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Sonntag, 26. April 2020

Struktur durch Rituale in Krisenzeiten

Gedanken aus einer meiner Telefonandachten in den vergangenen Tagen:


Der Kaffee am Morgen und die Tageszeitung dazu, vielleicht etwas Frühsport, der Spaziergang am Nachmittag, die Zeit für das gute Buch oder das Hobby, der Fernsehabend , der Stammtisch oder der Vereinsabend einmal in der Woche, das Telefonat oder Treffen mit der besten Freundin, der Ausflug am Wochenende oder der Familienbesuch – das sind Rituale: Alltagsrituale. Sie helfen, mich auf mich selbst zu besinnen, meine Gesundheit, mein Wissen und Können, meine Entspannung, meinen Freundeskreis, meine Familie.

Das Läuten der Kirchenglocken zu bestimmten Tageszeiten, das Tisch- oder Abendgebet, der Gottesdienstbesuch, die Abendmahlsfeier, Taufen, Trauungen, Trauerfeiern – auch das sind Rituale: Glaubensrituale. Im Unterschied zu den Alltagsritualen verweisen sie nicht nur auf mich selbst und diejenigen, die mir nahe stehen, sondern auf etwas Höheres, womit ein tieferer Sinn unseres Daseins verbunden ist. Sie helfen, mich auf Gott zu besinnen, darauf, dass mein Leben sich nicht mir selbst verdankt, dass es ein Geschenk ist, dass ich gewollt und angenommen bin, dass ich mich nicht selbst erlösen kann, und dass ich hoffen darf über dieses Leben hinaus.

Gemeinsam ist beiden Ritualformen: Sie helfen, Struktur zu geben: den Tagen und Wochen, dem Jahr, dem ganzen Leben. Für viele dieser Rituale sind die Zeiten und Orte von außen vorgegeben, so dass wir uns danach richten können. Andere haben wir über Jahre hin eingeübt, sie sind zur Gewohnheit geworden.

Nun ist wegen der Kontaktsperre und den sonstigen Beschränkungen des öffentlichen Lebens vieles davon weggebrochen. Die Tage drohen strukturlos zu werden, ein Einheitsbrei, ohne Rhythmisierung, ihre Ecken und Enden fransen sozusagen aus. Das ist vor allem für alleinstehende Menschen schwierig, auch für Menschen, die keine Arbeit haben oder ihr derzeit nicht nachkommen können oder dürfen.

In vielen Familien äußert es sich anders: Die Kombination, zu Hause für den Schulunterricht der Kinder sorgen und zugleich den eigenen beruflichen Verpflichtungen im Homeoffice nachkommen zu müssen, überdeckt alles so weit, dass auch dabei gewohnte Rituale auf der Strecke bleiben.

In der gegenwärtigen Situation mag es deshalb hilfreich, wenn nicht gar notwendig sein, sich über seine eigenen ritualisierten Abläufe Gedanken zu machen und sie bewusst zu gestalten: die Alltags- und die Glaubensrituale: Wo und wie sollen sie jetzt Platz haben in meinem Leben? Und sich dann diese Ritualtermine mit sich selbst in den Kalender eintragen – und sich wirklich jeden Tag daran erinnern lassen, vielleicht den Wecker dafür stellen. Das sind kleine Tricks, die helfen können.

Der Apostel Paulus schreibt: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. (2. Korinther 5, 17) – Dass wir diese Tage als Chance zur Erneuerung erfahren, im persönlichen Leben wie auch gesellschaftlich, das wünsche ich uns allen.

