Montag, 14. September 2020

Neben Zachäus auf dem Ast - Bis nach Moria schauen

 Predigt im Gottesdienst am 14. Sonntag nach Trinitatis, 13.09.2020, in der Prot. Kirche Altrip

Predigttext: Lk 19, 1-10

Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. 2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. 5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.
7 Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. 8 Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. 9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Predigt[1]

Liebe Gemeinde!

Das ist jetzt schon ein bisschen paradox:

Ich klettere auf die Kanzel, um besser gesehen und gehört zu werden, wenn ich rede – rede von einem, der auf einen Baum geklettert ist, um besser sehen und hören zu können: denjenigen, der da in die Stadt kommt, von dem alle reden, und der zu den Menschen redet wie sonst noch keiner.

Aber so sind wir es gewöhnt:

Wer etwas zu sagen hat, der steigt hinauf – auf eine Kanzel, eine Bühne; der tritt nach vorne – an ein Redepult; der sitzt vorne, am Kopfende.

Bei Jesus ist das oft anders. Gut, zur Bergpredigt ist er auch ein bisschen höher hinaufgestiegen, um zu den vielen sprechen zu können. Und ein anderes Mal heißt es, er sei in ein Boot gestiegen und ein kleines Stück hinausgefahren, um von dort zu den Menschen am Ufer zu sprechen.

Aber meistens, so kommt es mir vor, ist er doch mitten unter den Menschen, umringt von ihnen, sobald er irgendwo hinkommt. Denkt an die Geschichte mit dem Gelähmten, den seine Freunde durchs Dach herablassen zu Jesus, weil das Häuschen so voller Leute ist, dass sie nicht mehr durch die Tür kamen.

Und hier kommt Jesus nach Jericho, und gleich umgibt ihn eine Menge, so dass jemand von kleinerer Gestalt wie Zachäus keine Chance hat, auch nur einen Blick auf ihn zu erhaschen.

Abgesehen davon hatte diese Menge wahrscheinlich ohnehin keine große Lust, diesen Zachäus etwas sehen zu lassen. Zachäus, ein Oberer der Zöllner, ein Reicher. Reich durch seine Kollaboration mit der römischen Besatzungsmacht. Für sie nimmt er Zölle und Steuern ein und wirtschaftet dabei ordentlich in die eigene Tasche.

Das mag ein Teufelskreis sein, schicksalhaft aus Sicht des Zachäus,
etwas, woran er nichts ändern kann.
Es ist das, womit er seinen Lebensunterhalt verdient.

Er hat sich seine Position erarbeitet,
aber er wird dafür verachtet und abgelehnt.

Also nimmt er wenigstens das Geld, immer etwas mehr als nötig, zum Ausgleich, um sich sein gutes Leben zu sichern,

wenn er denn schon keine Freunde hat, ja, als Sünder angesehen wird;

einer, der Schuld auf sich lädt durch das, was er tut:
andere betrügen und schröpfen, auf ihre Kosten leben.

Damit  hat er sich vielleicht abgefunden;
dass es so ist.
Was soll er schon machen?

Aber eine gewisse Neugier auf das, was um ihn herum geschieht, hat er sich doch erhalten,
hat auch gehört von diesem Jesus,

und dass er das Leben von Menschen verändert hat,

ihre Sichtweise auf das Leben,

ihre Beziehung zu Gott.
Männer und Frauen ziehen mit diesem Jesus,
die dafür alles andere hinter sich gelassen haben.
Raus aus dem Trott,
dem Teufelskreis,
dem „Was soll ich schon machen?“

Zachäus will sehen und hören, was dran ist an diesem Jesus.
Er rechnet eigentlich nicht mit irgendeiner Konsequenz für sich selbst; dazu ist er zu sehr in seiner üblichen Vorstellungswelt gefangen – und zu sehr geprägt vom Gefühl der Ablehnung durch alle anderen.

Aber er will zumindest als distanzierter Beobachter dabei sein. Seine Motivation beschreibt der Bibeltext lapidar und nüchtern: Er begehrte Jesus zu sehen, „wer er wäre“. Was ist das denn wohl für einer? - Das war einfach das, was er wissen wollte.

