finanzrückgangs beschäftigen zu müssen. Vielleicht meinen Sie genau dies, wenn Sie von "Wachsen gegen den Trend" sprechen, meinen es also mehr geistlich-qualitativ als rein quantitativ!? Dann würde ich dringend zu einer anderen Wortwahl raten, so ist es zu missverständlich. (...)
Worauf wir langsam zusammenzufinden schienen, denn seine Antwort war:
(...) Mit der rezeptionsästhetischen Bemerkung zu Beginn haben Sie sicher Recht. Deswegen starte ich auch mit der Zusammenfassung ihres ersten Argumentes, wie ich es verstanden habe: Entweder wir blicken auf die "harten Zahlen" und müssen Wachstum ablehnen; oder wir reden von Wachstum und ignorieren die Realität. Bei offenen Augen von Wachstum zu reden brächte nur Frust.

Ich antworte darauf mit jener Dialektik, die auch schon dem Seminar zu Grunde lag:
Wir schrumpfen, aber uns ist zugleich Wachstum verheißen.
Wirklich spannend scheint mir zu sein, wie man diese beiden Dinge: Realität und Verheißung zusammenbekommt, ohne eines einfach zu kappen!

Und mit Ihrem zweiten Abschnitt sprechen Sie genau das aus, was ich meine:
Das Schrumpfen kann uns so reduzieren, daß darin Gesundungsprozesse und hoffentlich dann auch Keime für künftiges Wachstum liegen können. Vielleicht ist jetzt qualitatives Wachstum dran. Dies ist momentan die Verheißung, die ich sehe.
Dies wird man freilich vorsichtig zu äußern haben, denn Schrumpfen positiv zu belegen, wirkt zynisch oder weltfremd. (...)
Und damit habe ich das Gefühl, dass Kollege Dr. Schlegel und ich doch eng beieinander liegen, was die Einschätzung der Situation und künftigen Entwicklung, und wie wir darauf reagieren können bzw. sollten, betrifft. Was er meint, dürfte dann wohl doch der Linie des Greifswalder Instituts-Chefs Michael Herbst entsprechen, zumindest diesen beiden Titeln nach zu urteilen (die ich inhaltlich nicht kenne):
Nach wie vor habe ich allerdings ein Problem damit, dafür die Formel vom "Wachsen gegen den Trend" zu verwenden. Sie scheint mir sowohl vom EKD-Impulspapier her als auch von Wilfried Härles "Analysen von Gemeinden, mit denen es aufwärts geht" doch sehr stark auf die quantitative Komponente festgelegt zu sein.
Wie sehen das die Leserinnen und Leser dieses Blogs?

[Thomas Schlegel hat übrigens über Karl Barth promoviert. Wer noch Lesestoff zu Barths 125. Geburtstag in einer Woche braucht ... ;-) ]

Kommentare:

  1. ... zumal das Wachsen bei Härle und den anderen Hg.s im Grunde doch oftmals auch ein "Nicht-Schrumpfen" bedeutet ...

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  2. Sorry, ich muss das ergänzen: Ob es wirklich mehrheitlich so ist, kann ich nicht mehr sagen. Ich habe es für mich jedoch so abgespeichert und unterstütze daher die Kritik am reißerischen Titel/Schlagwort.
    Was das qualitative Wachsen angeht: Ich bin im Grunde auch ein Freund solcher Überlegungen. Allerdings muss man sich auch immer hinterfragen, was der Grund für diese Überlegung ist. Ist es die subjektive Wahrnehmung der Umstände und deren Beschreibung oder ist es die Schönfärberei entgegen der subjektiven Wahrnehmung (z.B. weil man komplett an den Menschen vorbei geht oder sonstiges und dies im Grunde auch mitbekommt). Und nur, um dies hier gleich auszuräumen: Ich unterstelle dies niemandem.
    Und noch ein Anlauf: Was wäre eine Alternative zu der Auffassung: "Wir werden weniger, dann wachsen wir jetzt einfach qualitativ." Möglicherweise reibe ich mich mit der Bezeichnung des Wachsens prinzipiell.

