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Montag, 14. September 2020

Neben Zachäus auf dem Ast - Bis nach Moria schauen

 Predigt im Gottesdienst am 14. Sonntag nach Trinitatis, 13.09.2020, in der Prot. Kirche Altrip

Predigttext: Lk 19, 1-10

Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. 2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. 5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.
7 Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. 8 Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. 9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Predigt[1]

Liebe Gemeinde!

Das ist jetzt schon ein bisschen paradox:

Ich klettere auf die Kanzel, um besser gesehen und gehört zu werden, wenn ich rede – rede von einem, der auf einen Baum geklettert ist, um besser sehen und hören zu können: denjenigen, der da in die Stadt kommt, von dem alle reden, und der zu den Menschen redet wie sonst noch keiner.

Aber so sind wir es gewöhnt:

Wer etwas zu sagen hat, der steigt hinauf – auf eine Kanzel, eine Bühne; der tritt nach vorne – an ein Redepult; der sitzt vorne, am Kopfende.

Bei Jesus ist das oft anders. Gut, zur Bergpredigt ist er auch ein bisschen höher hinaufgestiegen, um zu den vielen sprechen zu können. Und ein anderes Mal heißt es, er sei in ein Boot gestiegen und ein kleines Stück hinausgefahren, um von dort zu den Menschen am Ufer zu sprechen.

Aber meistens, so kommt es mir vor, ist er doch mitten unter den Menschen, umringt von ihnen, sobald er irgendwo hinkommt. Denkt an die Geschichte mit dem Gelähmten, den seine Freunde durchs Dach herablassen zu Jesus, weil das Häuschen so voller Leute ist, dass sie nicht mehr durch die Tür kamen.

Und hier kommt Jesus nach Jericho, und gleich umgibt ihn eine Menge, so dass jemand von kleinerer Gestalt wie Zachäus keine Chance hat, auch nur einen Blick auf ihn zu erhaschen.

Sonntag, 25. Dezember 2016

Wort zur Weihnacht 2016

(aus dem Christvesper-Gottesdienst an Heiligabend um 17.00 Uhr in der Prot. Kirche Altrip)

Vielen Dank
den Krippenspielkindern ...

Ja: Ein bisschen zu spät gekommen waren sie: Die späten Engel.
Aber sie haben erfahren dürfen und es auch uns erfahren lassen: Bei Gott gibt es kein "Zu spät".
Denn er kommt immer wieder in unsere Welt. Alle Jahre wieder. Täglich wieder.

Und deshalb erzählen wir auch diese Geschichte immer wieder neu. Um deutlich zu machen: Das ist nicht nur ein einziges Mal vor langer Zeit passiert und hat mit uns heute nichts mehr zu tun. Sondern Gott kommt zur Welt, damals, heute und auch in Zukunft, und schenkt Mut und Hoffnung, um neu anzufangen.

Donnerstag, 7. Februar 2013

Pippis Sprachkolonien (Kurzfassung)


Im vergangenen Jahr habe ich meiner Tochter „Pippi Langstrumpf“ vorgelesen. Aus einer alten Ausgabe meiner Frau. Schon auf der zweiten Seite stutze ich – dann lese ich: Pippis Vater ist „König auf einer Südseeinsel“ statt „Negerkönig“. Und auch ansonsten: „schwarze Kinder“ oder „Kinder mit schwarzer Hautfarbe“ statt „Negerkinder“.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Von Einheit sprechen


Ich bin Deutscher, und ich bin Christ. Nein: Ich bin Westdeutscher, und ich bin evangelischer Christ. Na? Haben Sie's gemerkt? Sprache schafft Wirklichkeit. Wenn ich etwas oder jemandem, in diesem Fall mir selbst, einen Namen gebe, es bezeichne – dann unterscheide ich es oder ihn von anderen Dingen oder Menschen.

Ich bin Deutscher: Betone ich das, dann grenze ich mich ab von allen Nichtdeutschen. Ich bin Christ: Ich grenze mich ab von allen Nichtchristen. Ich bin Westdeutscher – darin steckt: und nicht Ostdeutscher. Ich bin evangelischer Christ – darin steckt: und nicht katholischer.