Montag, 18. November 2019

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! - Ein Slam-Predigt-Versuch



Am 16.11.2019 haben wir in Altrip den ersten "MidLife"-Gottesdienst gefeiert - ein Format für Themen mitten aus dem Leben, entwickelt durch ganz unterschiedliche Elemente wie Spielszenen, Texte, Medien, kommunikative Einheiten und Aktionen. Aus einer spontanen Laune heraus habe ich meinen Beitrag zum Thema "Freiheit" in eine Slam-Predigt-artige Form gefasst - mein erster Versuch dieser Art. Leider konnte ich wegen einer kurzfristigen Erkrankung im Gottesdienst nicht persönlich mitwirken. Aber zumindest eine Videobotschaft habe ich noch beisteuern können.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! (Gal 5, 2)
Ja, der Paulus weiß Bescheid
Glaubt er und sagt’s den Christen in Galatien
mit einem Brief, sonst wär’s zu weit.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit!
Schreibt er
und noch mehr
vom Joch der Knechtschaft
das einem keiner mehr auflegen soll
das Joch voll Regeln voll
Maßstäben und Normen
die dich zu formen
versuchen
mit denen du dich zu formen
versuchst
um gerecht zu sein
und gut
Ich tu doch dies
Ich tu doch jenes
Ich bin doch o.k.,
Gott? Oder nee?

Montag, 18. Februar 2019

Das Paradies – auf dem Weg und am Ende des Weges

Kurzpredigt im Abschlussgottesdienst zum Konfiseminar „Paradies“ auf dem Schwanberg
Februar 2019


Du läufst durch den Nebel
im Dunkeln, in der kühlen Nacht
Siehst nur schemenhafte Umrisse, von Bäumen, Sträuchern, Gebäuden
Musst aufpassen, wohin du deinen Fuß setzt

Ein bisschen unheimlich ist es
Ein bisschen aufregend
Irgendwie auch lustig; manches auch nervig

Du musst versuchen, dich auf den Weg zu konzentrieren
Schauen, wo es langgeht
Nur schwach leuchten die Wegmarken
Aber du findest deinen Weg
zusammen mit dem oder der anderen an deiner Seite

An das Paradies denkst du auf diesem Weg eher nicht
Was sollte dich auf diesen Gedanken bringen?
Bist doch damit beschäftigt, nicht zu stolpern, nicht auszurutschen
dich suchen umzuschauen: Wo geht es lang?

Sonntag, 28. Oktober 2018

Die Sünde auf dem Sofa

Predigt am 28. Oktober 2018 (22. Sonntag nach Trinitatis) in der Protestantischen Kirche Altrip

Wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. 15 Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. 16 Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut ist. 17 So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. 18 Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. 19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. 20 Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. 21 So finde ich nun das Gesetz, das mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. 22 Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. 23 Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. 24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? 25 Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! (Römer 7, 14-25a)


Die Sünde ist uns heutzutage fremd geworden.
Wir reden nicht mehr gern darüber.
Ich auch nicht.
Es ist unmodern, ein altertümliches Wort. Sünde.
Es ist unangenehm, es zu benutzen.
Man kommt sich ein bisschen komisch dabei vor.
Wie wird mein Gegenüber reagieren, wenn ich etwas von Sünde sage?

Sonntag, 21. Oktober 2018

Prüft alles, das Gute behaltet

Predigt im Gottesdienst zum Männersonntag, 21. Oktober 2018, in der Protestantischen Kirche Altrip

Nehmen wir uns etwas Zeit, um das Bild zu betrachten, mit dem die Männerarbeit der Evangelischen Kirche in diesem Jahr das Thema des Männersonntags anschaulich machen will.

Wir blicken in einen Tunnel hinein, der gerade eine Biegung macht. Helle Lichtspuren sind im oberen Bereich zu sehen; der Tunnel scheint von oben her beleuchtet zu sein, aber es reicht nicht aus, um alles klar und deutlich hervortreten zu lassen. Vieles bleibt verschwommen und unscharf, so auch die Rücklichter der Autos, die in der rechten Bildmitte gerade noch zu erkennen sind.

Die grafische Überarbeitung des ursprünglichen Fotos bringt den Eindruck großer Geschwindigkeit hinein
Wir rasen mit in diesen futuristischen Tunnel hinein; er scheint uns anzusaugen, aufzusaugen

Der Tunnel weckt bei mir Assoziationen an:
Datenautobahn
Glasfaserkabel
Teilchenbeschleuniger

Und es kommt uns etwas, jemand, daraus entgegengerast, ein Surfer. Den linken Fuß und die rechte Hand hat er vorn am Brett, das andere Bein ist nach hinten hin angewinkelt, die andere Hand zur Seite gestreckt, balancierend. Der Surfer verblasst teilweise vor und in diesem Tunnel und den Lichtern, aber er ist deutlich regenbogenfarben schillernd, nicht von einer Farbe, sondern vielfältig.

