Montag, 9. März 2020

Ich seh dich - Du und ich ein Selfie Gottes

Kurzpredigt im MITTENDRIN-Gottesdienst am 8.3.2020 in der Prot. Kirche Altrip

Ich seh' dich.
Wer sagt das zu wem?
Ein Mensch zum anderen Menschen.
Ein Mensch zu Gott.
Gott zum Menschen.
Ich seh dich.

Du siehst mich.
Das war vor drei Jahren die Losung für den Ökumenischen Kirchentag.
Und auch das hatte zumindest diese Zweiseitigkeit.
Du, Mensch, siehst mich.
Du, Gott, siehst mich.

Du bist ein Gott, der mich sieht, ansieht.
Hagar sagt diesen Satz, eine Frau im Alten Testament.
Sie ist die Magd von Abram und seiner Frau Sarai.
Und Sarai würdigt sie herab.
Demütigt sie.
Sie hat kein Ansehen.
Und sie flieht in die Wüste, schwanger, mittellos, unbeachtet.
Und dort erfährt sie Gottes Nähe.
Er sieht sie und spricht zu ihr.
Verspricht ihr eine Zukunft: dass der Sohn, den sie in sich trägt, sich behaupten wird.
Dass ihre Nachkommen so zahlreich werden, dass sie unzählbar sind.
Hagar staunt: Du bist ein Gott, der mich ansieht.
Und das Ansehen richtet sie auf, gibt ihr neuen Mut.
Sie kann zurückkehren, sich der unzumutbaren Situation stellen.
Denn Ansehen ist Lebensnahrung.
Angesehenwerden ist Grundnahrungsmittel für die Seele.
Wer übersehen wird,
an wem immmer vorbeigesehen wird,
der verdorrt, verhungert innerlich.



Bist du mal übersehen worden?
Wie hat sich das angefühlt?
Werde ich angesehen, gewinne ich Ansehen.
Werde ich angesehen, werde ich Person, bin ich etwas, von Bedeutung, existent.
Werde ich nicht angesehen, existiere ich nicht.
Ansehen heißt Zuwendung.
Das muss nicht mit Augen geschehen, das ist nicht entscheidend.
Ich werde erkannt, beachtet.

Ansehen schätzt Menschen und Dinge wert,
sagt: Es ist gut, dass du da bist, dass es dich gibt.
Schon in der Schöpfungsgeschichte ist das so.
Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte,
und siehe: Es war sehr gut!
Wahrnehmen gehört dazu, nicht nur machen.
Oder mit verschlossenen Augen durch die Welt gehen.
Mach die Augen auf und dein Herz weit!
Du kannst das, weil du selbst angesehen bist.

Also: Sieh den Menschen hinter der Rolle, die er spielt.
Sieh den Menschen hinter der Not, die ihn zu überdecken droht.
Sieh den Menschen hinter der Fassade, die er errichtet hat, weil er zu viele schlechte Erfahrungen mit scheelen Blicken gemacht hat.

Ich habe mal den Spruch gelesen:
"Jeder, den du triffst, kämpft einen Kampf, von dem du nichts weißt.
Sei gütig. Immer."

Als Jesus einmal gefragt wird, ob man dem römischen Kaiser Steuern zahlen soll,
lässt er sich eine Münze zeigen und fragt:
Wessen Bild ist darauf zu sehen?
Die Antwort: Das Bild des Kaisers.
Jesus: Dann gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.
In die Münze ist das Bild des Kaisers eingeprägt.
Wo ist das Bild Gottes eingeprägt?

"Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau." (Gen 1, 27)
Ebenbilder Gottes.
Oder, für heute gesagt:
Wir sind Selfies Gottes.
Stell dir vor: Du folgst Gott auf Instagram.
Er postet Selfies von sich, am laufenden Band.
Was zeigen sie?
Die Menschen hier um dich herum,
draußen auf der Straße, beim Bäcker, beim Arzt, in der Apotheke, beim Friseur.
Männer und Frauen, heute vor allem Frauen, am Weltfrauentag.
Selfies von Gott:
Sie zeigen auch die Menschen an Grenzübergängen,
Menschen auf Booten.
Menschen mit 5-Gänge-Menü vor sich, andere mit einem Schälchen Reis.
Sie zeigen leider auch die Machtbesessenen, die Mobber, die Diskriminierer, die Folterer:
Eher Zerrbilder als Ebenbilder Gottes -
obwohl sie das doch sind.
Das andere haben sie aus sich gemacht;
aus sich machen lassen.
Wie wurden sie wohl angesehen,
dass sie ihr Ansehen jetzt so missbrauchen?

Du siehst die Selfies Gottes
Jeden Tag
in der Zeitung, im Fernsehen, im Internet,
zu Hause, in der Schule, auf der Arbeit, auf dem Bau, im Großraumbüro,
am Pflegebett, im Pflegebett.
Selfies Gottes.
Und du siehst ein Selfie Gottes: Wenn du in den Spiegel schaust.

Selfies Gottes.
Jeden Tag, hundertfach, vielfältig.
Stell dir vor, dass du sie nicht einfach vorbeiscrollst,
sondern zumindest "Gefällt mir" klickst, bei jedem Einzelnen, egal, wie es aussieht, in welcher Situation, in welcher Lebenslage.
Das Herzchen anklicken als Zeichen
für Dankbarkeit und Mit-Freude bei Schönem,
als Zeichen für Solidarität und Mit-Leiden bei Traurigem, Schmerzlichem.
Dass du Anteil nimmst.
Und stell dir vor, dass du hier und da einen hilfreichen, wertschätzenden Kommentar übrig hast - Love Speech statt Hate Speech.
Und stell dir vor, du machst das im Hier und Jetzt, im echten Leben.

Du selbst und jeder Mensch um dich herum ein Selfie Gottes,
dem es mal gut geht und mal schlecht,
der mal arm ist und mal reich,
mal rot, mal gelb, mal weiß, mal schwarz,
der mal Kind ist und mal groß,
der mal Mann ist und mal Frau.
Und all das ist ein und dasselbe Profil,
und das heißt: Gottes Welt, Gottes Schöpfung.
Wie sollte ein Selfie, ein Ebenbild sich über das andere erheben und sagen: Ich bin besser als du, ich zähle mehr?
Sie zählen alle.
Wir zählen alle.
Ein Panoptikum, wörtlich: All-Sehendes, eine Gesamtschau des Einen,
von dem wir herkommen.
Und Gott sah an alle, die er gemacht hatte, und siehe: Sie waren sehr gut.

Du bist ein Gott, der mich ansieht.
Du siehst mich.
Und ich seh dich.
Und dich. Und dich.
Amen.

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