Wir bezeichnen, wir unterscheiden, wir grenzen ab. Und wir schaffen damit Wirklichkeit: Dinge, Tiere, Menschen, die zusammengehören – und solche, die nicht dazugehören. In der Bibel gehört diese Aufgabe zu den ersten, die der Mensch von Gott übertragen bekommt: „Wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen“ [Gen 2,19].

Durch die Sprache erschaffen wir Unterschiede, und durch die Sprache erschaffen wir Gemeinsamkeiten. Die deutsche Wiedervereinigung war auch deshalb möglich geworden, weil aus dem gegen das DDR-Regime gerichteten Slogan „Wir sind DAS Volk!“ der Slogan „Wir sind EIN Volk!“ wurde.

Die Verfasser des Aufrufs „Ökumene jetzt!“ vor einigen Wochen haben es genauso versucht. „Ein Gott, ein Glaube, eine Kirche“ ist der Aufruf überschrieben, der gleich zu Beginn argumentiert: Getaufte sind Geschwister, Volk Gottes, Leib Christi, EINE Kirche eben – alles Vokabeln, die das Gemeinsame betonen.

Ob ich denke, dass es genügt, von der Einheit zu sprechen, um die Einheit zu erreichen? Nein: Viele andere Faktoren spielen natürlich eine Rolle. Bei der deutschen Einheit waren auch wirtschaftliche und politische Motive treibende Kräfte. Und auch im ökumenischen Mit- und Neben- und Gegeneinander geht es um anderes als nur die richtige Bezeichnung.

Aber wir könnten öfter das Gemeinsame betonen. Und uns, ehe wir besprechen, bewusst machen, ob wir trennen und abgrenzen oder zusammenbinden. Wir können mitarbeiten an der Gemeinschaft - allein durch bewusstes Sprechen.

Dienstag, 19. Juni 2012

Dienstag, 15. Mai 2012

Die Mär vom Kirchensteuerprivileg

Die christlichen Kirchen sind privilegiert, denn der Staat zieht für sie die Kirchensteuer ein. Diese Regelung gehört deshalb schleunigst abgeschafft.

So ist es immer öfter und immer lauter zu hören, nicht mehr nur von Atheistenverbänden, sondern auch von Politikern, die auf einen rein laizistischen Staat hinwirken wollen.

Dabei hat das Argument kaum eine wirkliche Grundlage.

Zunächst einmal ist das Recht, Steuern einziehen zu lassen, nicht allein den christlichen Kirchen vorbehalten. Alle Weltanschauungsgemeinschaften, die Körperschaft des öffentlichen Rechts sind, können dies wahrnehmen.

Sodann verursacht der Kirchensteuereinzug dem Staat nicht etwa Kosten, sondern im Gegenteil: Die Länder behalten als Entgelt einen bestimmten Satz des Kirchensteueraufkommens ein, zwischen zwei und viereinhalb Prozent nämlich.

Schließlich unterhält der Staat ohnehin die Finanzämter. Sie ziehen die Kirchensteuer ein. Wären die Kirchen gezwungen, ein eigenes Einzugssystem aufzubauen, müssten sie dafür schätzungsweise sieben bis zehn Prozent der Kirchensteuer verwenden. Das heißt, es würde auch eine Verschwendung von Steuergeldern bedeuten, hier eine doppelte Struktur aufzubauen.

Über die Verwendung von Steuergeldern lässt sich streiten. Die Kirchen benötigen bis zu siebzig Prozent allein für ihr Personal, und wer mit diesem nie zu tun hat, mag sich fragen, ob er weiter die Steuer zahlen soll. Das deutsche Kirchensteuersystem jedoch hat sich bislang bewährt – auch im europäischen Vergleich. Wir sollten es nicht leichtfertig über Bord werfen.

[Dieser Beitrag war am 15. Mai 2012 auf RPR1 als "Angedacht" zu hören]

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Jung und arm gleich faul und dumm?

Gerade habe ich die Lektüre einiger F.A.Z.-Kommentare aus den letzten Tagen nachgeholt, darunter derjenige von Kerstin Schwenn am 15. Oktober unter dem Titel "Armes reiches Land". Verlinken kann ich ihn leider nicht, denn die F.A.Z. hat ihn nicht frei verfügbar online gestellt (wie ich überhaupt das Gefühl habe, dass seit dem F.A.Z.-Relaunch deutlich weniger Artikel aus den aktuellen Printausgaben kostenlos im Netz zu finden sind).