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  3. Vielen Dank für die engagierte Diskussion! Ich finde es wirklich gut und motivierend, wenn man sich in dieser Weise in der Kirche Gedanken über das Wachsen macht.
    Mir ist allerdings noch nicht ganz klar, warum das Verständnis eines quantitativen Wachstums gegenüber einem qualitativen so problematisch ist. Der matthäische Verkündigungs- und Taufauftrag enthält nach meiner Rezeption durchaus das Verständnis und auch die Verheißung zu quantitativen Wachstum.
    Oder andersrum: Warum ist qualitatives Wachsen im Glauben an eine Verheißung gebunden (und entlastet damit die kirchlichen AmtsträgerInnen), das quantitative hingegen nicht und stellt somit eine Überforderung derselben dar? Falls ich das so richtig verstanden habe, erschließt sich mir diese Logik noch nicht wirklich.

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  4. Guter Punkt, Johannes. Das mit der Verheißung ist sowieso so ne Sache. Die können wir nicht selbst machen. Also auch das Wachstum nicht, oder?
    Was Kirche tun kann, ist, zu sehen, daß sie qualitativ gute Arbeit macht. Unabhängig davon, wie viele Kinder zur Taufe angemeldet werden. Sicher können sinkende Zahlen ein Indiz für schlechte Qualität sein, müssen es aber nicht. Die Frage kann jedenfalls nicht lauten: Wie wachsen wir? Sondern eher: Wie machen wir nen guten Job? Denn dann wird auch das Wachstum, so Gott will, kommen. Zu diskutieren wäre also: Was bedeutet "gut"?

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  5. Der Gedanke, wie ich ihn verstehe, ist: Uns ist Wachstum verheißen, qualitativ wie quantitativ. Jetzt gerade schrumpfen wir, werden weniger. Darin liegt die Chance zum qualitativen, geistlichen Wachstum. Das ist jetzt "dran". Und es ist die Basis dafür, dass dann auch wieder ein quantitatives Wachstum folgen kann.

    Nur ist es so, dass dieses quantitative Wachstum dann definitiv in sehr weiter Ferne liegt. Wir werden es nicht mehr erleben, und zwar einfach aus demografischen Gründen: Die Geburtenrate liegt in Deutschland schon seit Jahrzehnten unter der für den Bevölkerungserhalt erforderlichen Reproduktionsrate von 2,1. Selbst wenn nun von heute auf morgen plötzlich alle auf den Trichter kämen, 3 bis 4 Kinder bekommen zu wollen, ginge die Bevölkerungszahl noch für lange Zeit weiter zurück.

    Das Christentum wächst zahlenmäßig nun eben anderswo in der Welt...

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  6. Kleine Rückfrage: Wieso haben wir JETZT die Chance zum qualitativen Wachstum? Hatten wir die in Zeiten voller Kassen und vieler Kirchenglieder nicht?
    Ich frage mich, wieso das quantitative Wachstum überhaupt eine Rolle in den Überlegungen spielt. Das ist wohl eher der Bereich der Finanzabteilungen, oder denk ich zu zweigleisig?

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  7. Ok, ich kann nachvollziehen, dass das Schrumpfen gesamtkirchlich gesehen eine kaum aufhebbare Tatsache ist. Das ist aber nicht die Perspektive unter der ich als Pfarrer arbeiten würde oder möchte. Zumindest in Bezug auf die Beteiligung/Aktivität in der Gemeinde - die Mitgliederzahl mag trotzdem zurückgehen.
    Sofern diese Art der Schwerpunktlegung mit "qualitativ" statt "quantitativ" gemeint ist, könnte ich mich damit auch anfreunden!

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  8. In diesem Buch, das im Juli erscheint, wird auch ein Artikel von Thomas Schlegel über "Wachsen und Schrumpfen" enthalten sein: http://amzn.to/lOZpU3

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