Samstag, 19. April 2014

Gottes (Ohn)Macht


Da ist einer am Kreuz gestorben. Hingerichtet von der römischen Besatzungsmacht. Nichts Besonderes, nichts Ungewöhnliches, damals vor 2000 Jahren. Eigentlich.

Doch dieser eine, der da gestorben ist, Jesus aus Nazareth, mit dem hat es eben doch etwas Besonderes auf sich. Allen Berichten zufolge war das ein Mensch mit einer Beziehung zu Gott, wie es sie noch nie gegeben hat. So eins war er mit Gott in allem Leben und Handeln, dass Menschen von ihm sagen konnten: das war Gottes Sohn, ja mehr noch: in ihm ist Gott selbst als Mensch auf die Erde gekommen.

Aber: Hat da also Gott selbst am Kreuz gelitten und ist gestorben?

Freitag, 18. April 2014

Gott ist tot - Der Tod ist tot

„Gott ist tot!“ Diesen provokativen Satz ließ einst der Philosoph Friedrich Nietzsche seinen „tollen Menschen“ ausrufen: „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet.“ Oft ist das gläubigen Menschen seitdem entgegen gehalten worden.

Dabei gehört das für Christen ohnehin zum Kern ihres Glaubens. Ja, Jesus leidet und stirbt den Foltertod am Kreuz, das ist das Eine, das ist das Grunddatum für den heutigen Feiertag, den Karfreitag.

Montag, 29. April 2013

Zorn, Trost und Lobgesang - Predigt am Sonntag Kantate, 28.04.2013

(gehalten in der Prot. Kirche Ingenheim aus Anlass der Visitation des Kirchenbezirks Bad Bergzabern)
1 Zu der Zeit wirst du sagen:
Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich
        und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.
2 Siehe, Gott ist mein Heil,
        ich bin sicher und fürchte mich nicht;
denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm
        und ist mein Heil.

Sonntag, 24. Februar 2013

Immer erst, wenn's zu spät ist. - Predigt am Sonntag Reminiszere, 24.02.2013

[gehalten in der Protestantischen Kirche Neuhofen]
Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Ich gehe hinweg, und ihr werdet mich suchen und in eurer Sünde sterben. Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen. Da sprachen die Juden: Will er sich denn selbst töten, dass er sagt: Wohin ich gehe, da könnt ihr nicht hinkommen? Und er sprach zu ihnen: Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt. Darum habe ich euch gesagt, dass ihr sterben werdet in euren Sünden; denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr sterben in euren Sünden. Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Und Jesus sprach zu ihnen: Zuerst das, was ich euch auch sage. Ich habe viel von euch zu reden und zu richten. Aber] der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt. Sie verstanden aber nicht, dass er zu ihnen vom Vater sprach. Da sprach Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und nichts von mir selber tue, sondern, wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich. Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt. Als er das sagte, glaubten viele an ihn.
Joh 8, 21-30


Liebe Gemeinde,

ein mühsames Gespräch führt Jesus da: Viel Mühe hat er damit. Wenig Samen kann er säen. Auch wenn es am Ende heißt: "Als er das sagte, glaubten viele an ihn." Aber die mühsamen Gespräche sind noch nicht am Ende. Und es zeigt sich: Mit dem Glauben der Vielen ist es doch nicht so weit her. Am Ende dieses Kapitels im Johannesevangelium heben sie sogar "Steine auf, um auf ihn zu werfen" (Joh 8, 59).

Dienstag, 5. Februar 2013

Ein-Bildung


Wir bilden uns Gott ein.
Hurra, jubeln jetzt alle Atheisten, endlich hat er's erkannt: Gott, das ist eine literarische Erfindung, eine Projektion unserer Wünsche und Hoffnungen, eine selbstgebastelte Krücke, die uns über Ängste und Unsicherheit unserer Existenz hinweghelfen soll. Eben: Wir bilden uns Gott ein.