Die Autorin fasst zunächst die Ergebnisse des jüngsten Sozialberichts zusammen. Mehrfach resümiert sie, dass die Ergebnisse nicht neu seien oder nicht überraschten. Dazu gehören Feststellungen wie:

- "Einmal arm, immer arm."
- "Wer (aus-)gebildet ist, hat mehr Chancen, wird seltener arm, lebt gesünder und länger"
- "Noch immer ist Bildungserfolg in Deutschland stark von der Herkunft abhängig"
- "Kinder machen arm (...) Alleinerziehende stellen auch den Kern der Gruppe der Hartz-IV-Empfänger"
- "Eine Hürde für den sozialen Aufstieg ist die Schule."
Woher sie das Urteil nimmt, in vielen Familien sei "die traditionelle Haltung 'Mein Kind soll es einmal besser haben als ich' einem resignierten Achselzucken gewichen", wird nicht klar.

Dann aber schreibt sie: "Auch heute kann jeder, der Bildungs- und Aufstiegswillen besitzt, mit Hilfe des Staates unsichtbare Decken durchstoßen. Aber in einer weitgehend gesättigten Gesellschaft wird die soziale Sicherung gegen Verarmung manchmal als Hängematten-Angebot missverstanden, gerade von Jüngeren, die noch nicht überblicken, dass ein Leben als Hartz-IV-Empfänger auf Dauer alles andere als befriedigend ist."

Wer jung und arm ist, ist also eigentlich faul und dumm - verstehe ich die Aussage der Kommentatorin so richtig? Dann sage ich: Das zu behaupten, ist auch nicht gerade neu. Aber im Gegensatz zu den empirisch belegten Ergebnissen des Sozialberichts ist das vor allem Propaganda.

Dienstag, 22. Februar 2011

Wie eine halbwegs annehmbare Presseerklärung aussehen könnte, nachdem man als Plagiator überführt wurde

Innerlich zerknirscht trete ich heute vor Sie. Ich habe Ihnen ein Geständnis zu machen, das mir nicht leicht fällt: Ich habe bei der Erlangung meines Doktorgrades betrogen. Der Betrug geschah aus rein egoistischen Motiven, aus Eigennutz im Blick auf meine weitere berufliche Karriere. Ich habe damals feststellen müssen, dass ich nicht fähig war, die für eine Dissertation erforderliche mühevolle Kleinstarbeit neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater zu leisten. Darum habe ich die bezahlten Dienste eines studentischen Ghostwriters in Anspruch genommen. Wie sich herausgestellt hat, wurde mein Betrug im Gegenzug ebenfalls mit Betrug vergolten.

Mein Verhalten ist unentschuldbar; darum verzichte ich an dieser Stelle auf eine Bitte um Entschuldigung. Stattdessen möchte ich mein tief empfundenes Bedauern zum Ausdruck bringen. Ich bedauere für jedes einzelne nicht gekennzeichnete Zitat, dass den jeweiligen Autorinnen und Autoren die ihnen zustehende Reputation versagt geblieben ist, indem ich ihre Worte für meine ausgab. Ich bedauere den Schaden, den ich dem Ansehen meines Doktorvaters, der Promotionskommission und der Universität XXX insgesamt zugefügt habe. Ich rechne mit dem Entzug des Titels durch die Universität und werde diese Entscheidung nicht anfechten, denn es ist die einzig gerechte und richtige. Ich bedauere, viele Menschen getäuscht und enttäuscht zu haben, die in mich große Hoffnungen setzten. Ich schäme mich für mein Verhalten und bereue es zutiefst.

"Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht", so lautet ein altbekanntes Sprichwort. Deshalb habe ich nicht den geringsten Anspruch darauf, dass Sie in Bezug auf mein politisches / kirchliches /... Amt weiterhin Ihr Vertrauen in mich setzen. Ich kann nur versuchen, Ihnen zu versichern, dass diese in vollem Bewusstsein vollzogene, absichtsvolle Täuschung die bisher einzige war und bleiben wird. Und ich versichere Ihnen, dass ich gewillt bin, mein Amt als XXX tatsächlich nach bestem Wissen und Gewissen auszufüllen - im Unterschied zu meiner Doktorarbeit, für die ich dies nur vorgegeben habe.