Und so klettert er auf diesen Maulbeerbaum. Das aber bringt es mit sich, dass nicht nur  er selbst einen besseren Überblick bekommt und Jesus gut sehen kann, sondern dass Jesus selbst auch auf Zachäus aufmerksam wird und ihn sehen kann.

Um Jesus herum werden sie geflüstert und gelästert haben:
Guck mal, der Zachäus, der Gernegroß. Muss auf den Baum klettern, damit er was sehen kann. Geschieht ihm recht. Knöpft allen das Geld ab. Was braucht der noch zu Jesus zu kommen.

Klettern wir mit Zachäus auf den Maulbeerbaum.
Klettern wir hinauf, wir Kleinen, Kleine im Glauben.

Klettern wir hinauf, wir, die wir so oft sagen oder denken: Was kann ich schon tun? Was soll ich denn schon machen?

Klettern wir mit Zachäus auf den Baum,

um den Überblick zu bekommen.

Um nach Jesus Ausschau zu halten.

Dein Blick auf Jesus ist doch so oft verstellt.
Wenn du hinaufsteigst, um den Überblick zu bekommen,
hinauf-hinaus aus dem Alltagstrott,
aus dem, was du glaubst tun zu müssen,
woraus du meinst nicht entrinnen zu können,
dann siehst du ihn und hörst ihn,
und dein Blick wird weit

über deinen Tellerrand hinaus.

Wenn du hinaufsteigst
und sich dein Blick weitet auf Jesus
,
dann auch noch auf viel mehr:

Wir sitzen neben Zachäus auf dem Ast,
halten Ausschau nach Jesus,
und wir sehen…

… bis nach Berlin,
wo Rechtsextreme mit Reichsflaggen die Demo gegen die Corona-Maßnahmen kapern, ihre Symbole in den Vordergrund drängen

und diejenigen mit Regenbogen/Peace-Fahnen daneben gehen, als wäre nichts, als passe das irgendwie zusammen, eine demokratische und eine rechte Gesinnung.

Du kannst ja Verständnis haben,
dass Menschen auf die Straße gehen, denen das Wasser bis zum Hals steht,
Menschen, die in Kurzarbeit sind und nicht wissen, ob sie morgen ihre Arbeit verlieren,
Menschen, die es so sehr vermissen, dass sie wieder einander begegnen können, ohne Abstand, ohne Maske, ohne den Geruch von Desinfektionsmittel.
Du kannst ja vielleicht Verständnis haben, dass die all den Einschränkungen, die das Virus mit sich gebracht haben, widersprechen, weil sie Angst haben, ihrer Freiheitsrechte beraubt zu sein.
Aber kein Verständnis kann es doch geben, dass sie sich gemein machen mit denen, die die Freiheit und die Grundrechte eigentlich gar nicht wollen, die Fahnen und Überzeugungen mit sich führen aus anderen Zeiten und Wirklichkeiten, die wir für längst vergangen angesehen haben.

Wir sitzen neben Zachäus auf dem Ast,
halten Ausschau nach Jesus,
und wir sehen…

… bis zum Flüchtlingslager in Moria auf der Insel Lesbos.
Das größte in Europa.
Und uns stehen die Flammen vor Augen, die das Lager in der Nacht vom 8./9. September zerstört haben.
Den schutz- und asylsuchenden Menschen ist in dieser Nacht alles genommen worden. Viel zu lange schon hatten viel zu viele die Augen verschlossen vor den katastrophalen Bedingungen, unter denen Menschen dort leben müssen.
Zachäus will am Ende das Vierfache zurückgeben an die Betrogenen. In Moria leben mehr als viermal so viele Menschen, als wofür es ursprünglich ausgelegt war.
Darunter 4000 Kinder und Jugendliche. Davon sollen jetzt 400 nach Europa kommen dürfen. Ein Viertel davon nach Deutschland, und unser Bundesinnenminister preist das als ein „konkretes Beispiel praktizierter Nächstenliebe“. Der blanke Hohn. Eher ist es ein konkretes Beispiel kollektiven Versagens der EU. Kommunen und Bundesländer haben angesichts der Lage in Moria schon seit Monaten Bereitschaft zur Aufnahme gezeigt.

Wir sitzen neben Zachäus auf dem Ast,
halten Ausschau nach Jesus,
und wir sehen…
… bis zu den Waldbränden in Kalifornien
… bis zum Amazonasgebiet in Brasilien, wo der Regenwald dieses Jahr so schnell abgeholzt wurde wie noch nie.

