Montag, 24. Oktober 2016

Drei Monate Paper.li Pro - ein Erfahrungsbericht

Ein Rückblick

Im Sommer 2010 ging Paper.li an den Start. Ich war ein "Early Adopter", neugierig, wie das wohl funktionieren würde, damit eine eigene Online-Zeitung zu erstellen. Und ich wählte die denkbar einfachste Herangehensweise: Meine Twitter-Liste, in der ich alle mir bekannten twitternden evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer zusammenfasste, existierte ja ohnehin bereits. Also erstellte ich ein Paper.li mit dem wenig kreativen, dazu noch denglischen Titel "The EvPfarrer's Daily" und speiste die Pfarrer-Twitterliste als einzige Quelle ein. Den Rest machte der Algorithmus automatisch: jeden Tag zu einer bestimmten Zeit die relevantesten Tweets noch einmal im Zeitungslayout aufbereitet zusammenzustellen. Auf meinem Twitteraccount erschien zeitgleich ebenfalls automatisiert ein Tweet, der auf die aktuelle Ausgabe hinwies und zudem einige der Kolleg/innen, deren Beiträge darüber nochmals verbreitet wurden, per @-Erwähnung darauf aufmerksam machte.



Für mich selbst überraschend fand die "Zeitung" einige Resonanz.

Offenkundig wurde sie für manche tatsächlich zum regelmäßigen - täglichen - Anlaufpunkt. Ich erhielt Dankesäußerungen für darüber weiterverbreitete Beiträge - und gelegentlich Anfragen, ob ich diesen oder jenen Beitrag aufnehmen könnte. Ich erinnere mich auch, dass Ralf Peter Reimann in mindestens einem Vortrag das Projekt als Beispiel guter Social Media Praxis vorstellte.

Ich war deshalb überrascht, um nicht zu sagen, hin und wieder gar etwas peinlich berührt, weil ich dieses Paper.li nach der Ersteinrichtung ja weitgehend sich selbst überließ. Ich brauchte gar nichts mehr aktiv beizutragen, weil der Algorithmus alles selbst erledigte. Hin und wieder musste ich genau das erläutern, wenn die Kategorie-Einteilung eines Beitrags etwas eigenartig war oder jemandem nicht verständlich war, weshalb ein auf Twitter häufig geteilter oder favorisierter Tweet nicht im Paper.li erschien. Die genauen Kriterien, nach denen Beiträge ausgewählt werden, sind dabei bis heute nicht einsichtig.

Der (Neu-)Anstoß

Anfang April 2016 war mir einmal wieder der Titel des Paper.li ein Dorn im Auge und ich fragte auf Twitter und Facebook nach alternativen Vorschlägen. Neben solchen kamen verschiedene kritische Reaktionen. So bezeichneten sowohl Wibke Ladwig als auch Knut Dahl Paper.li als Spam. Und Philipp Greifenstein war der Ansicht, "dass es in letzter Zeit eklektischer und imho weniger interessant geworden" sei. Ohne "ordnende Redaktion" verliere es sich "im Allgemeinen, Bekannten und wenig Überraschenden". Er jedenfalls "finde inzwischen weniger lesenswertes Unbekanntes darin. Die Artikel der großen Medien werden ja anderweitig genug angeboten". Diese Einschätzung konnte ich durchaus teilen. Offenbar hatte die Twitterliste als zugrunde liegende Quelle mittlerweile eine kritische Größe überschritten, so dass die "Nischenbeiträge" im Paper.li-Algorithmus keine Chance mehr hatten, sich gegenüber den - auch von Pfarrer/innen geteilten - großen Schlagzeilen durchzusetzen.

Der Plan

Es reizte mich nun doch, einmal auszuprobieren, wie weit ich diese "Zeitung" meinen Wünschen (und denen der Leserinnen und Leser) anpassen konnte, wenn mir alle Funktionen zur Verfügung stünden. Also wechselte ich auf die Pro-Version, Kostenpunkt ca. 10€ monatlich.
Meine vorrangigen Ziele waren:
  • die Quellen so anzupassen, dass das Paper.li wieder einen Mehrwert gegenüber den großen Schlagzeilen-Portalen hätte
  • die Kategorien im Blick auf die gewünschten Inhalte gezielter zu benennen und die Zuordnung zu den Kategorien zu optimieren
  • die besseren Möglichkeiten zur Verbreitung in den sozialen Netzwerken zu nutzen
  • dabei den händischen/zeitlichen Aufwand weiterhin möglichst gering zu halten
  • und über die Ausnutzung der Ad-Plätze abzuschätzen, ob mittelfristig ein zumindest teilweiser "Return of Investment" im Bereich des Möglichen liegt.