Ich sagte es: Entschuldigen lässt sich mein Verhalten nicht. Aber vielleicht gewähren Sie mir Ihre Vergebung, so dass ich die begonnene Arbeit fortsetzen und mich bewähren kann. Verdient habe ich es nicht. Ich weiß, was ich Ihnen allen für diesen Fall schuldig bin und werde danach handeln.

Ich danke Ihnen.

[Dieser Beitrag enthält ein nicht gekennzeichnetes wörtliches Zitat einer prominenten Person ;-) ]

Die neuen Ehrenamtlichen

Gestern wurde in Berlin das Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit eröffnet. Es geht darum, die Aufmerksamkeit zu stärken für Menschen, die sich freiwillig und ehrenamtlich engagieren.

Bezogen auf den kirchlichen Bereich, wird es in Zukunft eine zentrale Aufgabe von Pfarrerinnen und Pfarrern sein, das Ehrenamt zu pflegen und zu fördern.

Dabei müssen sich die künftigen „Freiwilligenmanager“, egal wo, auf neue Strukturen einstellen: Früher haben sich die Menschen oft langfristig in einem Bereich engagiert. Heute sind viele oft nur noch bereit, sich für ein inhaltlich und zeitlich begrenztes Projekt einzusetzen.

Aber eines haben heute viele Ehrenamtliche gemeinsam: sie begreifen ihr Engagement als Chance zur eigenen Persönlichkeitsentwicklung. Mit ihrem Engagement wollen sie nicht nur „geben“, sondern auch etwas „haben“, etwas „zurückbekommen“. Sie wünschen sich Bestätigung und Anerkennung, auch die Möglichkeit, sich persönlich fort- und weiterzubilden. Sie wollen ihre Interessen einbringen, Kompetenzen entwickeln und selbstständig Verantwortung übernehmen.

Auf dieses Bedürfnis der Ehrenamtlichen einzugehen bedeutet Kosten und Mühe. Aber wenn wir als Kirche mündige und engagierte Christen haben möchten, sollte uns das diese Anstrengung wert sein. Ehrenamtliche „machen eben Arbeit“ – im doppelten Sinn.

Dieser Beitrag ist als Rundfunkandacht für Rockland Radio "Feels Like Heaven" erschienen und kann über das entsprechende Podcast-Angebot angehört werden.

Montag, 21. Februar 2011

Der "Kitt" von Kirche und Gesellschaft

Sie leisten Hausaufgabenhilfe für Kinder mit Sprachschwächen; sie fahren im Pflegeheim die Leute im Rollstuhl zum Gottesdienst; sie lesen vor, sie singen mit den Alten. Sie setzen sich für den Natur- und Klimaschutz ein. Sie tischen an einer der über 800 Tafeln in Deutschland Bedürftigen etwas zu essen auf. Sie sind Armen, Kranken und Einsamen eine Stütze, halten Sterbenden die Hand, engagieren sich für Kinder und Jugendliche, organisieren Kultur- und Bildungsangebote: Ehrenamtliche. Sie sind – so eine schöne Formulierung – die „Unbezahlbaren“ dieser Gesellschaft. Oder anders: „der Kitt der Gesellschaft“.

Ehrenamtliche, freiwillig Tätige, sind „in“. Seit ein paar Jahren hat man sie wiederentdeckt. Wiederentdeckt in dem Sinn, dass ihre Tätigkeit nicht mehr als selbstverständlich angesehen wird. Sondern Institutionen, Unternehmen, Verbände nehmen Freiwilligentätigkeit wahr als etwas, das aktiv gepflegt, gefördert und wertgeschätzt werden will. Nicht nur in Deutschland ist man auf den Trichter gekommen: Das Jahr 2011 hat die Europäische Union zum „Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit“ erklärt. Heute findet in Berlin die nationale Auftaktveranstaltung statt.

Auch die Kirchen stellen sich darauf ein, dass das Ehrenamt künftig noch mehr an Bedeutung gewinnen wird. Sie leben ohnehin schon immer von den vielen Menschen, die bereit sind, ehrenamtlich Verantwortung zu übernehmen, vor Ort, in den Gemeinden. In der pfälzischen evangelischen Landeskirche steigt die Zahl der Ehrenamtlichen von Jahr zu Jahr, auf nun mehr als 21 000. Das ist ein Gegenpol zu den zahlreichen Negativ-Meldungen der vergangenen Jahre, wie zum Beispiel: rückläufige Finanzen, rückläufige Mitgliederzahlen, angeblich rückläufige Bedeutung der Religion für das Leben der Menschen.