Wir sitzen neben Zachäus auf dem Ast,
halten Ausschau nach Jesus,

und wir sehen…

… bis in die Sahelländer Burkina Faso, Mali und Niger.
Von Januar bis Juli dieses Jahres sind dort 85 Attacken auf Schulen, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrpersonal verübt worden. Angreifer sind bewaffnete Gruppen, die Schulgebäude niederbrennen und Personal, Kindern und Jugendlichen mit Entführung oder Ermordung drohen. Dutzende Schulen werden als Kasernen von Rebellengruppen und Regierungsarmeen zweckentfremdet.

Wir sitzen neben Zachäus auf dem Ast,
halten Ausschau nach Jesus,
und wir sehen…

… bis zu den Menschen in Belarus, die seit Wochen mit friedlichen Protesten auf die Straße gehen. Mit brutaler Gewalt werden sie angegriffen, eingesperrt und sollen mundtot gemacht werden.
Unzählige Menschen auf der Welt kämpfen gegen Diktaturen, korrupte Regierungen oder tyrannische Machthaber.
Am 15. September ist der Internationale Tag der Demokratie. Die Vereinten Nationen haben 2008 diesen Tag dazu erklärt, um auf das Recht auf freie und unabhängige Wahlen hinzuweisen und damit Einfluss auf die politischen Geschicke des eigenen Landes zu nehmen.

So sitzen wir, du und ich, neben Zachäus auf dem Ast
und halten Ausschau nach Jesus…

… und dann will Jesus bei dir, bei mir zu Hause einkehren!
An deinem Tisch sitzen,
mit dir essen,
sich mit dir unterhalten
über dein Leben und über Gott und die Welt.

Ist dann nicht die Frage,
wie du vor diesem Gast erscheinen willst?

Er verlangt gar nichts von dir.
Er stellt Zachäus keine Bedingung: Wenn du dies oder jenes tust, dann komme ich zu dir.
Nein: Er kommt einfach. Lädt sich ein. Wird dein Gast sein.

Und auf einmal ist es eher das: wie du dich selbst siehst, 
wie du mit dir selber klarkommst,
mit deiner Haltung, deiner Einstellung zum Leben,
zu Gut und Böse,
zu denen, die dir nahestehen – und denen, die weit weg und fremd für dich sind.

Jesus stellt dir keine Bedingung dafür, dass er zu dir kommt,
dir seine Wertschätzung erweist
als Mensch, als Geschöpf, als Kind Gottes.
Er fragt nicht, ob du das verdienst.
Aber die Liebe, die dir durch ihn widerfährt
 – Du bist Gottes geliebtes Kind –
diese Liebe lässt dich selbst fragen, womit du sie verdienst.

Wenn Jesus sich zu dir einlädt,
dann wirst du dich selbst vor die Entscheidung stellen,
mit wem du dich gemein machst.

Die Begegnung von Jesus und Zachäus kann uns helfen,
eine Entscheidung zu treffen.
Der Menschensohn ist gekommen,
um die Verlorenen zu suchen und zu retten.

Wir müssen entscheiden,
mit wem wir uns gemein machen,
aber Jesus nimmt uns die Entscheidung nicht ab,
damals den Leuten nicht, die spotteten
und mit dem Finger auf ihn zeigten,
und heute nicht,
wenn wir gefragt sind, wo wir,
ja viel mehr noch: bei wem wir stehen,
mit wem wir gehen,
mit wem wir uns gemein machen.

Der Menschensohn ist gekommen,
um die Verlorenen zu suchen und zu retten.

Für die Freiheit,
in einer Welt,
die nach Gott fragt und die uns braucht,
hier und jetzt.

Amen.



[1] Quellenangaben: Zwei Predigtpassagen habe ich übernommen von Christof Vetter 2020, https://www.facebook.com/groups/537248289643852/permalink/3314335751935078/. Für die Informationen zu Moria, der Situation im Sahel sowie in Belarus habe ich auf ein Fürbittengebet von Brot für die Welt zurückgegriffen: https://www.brot-fuer-die-welt.de/gemeinden/fuerbitte/2020-bitte-um-gerechtigkeit-und-frieden-weltweit/


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