Die Umsetzung

1.) Quellen

Zunächst reduzierte ich leicht die zugrunde liegende Pfarrer-Twitterliste. Dazu kopierte ich sie komplett in eine neue Liste und machte diese zur Quelle. Dann schaute ich mir in den jüngsten Paper.li-Ausgaben die Artikel an, die ich im Paper.li eigentlich eher nicht sehen wollte - nämlich eben die "großen Meldungen", die an vielen anderen Stellen ebenfalls zu lesen waren. Ich rief die Twitterprofile derjenigen Kolleg/innen auf, welche diese Artikel geteilt hatten und durchforstete ihre letzten 40-50 Tweets. Waren darunter - nach meinem subjektiven Empfinden - zu viele weitere solcher Artikel verlinkt, entfernte ich den- oder diejenige aus der Liste. Des weiteren speiste ich einen RSS-Feed als Quelle ein, in dem ich eine Vielzahl mir bekannter Pfarrer/innen-Blogs zusammengefasst hatte. Ein paar weitere Twitterlisten mit kirchlichen bzw. christlichen Accounts kamen hinzu. In der Pro-Version besteht auch die Möglichkeit, die Reihenfolge der Quellen nachträglich individuell festzulegen, so dass die zuerst genannten häufiger zum Zuge kommen als die zuletzt genannten. Damit experimentierte ich ein paar Tage herum, bis ich das Gefühl hatte, dass sich die Artikelauswahl tatsächlich deutlich verändert hatte, und zwar zum Besseren.

2.) Kategorien

Mit den Kategorien bzw. "Zeitungsrubriken" war ich weniger erfolgreich. Zwar erlaubt die Pro-Version, die Rubriken ganz nach eigenem Gusto umzubenennen. Dies hat allerdings keine Auswirkungen auf die Auswahl der Artikel, welche unter der jeweiligen Rubrik erscheinen. Wenn ich etwa die Rubrik "Technologie" in "Theologie" umbenenne, erscheinen darunter dennoch die von Paper.li für die Rubrik "Technologie" ausgewählten Artikel. Der Rubrikentitel lässt sich nicht einmal wenigstens als Suchbegriff definieren. Das ist äußerst enttäuschend. Welchen Sinn hat es, eine Rubrik umzubenennen, wenn hinterher genau die gleichen Artikel dafür ausgewählt werden wie vorher? Das ließ ich also bald wieder sein, entschied mich aber zumindest noch dafür, auch keine Einschränkung der Rubrikenanzahl vorzunehmen - so dass die maximal mögliche Anzahl von Artikeln für das tägliche Paper.li ausgewählt werden würde, unter welcher Rubrik sie auch immer erscheinen mögen.

3.) Verbreitung

Der "Spam"-Effekt von Paper.li entstand in meinem Fall - wie in vielen anderen Fällen wohl auch - dass meine Twitternutzung seit einiger Zeit stark abgenommen hat, so dass phasenweise der tägliche Tweet mit dem Text "The EvPfarrer's Daily ist soeben erschienen! ..." etc. auf meinem Account als einziges zu lesen war und ist. Für Facebook erschien mir das selbst zu viel des Guten, weshalb ich dort darauf verzichtet hatte. In der Pro-Version ist es allerdings möglich, statt des allgemeinen Link-Hinweises auf die frisch erschienene Zeitung auch automatisch die jeweilige Top-Meldung des Tages posten zu lassen. Sieht dann z.B. so aus:


Das ist eigentlich ganz nett, wenn es auch zwei Nachteile hat: Zum einen steht darunter nicht der Name desjenigen, der diesen Artikel tatsächlich geteilt hat, sondern "von Alexander Ebel". Man könnte sogar meinen, ich hätte ihn nicht nur geteilt, sondern sogar geschrieben. Gemeint ist, dass das Paper.li (auch unter der Domain theologiezentrum.de erreichbar) von mir zusammengestellt ist und mir "gehört". Zum anderen ist das mit der automatischen Veröffentlichung tückisch. Zwar waren es meistens Artikel, die ich selbst ganz interessant fand - und auf die ich so durch mein eigenes Facebookprofil hingewiesen wurde. Aber manchmal waren eben auch Artikel dabei, die ich persönlich nicht geteilt hätte, jedenfalls nicht ungelesen und unkommentiert. Diese habe ich dann im Nachgang von meinem Profil wieder gelöscht bzw. sie verborgen.

