Montag, 3. Juni 2013

Lasst uns ruhig beten wollen!

Über obigen Eintrag auf Twitter bin ich heute auf diesen Artikel gestoßen: "Wir wollen nicht beten! Eine Glosse zur liturgischen Sprache".

Der Autor, Liborius Lumma, kritisiert in satirischer Form die Verwendung der liturgischen Formel "Wir wollen beten" anstelle von "Lasst uns beten". Mir scheint, er fällt ein zu hartes, wenn nicht gar falsches Urteil, wenn er schließt: "'Wir wollen beten' ist (...) vor allem eines: falsch."


Lumma identifziert zunächst die zugrunde liegende lateinische Form "oremus" als Konjunktiv Präsens Aktiv, 1. Person Plural, die als Imperativ diene, der wiederum im liturgischen Kontext nicht Befehl, sondern nur Aufforderung oder Einladung sein könne. Zudem beziehe sich der/die Liturg/in selbst mit ein. Lumma beschreibt damit, auch wenn er den Begriff nicht verwendet, den Adhortativ oder Coniunctivus hortativus. Die Varianten "Lasst uns" oder "Wir wollen" sind mir aus dem Lateinunterricht als gleichermaßen mögliche Übersetzungen noch deutlich in Erinnerung.

Dies ist darin begründet, dass das Verb "wollen" im Deutschen ein sehr viel breiteres semantisches Spektrum bedient, als Lumma es im zweiten Abschnitt seiner Glosse suggeriert. So finden wir im Deutschen Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm folgende Erläuterung zum Gebrauch von "wollen" in diesem Sinn:
wollen umschreibt den adhortativ: so wöll wir das ander tail dieser cronick beschlieszen und das dritte anfahen städtechron. 3, 121; gott sprach: wir wöllend menschen machen ynn unserer bildtnusz 1. Mos. 1, 26 Zürcher bibel (Luther: laszt uns menschen machen; vulg.: faciamus hominem); das wir aber sehen, wie gotes name geheiliget werde yn uns, wollen wir vorhin sehen, wie er vorunheiliget ... wirt Luther 2, 87 W.;muter, wir wellen andere weiber bitten ... Vogelgesang-Cochläus J. Huss24 ndr.; laszt uns ein stück wählen, wir wollen es ... spielen Göthe I 22, 20W.; hier wollen wir halt machen IV 27, 220 W.; br. Grimm dtsche sagen(1891) 1, 76; wir wollen sehen ..., wer heute das beste liefern wird Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 108; komm, wir wollen uns drin an den herd setzen Fontane ges. w. (1905) I 5, 151; 158; 127;
Und im DWDS-Wörterbuch heißt es:
a) ›wir wollen‹ + Inf. ; ; ›wollen wir‹ + Inf. (drückt aus, daß sich der Sprecher an den Angesprochenen mit der Aufforderung, dem Vorschlag wendet, den Inhalt des Inf. gemeinsam zu realisieren)
So sind als Alternativen zu "Lasst uns beten" zum Einen die vom Autor des Artikels vorgeschlagenen Varianten "Beten wir" bzw. "Betet mit mir" möglich, aber auch an "Wir wollen beten" oder "Wollen wir beten" ist nichts auszusetzen.

Diese Befürchtung, jemand könne sich von "uns" zu sehr vereinnahmt fühlen, geht mir ohnehin manchmal auf den Keks. Doch, ich glaube, im gottesdienstlichen Zusammenhang darf ich sehr wohl davon ausgehen, dass diejenigen, die anwesend sind, auch tatsächlich mitbeten wollen.

Zu guter Letzt muss ich doch auch noch diese Magisterarbeit verlinken, auf die ich bei der Onlinerecherche gestoßen bin. Ist einfach zu schön, der Titel. Guggstu hier:
„Lassma“ Weltmeisterschaft machen – eine grammatische Untersuchung zum Kiezdeutsch (pdf)

Kommentare:

  1. Mir ist das "laßt uns" auch lieber als "wir wollen". Klar, beides sagt schon das Gleiche aus, aber trotzdem, gefühlsmäßig fühle ich mich ganz subjektiv beim "wir wollen" ein wenig vereinnahmt. Hat wohl jeder seine Präferenzen. Vielleicht liefert das Pfälzische hier bessere Lösungen: Alla, bäde ma! ;)

    AntwortenLöschen
  2. Mundartlich scheint's immer am leichtesten zu sein :-)
    Man könnte ja auch abstimmen lassen: "Hand hoch, wer beten will!"
    Oder - und das jetzt ernsthaft - öfter mal überlegen, ob es die Aufforderung überhaupt braucht.

    AntwortenLöschen
  3. Der pluralis auctoris (auch liebevoll diskriminierend: "Krankenschwestern-Plural") hat schon seine Tücken :) Ich würde ihn auch, wo es geht, unterlassen. Abgesehen davon wird mit "wollen" - ganz unabhängig von der Übersetzung (es ist fraglich, ob ein Vorstadtrömer mit fenestra auch ein Velux Doppelglasfenster meinte) - ein indirekter Spechakt realisiert, der der Sprecherintention vllt. nicht unbedingt entspricht: Mir sagt "betet mit mir", da eine direkte Aufforderung, am ehesten zu. Weiter setzt "wollen" eine positive Haltung des Angesprochenen zur Handlung, zu der er indirekt aufgefordert ist, voraus - auch diese Evaluation vermeidet man mit der direken Ansprache. Letztlich kann man sich vllt. nämlich die Frage stellen, ob es überhaupt relevant ist, welche individuelle Haltung der Angesprochene zum Gebet (besonders in Bezug auf das Vater Unser) hat. Mit anderen Worten: Ich finde es gut, dass man sich mit Liturgiesprache kritisch auseinandersetzt. Ich könnte zum Bsp. in manch einem Gottesdienst die Wände hochgehen, wenn ich das Gefühl habe, dass achtlos mit dem einzigen Kapital, das man zur Verfügung hat, umgegeangen wird.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank dem Sprachwissenschaftler für diese Einschätzung! :-)
      Mir ging es ja vor allem um zwei Feststellungen gegenüber dem Ausgangs-Artikel: dass es nicht "falsch" ist, oremus mit "wir wollen beten" zu übersetzen; und dass "wir wollen / wollen wir" eben einen auffordernden Vorschlag beinhaltet - und nicht per se eine Vereinnahmung in dem Sinne, dass ich zu wissen meine bzw. anderen damit vorschreibe, was sie "zu wollen hätten".

      Selbst verwende ich auch eher "Wir beten" oder "Lasst uns beten". Oder, wie ich im Kommentar weiter oben schrieb, ich lasse diese Einleitung ganz weg. Körperhaltung und Gottesanrede machen die Situation meistens doch ohnehin völlig klar. Und damit gehört auch das Weglassen-Können von Formulierungen zur Pflege unserer Liturgiesprache.

      Löschen
  4. (Vom Telefon aus geschrieben und damit leider nicht fehlerfrei.)

    AntwortenLöschen