21.000 Ehrenamtliche im Bereich unserer Landeskirche, das heißt nicht nur: 21.000 Menschen, die Mitglied unserer Kirche sind und bleiben wollen. Sondern das heißt auch: 21.000 Menschen, die sich unserer Kirche so verbunden fühlen, dass sie sich in ihr engagieren. Hier finden sie Sinn, in einer Betätigung mit anderen und für andere.

Die Ehrenamtlichen sind auch der „Kitt“ der Kirche. Ihr Engagement speist sich aus dem Glauben. Es ist ihr praktischer Gottesdienst im Alltag der Welt.

Dieser Beitrag ist als Rundfunkandacht für SR2 und SR3 "Innehalten" sowie in gekürzter Form für Rockland Radio "Feels Like Heaven"
erschienen und kann über die jeweiligen Podcast-Angebote angehört werden.

Freitag, 15. Oktober 2010

Debattenkultur - ich glaube, jetzt hab' ich verstanden, wie der Hase läuft ...

Spruch an Klowand
Der heutige F.A.Z.-Titelkommentar von Reinhard Müller, "Dem Unsinn eine Gasse", befasst sich mit der Unsitte, auf radikale oder abseitige Äußerungen gleich mit Verbot oder Ausschluss zu reagieren: "Aber der Grundgedanke ist richtig, dass alle Äußerungen, die nicht zu Hass oder Gewalt aufrufen, erst einmal ertragen werden müssen", schreibt Müller. Und: "Seit wann genau darf man in der SPD (CDU, DGB, DFB, EKD etc.) nicht mehr Unsinn verkünden?" So weit kann ich ihm folgen; dann macht er eine Aussage, die Richtiges enthält, in ihrer Pauschalität aber verunglimpfend ist: "Immer noch gibt es Täter und Opfer. Wer auf der Seite der Opfer verortet wird, darf fast alles sagen." Gut dann aber wieder der Schluss: "Es gibt keine Pflicht, den Bürger zu langweilen. Und gegen radikale Ansichten und Handlungen hilft zunächst einmal Gelassenheit."

Mit dieser Stoßrichtung kam mir gerade gestern erst ein Gedanke zur öffentlichen Debattenkultur. Bisher sah ich mich stets zu gehörigem Kopfschütteln veranlasst angesichts von Diskussionsverläufen zu verschiedenen Themen. Den Auftakt macht in der Regel ein "Scharfmacher"; es erwidert ein "Weichmacher". Ich vereinfache etwas, aber jedenfalls verlaufen die Fronten diametral entgegengesetzt (was Fronten eigentlich immer so an sich haben ...). Echte Argumente werden kaum ausgetauscht; es kommt meist zu generellen Aburteilungen, zur Feststellung der Diskussionsunwürdigkeit des jeweils Anderen oder ähnlicher Polemik. Erst nach und nach pendelt sich - nachdem sich immer mehr Diskutanten eingeschaltet haben - das Ganze ein, und die Debatte bekommt zumindest in Teilen ein sachliches Niveau. Ich habe mich immer gefragt, warum es nicht möglich ist, von Anfang an eine ausgewogene Sachdiskussion zu führen. D.h.: Warum die Gegner von irgendetwas nicht fähig sind, auch die Pro-Argumente anzuführen - und umgekehrt. Das ließ mich manchmal fast verzweifeln über "uns Menschen".

Aber nun denke ich: Was, wenn es halt einfach so ist? Wenn wir einfach akzeptieren müssen, dass genau so der Hase läuft. Wenn es schließlich und endlich dann doch in die Sachdiskussion mündet, in der Pro und Contra gegeneinander zur Sprache gebracht werden, man sodann über Maßnahmen, Kompromisse, konkretes politisches Handeln beschließt - dann ist es doch gut.