4.) Aufwand

Ein paar Tage lang hatte ich mit der Pro-Möglichkeit herumgespielt, zunächst einen Zeitungsentwurf erstellen zu lassen, diesen manuell zu ergänzen bzw. die Rubrikenzuordnung anzupassen und dann erst selbst zu publizieren. Bald war klar: Diese Zeit kann ich mir nicht dauerhaft täglich nehmen. Also wechselte ich wieder zur Vollautomatik, womit sich - nach der Ersteinrichtung - der Aufwand wieder auf nahezu Null reduzierte.

5.) Werbung

Um die Möglichkeit der Monetarisierung durch Anzeigenplätze nutzen zu können, welche die Paper.li-Pro-Versio bietet, musste ich die Zeitung zunächst mit einer eigenen Domain verknüpfen. Meine Domain theologiezentrum.de darbte ohnehin schon seit Jahren vor sich hin; insofern war sie eine geeignete Kandidatin, wenn auch der Name nicht ganz zum Online-Zeitungsprojekt passt.
Ich band dann drei Amazon-Affiliate-Anzeigenplätze ein sowie einen Google-Adsense-Platz. Mit Amazon hatte ich einige Schwierigkeiten, weil die meisten Widgets nicht funktionierten. Ich könnte schwören, dass ich auf den Paper.li-Hilfeseiten gelesen habe, dass aus Sicherheitsgründen JavaScript-Widgets nicht erlaubt sind. Als ich den Pro-Account schon wieder gekündigt hatte, habe ich es noch einmal ausprobiert, und auf einmal liefen die Widgets, und den Hilfetext konnte ich nicht mehr finden...

Ich glaube aber nicht, dass es am "Erfolg" etwas geändert hätte ...

Resonanz

Google Analytics (ebenfalls mit der Pro-Version nutzbar) spuckte mir für die drei Monate die folgenden Zahlen aus:

Zeitraum Seitenaufrufe Nutzer
20.4.-19.5. 564 181
20.5.-19.6. 481 183
20.6.-19.7. 387 209

Einnahmen über Amazon Ads: 0,00 €
Einnahmen über Google Adsense: 0,02 €

Fazit

Gut klappte die Anpassung der Quellen, die nach meinem Eindruck zu einer für die "Kirchen-Nische" wieder relevanteren Artikelauswahl führte,

Ein völliger Reinfall war für mich das Rubriken-Feature, das eine Personalisierung nur vortäuscht. Ich hielte dies für eines der wichtigsten Features, um die eigene Zeitung individuell gestalten zu können. Die einfache Umbennennungsfunktion ist meiner Ansicht nach überflüssig und sinnlos. Hier haben die Entwickler den Anschluss verpasst.

Funktionell dagegen mehr als in Ordnung, aber für mich persönlich nicht mit Erfolg zu nutzen: die Möglichkeit der Monetarisierung, also über Werbeanzeigen wieder einen Teil der Kosten herein zu bekommen.

Wieder auf Anfang. Fast.

Nach drei Monaten habe ich das Experiment "Paper.li Pro" für mich beendet und gekündigt. Seit 20.07. läuft "The EvPfarrer's Daily" wieder in der kostenlosen Basisversion. Es soll so weiter laufen wie zuvor, allerdings mit folgenden Änderungen:

  • Die Zeitung wird nicht mehr ausschließlich auf der Pfarrer-Twitterliste beruhen. In der Basisversion stehen 10 Positionen für Inhalte-Quellen zur Verfügung, und ich habe diese derzeit neben einigen weiteren Twitterlisten vor allem mit einem Diigo-Feed bestückt, der direkt - ohne den Umweg über Twitter - eine große Zahl von Pfarrer/innen-Blogs einspeist.
  • Ich überlege, die Erscheinungsweise zu reduzieren, von täglich auf vielleicht dreimal wöchentlich. Außerdem denke ich zur Entlastung meines Twitterprofils darüber nach, einen eigenen Twitteraccount für die Paper.li-Meldungen einzurichten. Wer sie empfangen will, könnte dann diesen Account abonnieren.

Spam?

Mein Paper.li "The EvPfarrer's Daily" ist in dieser Zeit der intensiveren Beschäftigung für mich selbst wieder wichtiger geworden. Gerade weil ich nicht mehr so häufig und konstant verfolge, was sich auf Twitter so tut, bietet mir die Zeitung einen guten Überblick, und ich stoße darüber regelmäßig auf interessante Beiträge. Also: Sie selbst ist kein Spam, bei weitem nicht. Nur mit der Art und Weise der Bewerbung muss man (ich) behutsam sein.

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