Aber natürlich wäre das vorschnell. Natürlich lasse ich das nicht so stehen. Natürlich habe ich noch einen Hintergedanken. Und zwar frage ich: Wie wäre es denn gerade umgekehrt: Gott bildet sich uns ein.
Das heißt dann zunächst: Gott hat sich uns ausgedacht. Wir sind seine Erfindung. Er hat seine Geistkraft eingesetzt, um uns lebendig zu machen. An uns übt er seine Kreativität. Auf uns projiziert er seine Liebe. In uns investiert er sein Herzblut. Wir sind Gottes Lebenswerk.

Gott bildet sich uns ein. Er hat sich uns ein-gebildet.
Das heißt auch: Er hat uns sein Bild eingeprägt. Sind wir Gedanken Gottes, dann kommen wir direkt von ihm her. Entspringen wir seiner Imagination, dann haben wir unser Image von ihm. So steht es in der biblischen Schöpfungsgeschichte: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ (Gen 1,27)

In diesem Sinn lasse ich mir gerne etwas einbilden.
Ohne eingebildet zu sein.
Wie wird mein Bild aussehen, wenn es fertig ist?
So wie Gott es sich gedacht hat? So wie ich es mir gedacht habe?
Oder bekommen wir beides sogar irgendwie zusammen?

Dienstag, 9. Oktober 2012

Zweckfrei und fantasievoll - Von der Schöpferkraft Gottes im Menschen


[Hausandacht im Speyerer Landeskirchenrat am 9. Oktober 2012]

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.
1. Timotheus 4, 4-5

Liebe Hausgemeinde!

Es ist eine dieser Szenen, die sich als Erinnerungsbild aus der Kindheit besonders fest in mein Gedächtnis gegraben haben: Wie mein Großvater mir hilft, kleine Löcher in die zuvor gesammelten Kastanien zu bohren, um diese dann mit Streichholzsteckverbindungen zu seltsamen Gebilden zu arrangieren: irgendwelche Figuren, Männchen, ja, aber mit ziemlich klumpigen Händen und Füßen, fast genauso groß wie Kopf oder Körper.

Seit vorgestern haben nun auch meine Kinder eine solche Erinnerung. Wie tief eingegraben sie ist, weiß ich nicht, aber ihren Spaß hatten sie dabei. Wir haben noch andere Herbstfunde verarbeitet als nur Kastanien; das Ergebnis sehen Sie auf dem Bild. Was erkennt die Fantasie?
- vielleicht einen kleinen dicken Franzosen mit Baskenmütze und Bucheckernfüßen
- dann ein etwas buckliges vogelähnliches Wesen rechts oben; das Eichenblatt, das eine Schwanzfeder bildet, ist auf dem Foto leider abgeschnitten
- und zwei vierbeinige Tierchen mit Köpfen aus Eicheln, vielleicht braune Schafe ...

Basteln, Schneiden, Kleben, Stecken, das macht jedem Kind Spaß, auch dem Kind im Manne, wenn nur etwas halbwegs Sinnvolles oder Lustiges dabei herauskommt.
Sinnvoll, habe ich gesagt. Aber was tun wir da eigentlich? Tatsächlich ist es doch sinn-los, jedenfalls zweckfrei, oder: eine Zweckentfremdung von Dingen, Gaben der Natur, die eigentlich ganz anderen Zwecken dienen.

Warum tun wir das?
Da kommt im Spielerischen ein Wesenszug des Menschen zum Vorschein. Ob es Herbstbasteleien mit Kastanien, Eicheln und Bucheckern sind; ob bei einem Telefongespräch kunstvolle Muster auf einem Stück Papier entstehen; ob jemand eine CD mit Lieblingsliedern für sich selbst oder für seine Liebste zusammenstellt (früher hieß das Mixtape, laut einem Essayisten „die am häufigsten ausgeübte amerikanische Kunstform“ ): Es drängt uns stets, etwas zu gestalten. Wir bringen einen anderen, neuen Sinn hinein in das, was uns die Welt darbietet. Wir erschaffen etwas Neues – nicht aus dem Nichts, sondern aus vorgegebenen Elementen – aber wir denken sie neu, kombinieren sie neu.

