Donnerstag, 14. April 2022

Wenn unsere Osterkerze erzählen könnte ...

Anstelle einer Predigt im Gottesdienst mit Tischabendmahl und Ölbergstunde am Gründonnerstag, 14. April 2022

Sie hat ganz schön was mitgemacht,
die Osterkerze in unserer protestantischen Kirche in Altrip.
Zwei Jahre hat sie uns begleitet oder auch Wache gehalten in der Kirche zu Zeiten, als dort nichts oder nur wenig stattfinden konnte.
Um die Hälfte ist sie geschrumpft, richtig klein geworden, als habe sie die Last der beiden Jahre gebeugt.
Ich bin das Alpha und das Omega, das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte, spricht Gott (Offb 22,13) – und das ist auf der Osterkerze symbolisiert durch eben diese griechischen Buchstaben. Auf dem linken Bild ist das Alpha noch zu sehen. Auf dem Bild rechts ist es schon ganz weggeschmolzen, die Flamme nähert sich dem obersten Wundnagel; dazwischen ist eine Jahreszahl – 2021 – dazugekommen … und unten wartet das Omega, das Ende.
Wenn unsere Osterkerze erzählen könnte – wie klänge das? Vielleicht so:

Am Anfang war ich noch ganz weiß. Und wie lang ich war.
Eine reine, schneeweiße, sehr lange Kerze.
Rein und schön – aber noch ohne Persönlichkeit, ohne Individualität.
Eine von vielen wie ich.
Damals, Anfang 2020.
Dann kam ich nach Altrip, in die Hände eines geschickten jungen Mannes. Er machte sich Gedanken, wie ich aussehen sollte als neue Osterkerze für die Altriper protestantische Kirche.

Er dachte an das Wort vom Anfang und Ende, Alpha und Omega, dass Gott der Erste und der Letzte sein würde, wie viele Jahre auch kommen und gehen, und dass Christus im Mittelpunkt steht.
So gestaltete er ein grünes Kreuz für die Mitte
und setzte die Jahreszahl 2020 an den Fuß des Kreuzes
Und das Alpha darüber und das Omega darunter.

Meine Aufgabe als Kerze ist es, an die Auferstehung zu erinnern.
Das Licht, das mit mir leuchtet, es symbolisiert das Licht, das mit Jesus Christus in die Welt gekommen ist.
Wie er im Johannesevangelium spricht:
„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8, 12)

Erstmals entzündet wurde ich in der Nacht vom 11. auf den 12. April 2020. Die Osternacht.
Ich hatte mir das feierlicher vorgestellt,
mit viel mehr Menschen, die beten und singen.
Und auch das Feuer, an dem ich meine erste Flamme fing, wäre größer, dachte ich.
Aber nur drei Menschen waren zugegen.
Jemand entfachte das Feuer.
Jemand sprach ein Gebet.
Jemand hielt mich ins Feuer.
Und dann wurde ich in die dunkle Kirche getragen und an meinen Ort gestellt.

In den Wochen, die folgten, war ich dort meistens allein.
Keine Orgel erklang.
Keine Predigt war zu hören.
Manchmal hörte ich Menschen am Kircheneingang.
Sie pflückten etwas von einer Leine, die dort gespannt war – den „Gottesdienst zum Mitnehmen“, wie ich hörte.
Alles wegen etwas, das Corona hieß, fand ich endlich heraus.
Immerhin, Einzelne kamen gelegentlich herein, setzten sich in eine Bank, fanden ein wenig Trost und Besinnung in der Kirche, in meiner Gegenwart … ohne dass ich brannte.

So ging es ein paar Wochen, dann war es endlich so weit.
Ich durfte brennen für meinen ersten Gottesdienst.
Wenn auch immer noch vieles anders war: In maskierte Gesichter blickte ich. Gesungen wurde auch nicht, nur gesummt – und später nicht einmal mehr das. Immerhin, die Orgel war dann doch zu hören, und die Liedtexte dazu gesprochen.
Aber ich konnte wieder meiner Aufgabe nachkommen in den folgenden Wochen und Monaten: zu leuchten für alle, die kommen und miteinander Gottesdienst feiern, Männer wie Frauen, Alte wie Junge, Große wie Kleine, Arme wie Reiche – und ihnen allein durch meinen Anblick zu sagen: Das Licht der Welt ist für euch gekommen. In Christus hat Gott den Tod überwunden. Ihr braucht keine Angst zu haben. Fürchtet euch nicht.

Traurig war ich dann schon, als im Dezember 2020 ausgerechnet diejenigen Gottesdienste abgesagt wurden, in denen wir die Geburt Jesu Christi feiern. Wenigstens für zwei Videogottesdienste wurde ich entzündet – und brannte dann eben im Internet, für jeden und jede, der es sich ansehen wollte, an Weihnachten selbst und auch noch den Tagen danach.

Eine große Ehre war es für mich, als es hieß, dass ich ein weiteres Jahr meine Gemeinde begleiten sollte. Das ist unter uns Osterkerzen eher unüblich – die meisten meiner Kolleginnen dienen ein Jahr lang, dann geben sie den Staffelstab an ihre Nachfolgerin weiter. Aber ich hatte ja eben wiederum viel weniger Gelegenheit zu leuchten als meine Vorgängerinnen …

Leider war mir erneut kein großer Osternachtsgottesdienst vergönnt. Schuld war die so genannte „dritte Welle“, wie mir zu Ohren kam. Diesmal waren es gar nur zwei Menschen, die mich in der Nacht vom 3. auf den 4. April 2021 am kleinen Osterfeuerchen für ein neues Jahr unter dem Zeichen der Auferstehung entfachten.

Aber es wurde besser.
Die Gottesdienstbesucher sangen wieder.
Kinder wurden getauft, manchmal in separaten Taufgottesdiensten; Paare empfingen den Segen für ihre Ehe. Und ich leuchtete ihnen.

Zwei Wochenenden im Sommer 2021 habe ich besonders in Erinnerung. Denn da verließ ich den Platz in meiner Kirche. Auf dem Kindergartengelände wurde ein Tauffest gefeiert, bei dem fünf Kinder getauft wurden. Am Tag darauf gab es einen ökumenischen Sommergottesdienst mit Posaunenklängen. Und am Wochenende darauf entzündeten die Konfirmanden der Jahrgänge 2020 und 2021 ihre Konfirmationskerzen an mir. Das war schön!

Auch Weihnachten 2021 war für die Menschen um mich herum wohl recht aufwändig. So viele kleine Gottesdienste mit weniger Besuchern – und zusätzlich wieder mehrere Videogottesdienste … und allen schenkte ich mein Licht.

Jetzt ist meine Kraft fast verbraucht.
Zwei Jahre lang habe ich meine Gemeinde während einer Krise begleitet.
Seit kurzem ist nun eine andere, schlimme Krise über die Welt hereingebrochen. Auch in diesen letzten Wochen hat meine Flamme in den Gottesdiensten trotzig geleuchtet: Gott ist stärker als der Tod. Das Licht ist stärker als die Finsternis.

Aber nun gebe ich bald mein Amt und meine Aufgabe an eine Nachfolgerin ab.
Ich wünsche ihr von meinem Kreuzesherzen nur das Beste. Möge sie vielen Menschen Trost und Hoffnung spenden.
Und möge sie in ihrer Zeit auch wieder Frieden sehen.
Amen.


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