Donnerstag, 25. September 2008

Die Goldene Regel stammt nicht von Jesus!



Beim Vortrag des EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Dr. Wolfgang Huber, vorgestern auf dem Deutschen Pfarrertag in Speyer, habe ich mal wieder etwas dazugelernt. Bisher war ich der Meinung, die Ursprungsfassung der "Goldenen Regel" sei die positive, wie sie Jesus in der Bergpredigt formulierte:
"Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!"
(Matthäus 7,12a; Luther 1984)
Ich dachte, erst der Volksmund habe diese Regel zum Sprichwort in der Negativfassung umformuliert. Tatsächlich findet sich genau dieses aber bereits im apokryphen Buch Tobit (Tobias in der Lutherbibel):
"Was dir selbst verhasst ist, das mute auch einem anderen nicht zu!"
(Tobit 4,15; Einheitsübersetzung)

"Was du nicht willst, daß man dir tue, das tu einem andern auch nicht."
(Tobias 4,16; Luther 1912)

"Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu."

(Tobias 4,16; Luther 1984 mit Apokryphen)
Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet WiBiLex.de bezeichnet diese Regel unter Punkt 2.5 5) sogar als "Gipfelpunkt der ethischen Weisungen des Tobitbuches".

Das Buch Tobit ist etwa 200 Jahre vor Christi Geburt entstanden. Es hat also nicht der Volksmund die Positivfassung der Goldenen Regel aus der Bergpredigt Jesu verändert, hin zu einer "Ich-tu-dir-nichts-tu-du-mir-auch-nichts"-Version. Sondern Jesus hat auf diese bereits bekannte Regel zurückgegriffen und ihr einen neuen, aktivierenden, viel fordernderen Dreh gegeben.

Wie auch Bischof Huber in seinem Vortrag deutlich machte, dass die negativ formulierte Goldene Regel durchaus eine gute ethische Weisung ist, sie aber in manchen Fällen zu absurden Konsequenzen führt. So müssten die freundlichen Damen vom Ordnungsamt darauf verzichten, Knöllchen auszustellen - denn sie selbst würden solche bestimmt auch nicht gerne haben wollen, und "was du nicht willst, dass man dir tu ..."

Kommentare:

  1. Es freut mich, das Sie auf meine WebSite verweisen.

    Jens Grabner

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  2. ... ist keine absurde Konsequenz. So die Dame vom Ordnungsamt sich an die Goldene Regel gebunden fühlt, mag sie argumentieren: "Auch ich möchte ermahnt werden, wenn ich die StVO (welche mir heilig ist)aus Nachlässigkeit nicht einhalte und dadurch mich und/oder andere in Gefahr bringe."

    Was Jesus wohl von dem Masochisten, der sein Leben lang der Goldenen Regel gefolgt ist und anderen Schmerzen zugefügt hat, hält? Wir wissen es nicht und das ist auch gut so...

    mfG

    Die Dame vom Ordnungsamt

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    1. Ha, mein Respekt vor der Dame vom Ordnungsamt steigt gewaltig. Für diesen Gedankengang muss sie mindestens Stufe 5 der moralischen Entwicklung nach Kohlberg erreicht haben ;-)

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