Vor 50 Jahren erschien das Buch „Was ist der Mensch?“ des Theologen Wolfhart Pannenberg . Darin schreibt er:
„Über alles, was ihm in der Welt begegnet, strebt der Mensch hinaus, durch nichts ganz und endgültig befriedigt.“ (S. 13) Dem Menschen ist dabei „eine viel größere Mannigfaltigkeit von Eindrücken zugänglich als jedem Tier. Solcher Vielfalt stehen die Menschen ursprünglich und faktisch immer wieder hilflos gegenüber. Das ist die Ursituation des Menschen in der Welt, besonders die des Kindes. Darum ist es als erstes nötig, sich zu orientieren, eine Übersicht zu gewinnen. Diese Aufgabe der Orientierung wird nun auf eine sehr bemerkenswerte, für alles menschliche Verhalten charakteristische Weise gelöst: Während die Tiere durch ihre Organe die Eindrücke sozusagen filtern, so daß nur ganz wenige davon ihr Bewußtsein erreichen, vermehrt der Mensch die Vielfalt der Welt noch durch eigene Schöpfungen. Im Umgang mit seiner Umgebung baut er sich immer eine eigene, künstliche Welt auf, um durch sie die Vielfalt der auf ihn einstürmenden Sensationen zu bändigen.“ (S. 14)

Was der Mensch da tut, ist nichts anderes als: Er schafft Kultur. Und ich stelle mir vor, dass außerirdische Archäologen zu Besuch kommen, unsere Herbstbasteleien finden – und sie für religiöse Kultobjekte halten. Wäre ja denkbar.

„Kultur bedeutet ursprünglich Ackerkultur. Die materielle Kultur umfaßt dann auch Handwerk und Industrie. Alle materielle Kultur beruht auf planvollem, zwecktätigem Umgang mit den Dingen unserer Umgebung.“ (S. 18) Durch die Kultur „baut der Mensch sich eine künstliche Welt, indem er die Dinge so verwandelt, daß sie besser der Befriedigung seiner Bedürfnisse dienen“ (S. 19)

Pannenberg fragt nun: „Welche Kraft befähigt eigentlich zu solchen schöpferischen Leistungen?“ Und er sagt: „Entscheidend aber ist die Macht der Phantasie. Sie bildet den schöpferischen Grundzug im menschlichen Verhalten. [...] Im Menschlichen Verhalten gewinnt die Phantasie deshalb so breiten Raum, weil der Mensch nicht frühzeitig durch Instinkte in eine arttypisch festliegende Richtung gedrängt wird. Menschliches Verhalten behält etwas Zwecklos-Freies, Spielerisches, soweit die Menschen es nicht selbstgesetzten Zielen unterwerfen. Und wer sein Verhalten zu sehr in der Verfolgung von Zwecken aufgehen läßt, so daß dem freien Spiel der Phantasie gar kein Raum mehr bleibt, der verkümmert und verliert sene Spannkraft. Im menschlichen Verhalten, sofern es schöpferisch ist, kommt der Phantasie diejenige Schlüsselstellung zu, die bei den Tieren die Instinkte innehaben.“  (S. 19f.)

Pannenberg spannt den Bogen noch weiter, hin zur wissenschaftlichen Erkenntnis: dass nämlich „jede weiterführende wissenschaftliche Einsicht [...] mit einem Einfall, mit einem Phantasieereignis [beginnt]“ (S. 20). „Echte Einfälle“ aber „kann man nicht hervorrufen“. Damit hat „die am entschiedensten schöpferische Tätigkeit des Menschen zugleich einen passiven Zug“ (S. 21): Gott wirkt eben nicht nur „in der äußeren Geschichte“, sondern „auch in der Innerlichkeit des Menschen unablässig Neues“, und damit ist „der Mensch gerade in seinem Schöpfertum zugleich ganz und gar ein Empfangender“ (S. 22). Kurz gesagt: Wem etwas einfällt und daraus etwas macht, der ist ein lebender Gottesbeweis.

So wünsche ich uns viel Fantasie bei allem, was wir tun, heute, diese Woche, und darüber hinaus.
Der Friede Gottes aber, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.
Amen.