Das aber bedeutet, wenn wieder mal jemand eine steile These aufs Tapet bringt und zunächst verbal aufeinander eingedroschen wird: lächeln, gelassen bleiben, abwarten, in dem Wissen, dass es sich beruhigen wird, vielleicht hier oder da einen dezenten Hinweis einbringen - aber ansonsten nicht die Kräfte vergeuden, sondern erst später sein Hirnschmalz investieren, wenn sachliche Beiträge auch tatsächlich eine Chance haben, gehört oder gelesen zu werden.

Gelassenheit scheint mir in so ungeheuer vielem das dringlichste Gebot zu sein. Und wir haben sie in den vergangenen Jahren zunehmend verlernt. Ich glaube, das Web 2.0 - so gerne ich mich darin bewege - hat dazu einen erheblichen Teil beigetragen.

Samstag, 25. September 2010

455 Jahre Augsburger Religionsfrieden

Cuius regio, eius religio – Wessen Land, dessen Religion. Das ist der Kern des Augsburger Religionsfriedens. Heute vor 455 Jahren wurde er geschlossen, am 25. September 1555. Er sicherte den Anhängern der Reformation die Anerkennung ihres Bekenntnisses.

Cuius regio, eius religio: Das bedeutet, der jeweilige Landesfürst gibt für seine Untertanen die Religion vor. Wer die nicht annehmen will, kann ja auswandern. Wirkliche Religionsfreiheit war das nicht. Frei, ihre Religion zu wählen, waren nur die Landesherren. Es war eine Kompromisslösung, immerhin.

Unüberbrückbare Glaubensgegensätze gab es aber weiterhin – zumal neben dem katholischen nur das lutherische Bekenntnis anerkannt war, nicht aber das reformierte. Ab 1618 traten die Gegensätze aufs Neue hervor, als der Dreißigjährige Krieg ausbrach. An dessen Ende wurde "cuius regio, eius religio" bestätigt, diesmal auch für die Reformierten.

Der Augsburger Religionsfriede von 1555 brauchte fast ein Jahrhundert, bis er sich durchsetzte. Seine bleibende Bedeutung hat das eher noch gesteigert.

Das Recht, den eigenen Glauben selbst zu wählen, sprechen wir heute jedem einzelnen zu. Weil keine Macht der Welt die Menschen davon abhalten kann, ihr Seelenheil zu suchen, muss es die Freiheit dazu geben. Hier bei uns – und überall sonst auf der Welt.

[Dieser Beitrag ist auch als Rundfunkandacht in der Reihe "Feels Like Heaven" bei Rockland Radio gelaufen. Anhören! (mp3-Datei)]

Montag, 20. September 2010

Zum Weltkindertag: Du sollst deine Kinder ehren

Heute will ich mal ein biblisches Gebot umdrehen. „Du sollst Vater und Mutter ehren“, heißt es in den Zehn Geboten, und das ist sicher gut und bedenkenswert. Wenn ich es umdrehe, lautet es: „Du sollst deine Kinder ehren“. Ich glaube nicht, dass der liebe Gott etwas dagegen hätte.

Vor 20 Jahren ist die UN-Kinderrechtskonvention in Kraft getreten. Kinder haben demnach das Recht auf sauberes Wasser, Nahrung, medizinische Versorgung, eine Ausbildung, auf Freizeit und Spiel, gewaltfreie Erziehung, und auf Mitsprache bei Entscheidungen, die ihr Wohlergehen betreffen.

Heute, 20 Jahre später, wächst in Deutschland die Kluft unter Kindern – auf der einen Seite diejenigen, die gesund und abgesichert aufwachsen, auf der anderen Seite solche, deren Alltag durch Mangel und Ausschluss geprägt ist.

Deshalb fordern UNICEF und das Deutsche Kinderhilfswerk zum heutigen Weltkindertag einen Perspektiv- und Politikwechsel. Unter dem Motto „Respekt für Kinder!“ verlangen sie mehr Bildungsgerechtigkeit, mehr Chancengerechtigkeit und eine bessere Zukunftssicherung für alle Kinder in Deutschland.

Du sollst deine Kinder ehren. Das ist nicht nur ein Gebot für Eltern. Sondern für ein ganzes Land.

[Dieser Beitrag ist auch als Rundfunkandacht in der Reihe "Feels Like Heaven" bei Rockland Radio gelaufen. Anhören! (mp3-Datei)]